Bildung

Hochschulen in NRW nehmen bedrohte Forscher auf

Der syrische Philosoph Houssamedden Darwisch (re.) in einer Bibliothek der Uni Köln. Er floh mit seiner Frau, der Rechtswissenschaftlerin Anan Al-Sheik Haidar vor der Verfolgung.

Foto: Bayrischer Rundfunk

Der syrische Philosoph Houssamedden Darwisch (re.) in einer Bibliothek der Uni Köln. Er floh mit seiner Frau, der Rechtswissenschaftlerin Anan Al-Sheik Haidar vor der Verfolgung. Foto: Bayrischer Rundfunk

Essen.   Zahlreiche Hochschulen in NRW bieten verfolgten und geflohenen Wissenschaftlern „Asyl“. Stiftungen finanzieren den Aufenthalt für zwei Jahre.

Täglich erhielt er Drohungen, auch seine Frau und seine Angehörigen gerieten ins Visier des syrischen Diktators. Dem Philosophen und Regimekritiker Houssamedden Darwish und seiner Frau, der Rechtswissenschaftlerin Anan Al-Sheikh Haidar, blieb nur die Flucht.

„Mein Mann sollte eingesperrt werden, in eines jener berüchtigten Gefängnisse, die die Häftlinge nicht lebend verlassen“, sagte Haidar in einem Interview. Im Gegensatz zu vielen anderen verfolgten Wissenschaftlern hatte das Paar Glück. Mit einem Stipendium der Alexander von Humboldt Stiftung können sie vorerst weiter forschen, an der Uni Köln erhielten sie eine Art „akademisches Asyl“.

5300 Hochschullehrer wurden entlassen

Immer mehr Lehrer, Wissenschaftler und kritische Denker werden mit dem Vorwurf der Regimekritik entlassen, verfolgt, verhaftet oder vertrieben. Zahlreiche deutsche Hochschulen reagieren darauf und nehmen bedrohte Wissenschaftler auf, auch in NRW. Sie kommen aus Syrien, Iran, Irak, Pakistan – und in diesem Jahr vor allem aus der Türkei.

Das Vorgehen der türkischen Regierung gegen kritische Forschungsarbeit und akademische Freiheit wird von der deutschen Hochschulrektorenkonferenz (HRK) scharf kritisiert. Seit dem gescheiterten Militärputsch vom 16. Juli 2016 wurden nach Angaben der HRK 15 türkische Hochschulen geschlossen, 5300 Hochschullehrer entlassen und auf Lebenszeit von einer Beschäftigung ausgeschlossen, zudem seien knapp 1000 Hochschulangehörige in Haft. Ein Regierungsdekret räumt dem Präsidenten das letzte Wort bei der Besetzung der Uni-Leitung ein. Das alles veranlasst Kritiker, von einem „Feldzug gegen die Wissenschaft“ zu reden.

Wie viele andere geriet auch die türkische Wissenschaftlerin, die bis vor kurzem an der Ruhr-Uni Bochum forschte, ins Visier der Erdogan-Regierung. Unangekündigt wurde ihr der Pass entzogen, sie konnte nicht mehr zurück. Ihre Karriere wurde mit einem Schlag beendet, ihre Familie getrennt. Ihr „Vergehen“: Sie hatte in der Türkei einen Friedensappell unterzeichnet. Aus Sorge um den Ehemann und die Angehörigen in der Türkei will sie anonym bleiben, erklärt Iris Vernekohl vom International Office der Ruhr-Uni, das geflohene Forscher betreut.

Die Humboldt-Stiftung reagierte auf die Not

Die Humboldt-Stiftung reagierte auf die Verfolgungen und startete 2015 die Philipp Schwartz-Initiative, um die Aufnahme bedrohter Wissenschaftler zu fördern. Hochschulen können sich mit einem Betreuungskonzept bewerben und bekommen dann eine finanzielle Unterstützung, mit der sie die Forscher einbinden und fördern können.

Vor allem Sozial- und Geisteswissenschaftler erregen offenbar den Zorn des türkischen Regimes, erklärte Stiftungssprecher Georg Scholl. Wer über Medienfreiheit, Pluralismus, Gleichberechtigung oder den Kurdenkonflikt forscht, mache sich verdächtig. Bisher unterstützt die Stiftung 68 bedrohte Forscher, ab August kommen 56 weitere hinzu. 41 deutsche Hochschulen und Institute nehmen sie für zwei Jahre auf und integrieren sie in ihre Forschungsteams. „Wir könnten viel mehr Stipendien vergeben, doch die Mittel sind begrenzt“, so Scholl.

Große Hilfsbereitschaft

Die Hilfsbereitschaft ist groß und die Liste der Hochschulen in NRW, die sich an dem Programm beteiligen, ist lang. Die Uni Duisburg-Essen und die Ruhr-Uni Bochum sind dabei, zudem Aachen, Münster, Köln und Siegen. Die Uni Bielefeld hat nach eigenen Angaben 13 Forscher aufgenommen. „Es ist unser Selbstverständnis, die akademische Freiheit zu verteidigen und Brücken für unsere Kolleginnen und Kollegen in Not zu bauen“, erklärt Prof. Angelika Epple von der Uni Bielefeld stellvertretend für viele Hochschulen die Motivation. „Wir stehen für diese Freiheit ein und freuen uns, gefährdeten Forschern eine Perspektive bieten zu können.“

Das klingt vielversprechend, und doch sind die Hürden hoch. „Es ist extrem schwierig, sich in nur zwei Jahren in einem anderen Land, in einem fremden Wissenschaftsbetrieb und einer neuen Sprache zurechtzufinden und sich zugleich eine neue Forscherkarriere aufzubauen“, sagt Heike Berner, die an der Uni Köln geflohene Forscher betreut. „Hinzu kommt die große Sorge um die Familie und die Angehörigen, die meist noch in der Heimat sind.“

Trotz des hohen Drucks erlebe sie die Menschen aber als „wahnsinnig aufgeschlossen und motiviert“, ergänzt Iris Vernekohl von der Ruhr-Uni Bochum. Sollten die Wissenschaftler eines Tages wieder in ihre Heimat zurückgehen können, hoffe sie, dass die Kontakte bestehen bleiben. „Diese Forscher werden Brückenbauer sein zwischen unseren Ländern.“

Die Philipp Schwarz-Initiative:

Die Philipp Schwarz-Initiative vergibt Fördermittel an Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die gefährdete Forscher zwei Jahre aufnehmen. Sie wurde 2015 von der Humboldt-Stiftung mit Hilfe der Bundesregierung gegründet und wird unterstützt von der Krupp-Stiftung, der Thyssen Stiftung, der Gerda Henkel Stiftung, der Klaus Tschira Stiftung, der Robert Bosch Stiftung sowie der Stiftung Mercator.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik