Ukraine-Krieg

Ukraine: Gräberfeld von Isjum – Wie Familie Stolpakov starb

| Lesedauer: 7 Minuten
Ukraine: Die Stadt Isjum nach der russischen Besetzung

Ukraine- Die Stadt Isjum nach der russischen Besetzung

FUNKE-Reporter Jan Jessen und Fotograf Reto Klar sind in Isjum in der Ost-Ukraine und berichten vom Fund eines großen Gräberfeldes, das nach dem Abzug der russischen Armee untersucht wird.

Video: FUNKE Zentralredaktion / Bettina Funk
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Isjum.  Bis zu 450 Leichen liegen in einem Gräberfeld am Rande von Isjum in der Ostukraine. Wer sind die Toten? Eine Spurensuche vor Ort.

In dem kleinen Waldstück am Eingang von Isjum hängt der faulig-süßliche Geruch des Todes zwischen den Bäumen. Männer in weißen Overalls heben den gelblichen Lehmboden aus, viele tragen Schutzmasken. Sie wirken, so leise wie sie sind, wie Gespenster im Zwielicht dieses bewölkten Tages.

Sie wuchten die Leichen aus den Gräbern, Forensiker begutachten die verwesten Körper, Polizisten machen Fotos. Dann legen die Männer in Weiß die sterblichen Überreste in schwarze Plastiksäcke und tragen sie an den Rand des Gräberfelds, dorthin, wo schon Dutzende dieser Säcke liegen. Gestern haben sie dort auch Olena, Dmytro und ihre Kinder Sasha und Oleysa abgelegt, vielmehr das, was von ihnen übriggeblieben ist.

Isjum ist eine Kleinstadt 125 Kilometer südöstlich von Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Ende März wurde Isjum von den russischen Streitkräften nach heftigen Kämpfen besetzt und als wichtiger Militärstützpunkt genutzt. Am 10. September befreiten die Ukrainer die Stadt.

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Ukraine-Krieg: Gräberfeld von Isjum – 450 Menschen notdürftig bestattet

Am Dienstag staut sich der Verkehr an einem Checkpoint am Stadtrand. Die lokale Polizei will keine Journalisten mehr in die Stadt lassen. Sie könnten Tatorte kontaminieren, heißt es, die Keller oder Zellen, in denen Menschen während der Besatzung gefoltert worden sein sollen.

Auf das Monument, auf dem oben der Ortsname prangt, hat ein Mensch mit blauer Farbe „Neu-Moskau“ gesprüht, wahrscheinlich ein russischer Soldat, der hier stationiert war. Vor dem Monument lassen sich jetzt ukrainische Soldaten und Zivilisten fotografieren.

Immer wieder steuern schwere Lastwagen die zerstörte Tankstelle am Checkpoint an, auf ihren Sattelaufliegern gepanzerte Transporter, auf denen ein „Z“ aufgemalt ist. Es sind Fahrzeuge, die die Russen bei ihrer Flucht zurückgelassen haben. Nach drei Stunden geht es endlich weiter Richtung Stadt.

Auf der rechten Seite taucht nach wenigen Kilometern, noch bevor die Stadt sich verdichtet, ein kleiner Forst auf. Hohe Kiefern, dazwischen aufgeschüttete Erde. Hier ist das Gräberfeld, das wenige Tage nach der Befreiung von Isjum entdeckt wurde. Es liegt neben dem offiziellen Friedhof. In den vergangenen Monaten wurden hier mindestens 450 Menschen notdürftig bestattet.

„Einige scheinen durch Folter ums Leben gekommen zu sein“

„Wir haben in einem Massengrab die Leichen von 17 ukrainischen Soldaten gefunden. Die anderen Toten sind Zivilisten. Manche starben durch Artilleriebeschuss, andere durch Luftangriffe. Einige scheinen durch Folter ums Leben gekommen oder von russischen Soldaten erschossen worden zu sein“, sagt Dmytro Shechvuk. Der Mann in der schwarzen Uniform ist der stellvertretende Leiter der Abteilung für Kriegsverbrechen bei der ukrainischen nationalen Polizei.

Shechvuk und seine Kollegen der Polizei, Vertreter der Staatsanwaltschaft, Forensiker und die Männer vom Rettungsdienst in Charkiw bergen die Leichen seit fünf Tagen. Manche der Toten sind verkrümmt, einigen fehlen Extremitäten oder der Kopf.

Es ist eine Arbeit, die auch denjenigen, die einiges gewohnt sind, viel abverlangt. Shechvuk und viele andere, die in diesen Tagen in dem Waldstück bei Isjum arbeiten, haben schon die Toten in Butscha, Irpin oder Homostel nahe Kiew geborgen, die nach dem russischen Abzug dort im Frühjahr gefunden worden. Alles steckt der Ermittler aber auch nicht einfach weg. Als sie am Montag die Überreste der Familie Stolpakov bargen, hat ihn das sehr mitgenommen, sagt Shechvuk. „Ich bin selbst Vater.“

Ukraine-Krieg: Familie Stolpakov

Wir haben uns auf die Spur der Familie begeben. Ihre Adresse haben wir in den sozialen Medien gefunden. Die Stolpakovs lebten hinter der Fußgängerbrücke, einem Wahrzeichen der an Sehenswürdigkeiten armen Stadt, die während der vergangenen Monate beschädigt wurde. Die Einheimischen nennen die Brücke über den Siwerskyj Donez die „Brücke der Liebenden“, weil Menschen am Geländer Schlösser als Zeichen ihrer Verbundenheit befestigen.

Der Wohnblock, in dem die Familie zu Hause war, ist in der Mitte gespalten, als habe eine riesige Faust in das Gebäude gehämmert. Wenige Meter von der Ruine entfernt räumt ein Ehepaar seine Habseligkeiten aus einer Garage. Wir zeigen ihnen das Bild der Stolpakovs. Von Olena (31), Dmytro (33) und ihren beiden Töchtern Sasha (9) und Oleysa (5). Auf dem Bild lachen die vier unbeschwert, hinter sich einen geschmückten Weihnachtsbaum.

„Ja, natürlich haben wir die Familie gekannt. Wir haben mit ihnen zusammen im Keller gesessen, als der Krieg begann“, sagt der Mann und zeigt auf das zerstörte Haus. „Da oben, wo im fünften Stock die Klimaanlage herunterbaumelt, da haben sie gewohnt.“ Die Stolpakovs seien eine sehr nette Familie gewesen. „Olena und Dmytro haben Kinderschuhe auf dem Markt von Isjum verkauft.“

Die Körper werden von Gerichtsmedizinern untersucht

Ohnehin sei die Nachbarschaft in dem Wohnblock eine gute gewesen. Man habe oft beisammengesessen, Tee getrunken und geplaudert, erzählt der Mann. Mit dem Kriegsausbruch am 24. Februar veränderte sich alles. „Wir haben viele Nächte im Keller verbracht.“ Das Ehepaar floh am 4. März aus Isjum. Die Stolpakovs blieben. Am 9. März traf am Morgen ein Volltreffer das Haus. Ein russischer Luftangriff, sagt der Nachbar. Im Keller starben mit den Stolpakovs 54 Menschen.

Jetzt liegen die sterblichen Überreste der Familie in einer Leichenhalle in Charkiw. So wie die anderen Toten, die sie im Gräberfeld in dem Waldstück bergen. Die Körper werden von Gerichtsmedizinern untersucht, die nach Spuren von Folter suchen oder nach Einschusswunden, die auf Hinrichtungen schließen lassen, erzählt Dmytro Shechvuk, der Polizist.

Beerdigt worden sind die Stolpakovs von einem früheren Klassenkameraden von Olena, heißt es in ukrainischen Medien. Alle Toten hier wurden von Einwohnern Isjums beerdigt, berichtet Viktor Dudka. Dudka, 62, lebt direkt neben dem kleinen Wäldchen. „Ich habe die Menschen gesehen, die die Toten gebracht haben. Jeden Tag kamen Autos vorbei, aus denen sie die Leichen ausgeladen haben.“

Direkt neben dem Gräberfeld verlaufen Schützengräben. Pausenlos sei geschossen worden, erzählt Dudka. „Mich haben die Russen eigentlich in Ruhe gelassen. Nur einmal haben sie mein Haus durchsucht.“

Dudka ist wütend über den von Putin begonnenen Krieg. Er hat zu Sowjetzeiten in der großen Militärfabrik von Isjum gearbeitet. „Ich habe mein Leben Russland gegeben, und jetzt wollen sie es uns nehmen.“ Jetzt sei er froh, dass Isjum befreit sei. Als die ukrainischen Soldaten in die Stadt kamen, wurden sie mit Salz und Brot begrüßt.

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