Diesel-Fahrverbote

Forscher: Diesel-Fahrverbote mit Luftschneisen verhindern

Neben zahlreichen Stadtteilen wäre in Essen nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen vom November 2018 auch eine Teilstrecke der A40 von Fahrverboten betroffen.

Neben zahlreichen Stadtteilen wäre in Essen nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen vom November 2018 auch eine Teilstrecke der A40 von Fahrverboten betroffen.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Mehr Lücken in den Häuserzeilen können die Luftqualität an viel befahrenen Straßen verbessern. Auch Lkw müssten umgerüstet werden.

Um Diesel-Fahrverbote zu vermeiden, raten Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich den Städten, mehr Frischluftschneisen an stark befahrenen Straßen einzurichten, um die Konzentration von Schadstoffen und Stickoxiden zu senken. Bundesweit 15 Städte – darunter Köln, Düsseldorf, Dortmund – gelten demnach als „Intensiv-Städte“. Hier werden an bestimmten Verkehrsadern teilweise mehr als 50 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft gemessen. Der EU-Grenzwert beträgt 40 Mikrogramm.

„Doch bewegt man sich nur 50 Meter von einer solchen Straße weg, liegen die Werte schon wieder deutlich unter dem Grenzwert“, erklärt Franz Rohrer, vom Jülicher Institut für Energie- und Klimaforschung. „Denn bis dorthin haben sich die Stickoxide bereits in der Umgebungsluft verteilt und wurden dabei verdünnt.“

Lücken für Frischluft in den Häuserzeilen

Es gehe nach Ansicht der Experten demnach nicht um ein flächendeckendes Luftqualitätsproblem in großen Städten oder in Deutschland insgesamt, sondern nur um einzelne Straßenzüge mit sehr hoher Verkehrsdichte, betonen die Wissenschaftler vom Forschungszentrum Jülich. Daher schlagen sie vor, dass Städte „gezielte Lücken“ in geschlossene Häuserzeilen entlang stark befahrener Straßen schaffen oder einplanen. Dadurch entstehe mehr Luftströmung und die Schadstoffe könnten sich besser verteilen.

Nun können Städte schlecht Gebäude abreißen, um in den Innenstädten mehr Luftzirkulation zu erzeugen. So hat auch die Bezirksregierung Arnsberg – zuständig für die Luftreinhaltepläne unter anderem in Dortmund, Bochum und Herne – „keine Kenntnis darüber, dass gezielt Frischluftsschneisen an Belastungsschwerpunkten geschaffen werden sollen“.

Tabuzonen für die Bebauung ausgewiesen

Die Bezirksregierung Düsseldorf weist indes darauf hin, dass solche Luftschneisen in einigen Städten bei der Bauplanung berücksichtigt werden sollen. „Aus Sicht der Luftreinhalteplanung kann der Rückbau von Straßenbebauung ein Mittel sein, um die Immissionsbelastung an den verkehrlichen Hotspots zu reduzieren“, teilt die Bezirksregierung mit, und schränkt zugleich ein: „Wenn die entsprechend benötigten Flächen vorhanden sind.“

So habe etwa die Stadt Neuss bereits Tabuzonen für die Bebauung und Versiegelung in einem „stadtklimatischen Konzept“ ausgewiesen. Flächen wurden nicht wie zunächst geplant bebaut, sondern frei gelassen. Auch in Essen und Mülheim seien Frischluftschneisen ein Thema bei der Stadtplanung. Dies trage zwar erheblich zu einem besseren Stadtklima bei, sagt Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, dieser Redaktion. Daher würden sie bei der Stadt- und Raumplanung bereits umfassend berücksichtigt. „Das allein reicht jedoch nicht aus, um die Luft in besonders betroffenen Städten sauber zu halten“, betont Dedy.

Forscher: Nachrüstungen auch für Busse und Lkw

Den Jülicher Forschern um Franz Rohrer ist das bewusst, daher plädieren sie für weitere Maßnahmen, etwa die Umrüstung nicht nur von Diesel-Pkw, sondern auch von Lastwagen und Bussen. „Fahrverbote und Nachrüstungen für Diesel-Pkw allein lösen das Problem nicht“, sagt Rohrer. „Selbst wenn plötzlich kein einziger Diesel-Pkw mehr unterwegs wäre, würden überhöhte Belastungen in den 15 deutschen Intensiv-Städten nicht unter den EU-Grenzwert sinken.“ Das hätten Hochrechnungen der Jülicher Experten für die Innenstädte ergeben.

Der Grund: Pkw mit Dieselmotor seien derzeit nur für etwa ein Drittel der hohen Stickoxidbelastungen verantwortlich. Viel problematischer sind nach Berechnungen der Forscher Lastwagen, Busse und Kleintransporter. Mehr als die Hälfte aller ausgestoßenen Stickoxide gehe auf diese Fahrzeuge zurück, obwohl viel weniger davon in deutschen Städten unterwegs seien. Denn durch ihr höheres Gewicht verbrauchen sie mehr Treibstoff und produzieren mehr Stickoxid, so Rohrer.

Außerdem seien die Katalysatoren der Laster nicht für den Stadtverkehr ausgelegt, sondern für die Autobahn. „In der Stadt kann sich der Kat eines Lkw nicht genügend aufheizen, um Stickoxide in Stickstoff, den ungefährlichen Hauptbestandteil der Luft, umzuwandeln“, erklärt Rohrer. „Nachrüstungen für Lkw machen also viel mehr Sinn als für Pkw.“

>>>>Klimawandel verschärft das Problem

Der Klimawandel könnte das Abgas-Problem noch verschärfen, so die Jülicher Wissenschaftler. Der Grund: Fahrzeuge stoßen neben Stickstoffdioxid (NO2) vor allem Stickstoffmonoxid (NO) aus. Dieses wandelt sich erst in einer Reaktion mit Ozon in das problematische NO2 um.

Durch den Klimawandel dürften die Ozonwerte steigen. Reduziert man also an Verkehrsknotenpunkten nicht rechtzeitig den NO-Ausstoß, werde noch mehr gesundheitsschädliches Stickstoffdioxid erzeugt.

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