Krieg

Wie die Kurden jetzt in Syrien um ihre Freiheit kämpfen

Sommer 2017: Das letzte Foto von Amina Omar (re.) und ihrer Mutter. Im Kampf gegen den Feind tötet sich Omar in aussichtsloser Lage selbst – Islamisten schänden ihre Leiche.

Sommer 2017: Das letzte Foto von Amina Omar (re.) und ihrer Mutter. Im Kampf gegen den Feind tötet sich Omar in aussichtsloser Lage selbst – Islamisten schänden ihre Leiche.

Foto: privat

Berlin/Afrin  Angriffe der Türkei und von Islamisten – wer die Lage der Kurden verstehen will, muss die Geschichte der jungen Amina Omar kennen.

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Als die Munition fast verschossen war, so erzählt es der Bruder, habe Amina Omar ihre Pistole gegriffen und auf ihren Kopf gerichtet. So hatten die jungen Frauen es sich geschworen, bevor sie in den Kampf gezogen waren: Gerate nicht in die Fänge der Feinde! Sie werden dich foltern und versklaven. Sie werden dich vergewaltigen, so wie sie es mit Tausenden Frauen getan haben. Und am Ende werden sie dich töten.

Also drückt Amina Omar ab, bevor die Islamisten ihre Stellung einnehmen.

Es ist der 30. Januar 2018, an der Frontlinie im kurdischen Teil Nordsyriens, fünf Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Kurz nach Omars Tod taucht ein Video im Internet auf.

Sieben Jahre dauert der Krieg in Syrien nun an. Hunderttausende fliehen, Hunderttausende sterben, fast die Hälfte der Menschen wird aus ihren Heimatorten vertrieben. Und immer wieder hat sich dieser Konflikt gehäutet. Es entstehen neue Allianzen, Fronten verschieben sich, Terrormilizen wie der „Islamische Staat“ (IS) tauchen auf, Großmächte wie Russland, Türkei und die USA greifen ein. Als der Krieg beginnt, geht Amina Omar in die neunte Klasse.

2012 kommt dieser Krieg zur Familie von Amina Omar

Selten wird verhandelt, oft gebombt. Die Lage ist von außen kaum zu durchschauen. Immer mittendrin: die Kurden. Sie werden als Helden gefeiert, sie werden mit Waffen beliefert, sie werden zu Feinden erklärt und angegriffen.

2012 kommt dieser Krieg zur Familie von Amina Omar. Islamisten entführen den Vater, er sei ein „Abtrünniger“, sagen sie. Ein Ungläubiger. Nur mit Lösegeld kommt er frei. Der Vater, die Mutter und die sechs Kinder fliehen aus ihrem Dorf bei Aleppo in den Nordwesten Syriens, nach Afrin. Ins Land der Kurden.

Die Kurden sind die größte Minderheit des Landes, sie regieren ihre Provinzen unabhängig von den Herrschenden in Damaskus oder Ankara. Auch unter den Kurden konkurrieren Bündnisse um Macht, sie sind gespalten und zerstritten, manche gelten als radikal und regieren mit Willkür. Doch als 2011 der Widerstand gegen Diktator Assad in einen Krieg mündet, halten die Kurden im Norden Syrien zusammen. Und sie vereinbaren Stillschweigen mit dem Assad-Regime. Lange währt ihre Ruhe nicht.

Türkei spricht von „Terror-Korridor“

Die Kurdin Amina Omar zieht im Sommer 2014 in den Krieg, damals gerade 22 Jahre alt. Als der Islamische Staat groß geworden ist und die jesidischen Frauen in Shingal entführt, getötet und vergewaltigt hat, habe sich Amina immer mehr für Politik interessiert, erzählt ihre Schwester Dilan. Sie ist mittlerweile aus Syrien geflohen und lebt seit zwei Jahren in Frankfurt. 2014 schließt sich ihre Schwester Amina den Frauen-Milizen der Partei der Demokratischen Union (PYD) an.

Die PYD ist stärkste Kraft unter den Kurden Syriens und eng mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden. Für die türkische Regierung sind PYD und PKK Terrororganisationen, sie spricht von einem „Terror-Korridor“ im Norden Syriens. Auch in der EU gilt die PKK als extremistische Gruppe. Doch dort sorgt seit 2014 vor allem der IS für Alarm. Als Amina Omar für die Kurden zur Waffe greift, steht der IS auf dem Höhepunkt seiner Macht. Plötzlich greifen die IS-Milizen die irakische Shingal-Region an. Omar und viele andere Frauen tragen ihre Kalaschnikows an die Front.

Mythos: Kurdische Kämpferinnen

Weltweit werden sie jetzt zu Helden im Kampf gegen die Brutalo-Islamisten des IS erklärt. Waffen und Ausbilder kommen auch aus den USA. Sogar ein unabhängiges Kurdistan scheint auf der Welle der Solidarität möglich.

In den Jahren des Krieges macht Amina Omar Karriere in den Kurden-Einheiten. Sie bewährt sich im Kampf bei Kobane, sie vertreiben die IS-Terroristen aus ihrer selbsternannten Hauptstadt Raqqa. Bald führt Omar ihre eigene Einheit, 25 Frauen, ausgestattet mit Fahrzeugen, Waffen und Munition. Und sie trägt nun einen Kampfnamen: Barin Kobane. Frühling in Kobane.

Mythen spannen sich um ihre Tapferkeit der Kurden. Und gerade die Frauen werden zum Symbol für Freiheit – mit Kalaschnikow und ohne Kopftuch gegen die Islamistinnen, vollverschleiert im IS-Patriarchat. Geschichten bauen diesen Mythos höher: Werde ein IS-Kämpfer von einer Frau getötet, komme er nicht ins Paradies. So erzählen es die Kurdinnen über den Glauben der selbsternannten „Gotteskrieger“. Es ist ein Krieg um Städte und Dörfer. Aber Syrien ist auch Kriegsgebiet der Ideologien.

Das letzte Foto mit der Mutter

Über Kontakte in Deutschland können wir mit der Familie sprechen. Der Bruder Arif ist zurück an der Front, die Telefonverbindungen und das Internet sind schlecht. Es heißt, das türkische Militär störe gezielt die Kommunikation der Kurden. Der Bruder schickt Fotos seiner Schwester. Das letzte Bild von Amina Omar mit ihrer Familie stammt aus dem vergangenen Sommer. Sie trägt Uniform, umarmt die Mutter. Weitere Fotos zeigen sie mit ihrem Bruder, mit Freunden. Manchmal lacht sie, manchmal sieht sie müde und traurig aus. Der Krieg hat ihr Gesicht gealtert.

Vom Tod ihrer Schwester erfährt Dilan am 2. Februar. Fotos von ihr tauchen auf Facebook auf. Auch ein Video. Dilan, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte, kann es kaum anschauen, so brutal sind die Aufnahmen. Ihre Schwester kämpfte an diesem Tag mit ihrer Einheit in einem Dorf im kurdischen Kanton Afrin. Sie und die anderen Frauen sollten die Stellung gegen die Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) verteidigen, die nun für die türkische Armee gegen die Kurden kämpfen. Doch der Angriff war so heftig, dass sie aufgeben mussten. Die Familie von Omar erzählt heute, dass Amina ihren Kämpferinnen den Rückzug befohlen hatte. Um sie zu schützen, hielten sie und eine andere junge Frau die Stellung. Bis zum Schluss. Bis Amina Omar sich selbst erschossen habe.

23 Kurdinnen überleben

„Sie war eine sehr zärtliche Frau, die sich immer um uns gekümmert hat. Sie ist immer für Gerechtigkeit eingetreten“, sagt ihre Schwester. Als Bruder Arif heiratet, sind sie alle beisammen. Die Geschwister lachen und tanzen, machen Fotos, Arm in Arm. „Es war wie früher. Als Frieden war“, erzählt der Bruder. Und er sagt, dass Amina sehr stark gewesen sei und ihre Kämpferinnen geführt habe. 23 junge Kurdinnen haben den Angriff der FSA-Milizen auf ihre Stellung an diesem Tag überlebt.

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Was mit Amina Omar passiert, zeigen Videos im Internet. Die Kämpfer der FSA filmen, wie sie der Leiche mit einem Messer die Brüste abschneiden. Blutüberströmt stehen die bärtigen Männer im Halbkreis um die tote Kurdin, rufen „Allahu Akbar“, erheben den Zeigefinger als Mahnung an die „Ungläubigen“. Sie wissen offenbar, dass die junge Frau unter Kurden eine berühmte Kämpferin ist. Und sie posieren mit ihrem toten Körper wie mit einer Trophäe.

Neben die Leiche legen die Islamisten Olivenzweige. So nennt das türkische Militär die Offensive gegen die Kurden: Operation Olivenzweig. „Ich war allein zuhause und habe die Videos bis zu Ende gesehen“, erzählt Schwester Dilan. „Ich war schockiert. Das, was sie meiner Schwester angetan haben, ist barbarisch.“

Wer ist die FSA?

Einige wenige Medien berichten über den Vorfall. Im kurdischen Afrin sammeln sich in den Tagen danach Hunderte Menschen zu einem Trauermarsch. Mit den brutalen Bildern ihrer Kämpferin „Barin Kobane“ rückt der Fokus auf die Täter: Verbände der „Freien Syrischen Armee“, der FSA, die nun Seite an Seite mit Erdogans Armee in den Krieg gegen die Kurden ziehen.

Die FSA hat sich gewandelt – so wie sich auch der Krieg in Syrien immer wieder gewandelt hat. Wer die Geschichte dieser Gruppe kennt, versteht mehr über die Frontverläufe im lange währenden syrischen Konflikt.

2011, zu Beginn der Revolution gegen Diktator Baschar al-Assad, stand die FSA an der Seite der Widerstandbewegung. Sie sei von Deserteuren der syrischen Armee gegründet worden, sagt Nahost-Expertin und Buchautorin Kristin Helberg. Ihre Kämpfer schützten die Demonstrationen gegen Assad. Eine echte Armee war die FSA nie, hatte nie eine zentrale Kommandostruktur. Ihre Gruppen versorgten sich vor Ort mit Waffen, nutzten Bündnisse. Mal half ihnen die USA im Kampf gegen den IS, mal bekamen sie Waffen und Geld aus Saudi-Arabien, Katar und der Türkei. „Dadurch radikalisierten und islamisierten sich manche Verbände. Beim Angriff auf Afrin sehen wir jetzt gehirngewaschene extremistische Kämpfer, die mit den Ursprüngen der FSA nichts mehr zu tun haben“, sagt Helberg. Islamistische Söldner, die nun die türkische Regierung für sich nutzt.

Folter und Vergewaltigung

Einer der größten Kampfverbände der FSA-Truppen in Nordsyrien ist die vorrangig aus turkmenischen Syrern bestehende Sultan-Murad-Brigade, der in den vergangenen Jahren immer wieder Kriegsverbrechen wie Vergewaltigungen und Folter von Zivilisten vorgeworfen wurde. Faylaq al-Sham, die „Sham-Legion“, kämpft ebenfalls dort und lehnt ihre Ideologie eng an die sunnitisch-islamistische Muslimbrüder an. An den Angriffen auf die Kurden ist auch die Hamza-Brigade beteiligt, eine von den USA und der Türkei ausgebildete und finanzierte FSA-Einheit. Fronten formen sich neu.

Der Wandel der FSA sei symptomatisch für die Verrohung, Unterwanderung und Korruptheit des syrischen Widerstandes, erklärt Helberg, die gerade an ihrem dritten Buch über Syrien schreibt, das im Juli erscheint. Doch selbst Expertinnen wie sie arbeiten sich mühsam durch die Komplexität des Konflikts. Im Süden gebe es noch immer gemäßigte FSA-Verbände, die gegen Assad und die Dschihadisten kämpfen. „Immer wieder gibt es Abspaltungen und neue Allianzen“, sagt Helberg.

Und irgendwann wiederholt sich Geschichte. Die Kurden sind erneut eingekeilt, zwischen Islamisten und der türkischen Armee. Von einem Leben in Unabhängigkeit sind sie erneut weit entfernt. Und wieder müssen sie kämpfen. Wieder allein. Auch die Kurden haben sich in diesem Krieg radikalisiert. Militante PKK-Anhänger verübten vor allem 2016 mehrere Anschläge mit zahlreichen Toten in der Türkei.

„Märtyrerin – sie wird ewig leben“

Sollte Erdogan seine Drohungen wahr machen und bis an die irakische Grenze vordringen, wäre dies eine Katastrophe für Syriens Nordosten, sagt Helberg. „Zugleich würde der Konflikt mit den USA eskalieren.“

Durch den Angriff Erdogans seien Syriens Kurden zusammengerückt, ergänzt die Expertin. Viele, die die Methoden der PYD vorher kritisch sahen, stünden jetzt hinter ihr. In Sicherheitskreisen in Deutschland staunen Experten, wie groß der Widerstand der Kurden gegen die türkische Offensive ist. Und wie erfolgreich. Bisher. „Aus der Guerillatruppe, die unter Anleitung der PKK in Syrien entstand, ist eine quasireguläre Streitmacht erwachsen, die in der Lage ist, Fronten aufzubauen und zu halten, mit den Luftwaffen anderer Länder zu kooperieren, komplexe Logistik zu bewältigen und modernste Kommunikations- und Waffentechnik zu nutzen“, schreibt Günter Seubert von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Drei Tage nach ihrem Tod tragen Familie, Freunde und Hunderte Kurden ihren Sarg durch die Straßen von Afrin. Viele filmen die Szene mit ihren Handys. Schon bald tauchen neue Videos über Amina Omar im Internet auf. Sie zeigen Menschen, die Plakate in die Luft heben, der rote Stern der kurdischen Milizen ist überall zu sehen. „Sehid namirin“, steht dort. „Märtyrerin – sie wird ewig leben“. Barin Kobanes Trauerfeier wird zu einer Demonstration für die Freiheit der Kurden.

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