Wahlkampf

Wie der Wahlkampf online läuft – Im Internet auf Stimmenfang

Wo lohnt es sich, um Wähler zu werben? Parteien interessieren sich dafür, in welchen Vierteln, Straße und Häusern ihre Anhänger leben. Sie sammeln diese Daten, um ihren Wahlkampf besser darauf abzustimmen.

Foto: Hans Blossey

Wo lohnt es sich, um Wähler zu werben? Parteien interessieren sich dafür, in welchen Vierteln, Straße und Häusern ihre Anhänger leben. Sie sammeln diese Daten, um ihren Wahlkampf besser darauf abzustimmen. Foto: Hans Blossey

Essen.   Politikwissenschaftler Christoph Bieber erklärt, warum Parteien für ihren Wahlkampf immer mehr persönliche Daten von ihren Anhängern sammeln.

Der Bundestagswahlkampf wird nicht nur auf Podien und Plakaten ausgetragen, für die Parteien wird das Internet immer wichtiger. Kein Kandidat kommt an Facebook und Co. vorbei, um möglichst maßgeschneiderte Botschaften an den Wähler zu bringen. Dabei hat auch der „analoge“ Wahlkampf an der Haustür viel mit Datenauswertung zu tun. Christopher Onkelbach sprach mit Christoph Bieber, Politikwissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen, über Chancen und Risiken des Wahlkampfs im Netz.

Können die Parteien auf den Wahlkampf im Internet noch verzichten?

Christoph Bieber: Nein. Man hat in den vergangenen Wahlkampfjahren gesehen, dass die Parteien das Internet immer stärker in ihre Kampagnen integrieren. Sie trennen dabei aber nicht mehr strikt zwischen analogen und digitalen Kampagnen, beides wird aufeinander abgestimmt.

Wie gehen die Parteien dabei vor?

Die Analyse von Wählerdaten wird für die Parteien immer wichtiger. Es geht darum, das Wissen über Wähler, Unterstützer und Mitglieder optimal einzusetzen. So wird der klassische Wahlkampf in der Fläche mit digitalen Werkzeugen verbessert. Das sieht man zum Beispiel an der App Connect17 der CDU. Die Software wurde bereits bei den Landtagswahlkämpfen im Saarland, in Schleswig Holstein und in Nordrhein-Westfalen eingesetzt.

Wie funktioniert diese App?

Das Programm unterstützt den Haustürwahlkampf und versucht, die Erfolgsquote zu erhöhen. Man möchte als CDU-Wahlhelfer ja nicht unbedingt an Türen klopfen, hinter denen überzeugte SPD-Anhänger stehen oder vielleicht ein Funktionär der Linkspartei. Man stützt sich bei Connect17 auf Erfahrungen früherer Wahlkämpfe angereichert mit Wahlergebnissen und soziodemografischen Daten. Die Wahlhelfer wissen daher, auf welche politische Einstellung sie in welcher Straße vermutlich treffen. Sie klingeln dann nur dort, wo man mit großer Wahrscheinlichkeit empfänglich ist für die Botschaften der CDU.

Die Partei will also gezielt die eigenen Anhänger mobilisieren?

Ja, und womöglich die Bürger dazu bringen, auch den Nachbarn zu überzeugen, sie zu Multiplikatoren zu machen. Das klingt alles sehr analog, funktioniert aber nicht mehr ohne digitale Unterstützung. Das Stichwort lautet Microtargeting. Target heißt Ziel, hinter der Strategie verbindet sich das Anvisieren bestimmter Gruppen auf der Basis einzelner Merkmale. Dabei wirft der Umgang mit den gewonnenen Daten auch Fragen auf: Wie gehe ich damit um? Sind sie personenbezogen? Speichere ich sie, gebe ich sie weiter, verkaufe ich sie gar? Das hat auch etwas von Überwachung.

Hat die SPD hier den Anschluss verpasst?

Die CDU hat aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Connect17 einen Vorsprung, doch die anderen Parteien gehen ähnlich vor. Es geht immer darum, mithilfe der Daten von Wählern die Wahlkampagne genauer auszurichten.

Welche Plattformen sind wichtig?

Facebook, Twitter und YouTube sind längst wichtige Arenen für Wahlen geworden. Wenn sich Bundestagskadidaten in Sozialen Netzwerken ausbreiten, machen sie eigentlich nicht viel anderes, als ihre eigene digitale Haustüre zu öffnen. Die Politiker wollen den digitalen Raum nutzen, um mit Beiträgen, Posts oder Fotos eine quasi-private Gesprächssituation zu schaffen. Das ist wie eine Einladung in das digitale Zuhause – eine Art umgekehrter Haustürwahlkampf.

Was verbirgt sich hinter Dark Ads?

Das sind personalisierte Anzeigen im Netz, die nur für einzelne oder wenige Nutzer in deren privaten Kommunikationsbereichen zu sehen sind. Im Grunde funktionieren sie wie personalisierte Werbung. Klicke ich zum Beispiel auf einen Reiseanbieter, bekomme ich anschließend entsprechende Reklame. Diese Technik macht sich auch die Politik mehr und mehr zu nutze. Durch die automatisierte Beobachtung des individuellen Nutzungsverhaltens vor der Bundestagswahl können bestimmte politische Botschaften passgenau verteilt werden.

Nutzen Parteien bereits Dark Ads?

Ja durchaus, aber das ist ein noch schwer überschaubares Phänomen. Es wird nach der Wahl interessant sein zu sehen, ob Parteien offenlegen, ob und wie sie hier aktiv gewesen sind. Grundsätzlich werden solche Strategien für Parteien aber immer wichtiger. Sie steuern ihre Netz-Kampagnen wie Unternehmen, die ein Produkt verkaufen wollen. Die Parteien folgen der Logik des Netzes als Kommunikationsraum und Marktplatz.

Können Netzkampagnen Wahlen entscheiden?

Eine gute Kampagne im Internet kann wahlentscheidend sein, wenn es sehr knapp zugeht. Dann können Stimmen, die digital eingefangen wurden, Gold wert sein. Der Linkspartei fehlten bei der Landtagswahl in NRW nur einige Tausend Stimmen, um in den Landtag einzuziehen. Und auch bei der Koalitionsbildung können wenige Prozentpunkte den Ausschlag geben. Schwarz-Gelb hat in NRW nur eine Stimme Mehrheit. In Zeiten unsicherer Mehrheiten wird der digitale Wahlkampf immer wichtiger.

Zur Person:

Prof. Dr. Christoph Bieber Foto: Frank Preuss Prof. Dr. Christoph Bieber (47) wurde 2011 auf den Welker-Stiftungslehrstuhl für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft der Uni Duisburg-Essen berufen. Bieber interessieren vor allem ethische Fragen im politischen Entscheidungsprozess und die Auswirkungen der Neuen Medien auf Demokratie und Politik. Weitere Schwerpunkte sind Verantwortung, Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Transparenz in Politik, Öffentlichkeit und Gesellschaft. Die Professur ist angesiedelt an der NRW School of Government der Uni Duisburg-Essen.

Auch interessant
Leserkommentare (3) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik