Flüchtlingsdorf

Wie Kinder aus NRW Kindern im Nordirak helfen

Jesidische Kinder vor ihrer Schule. Noch ist sie ein Provisorium. Bald werden sie in einem festen Gebäude unterrichtet.

Jesidische Kinder vor ihrer Schule. Noch ist sie ein Provisorium. Bald werden sie in einem festen Gebäude unterrichtet.

Foto: NRZ

Essen/Mam Rashan.   Im Flüchtlingsdorf NRW entsteht derzeit eine Schule. Deutsche Schüler haben für die Einrichtung gesammelt - um eine Brücke in den Nordirak zu bauen.

Es ist Mittag und es ist heiß und stickig in dem Zelt, in dem sie hier im Flüchtlingslager Mam Rashan im Nordirak die provisorische Schule untergebracht haben. Egal. Die Kinder freuen sich, es ist Besuch da und er hat Post mitgebracht. Briefe von Gleichaltrigen aus Deutschland, mit bunten Bildern und guten Wünschen. Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen liest einige vor. „Habt Mut und viel Kraft und gebt niemals auf“, hat Noemi geschrieben und dazu eine Erdkugel gemalt. Es rührt die Kinder hier, dass 4000 Kilometer von ihnen entfernt andere an sie denken.

Mam Rashan ist eines von fast 30 Flüchtlingscamps im Nordirak. In seinem Herzen ist im vergangenen Jahr das Flüchtlingsdorf NRW entstanden, finanziert durch Spenden von Städten, Kirchengemeinden, Verbänden, Unternehmen, vielen Einzelpersonen, darunter auch zahlreichen Lesern der NRZ.

75 Wohncontainer, eine Bäckerei, eine Ladenlokalstraße sind bereits entstanden, es geht darum, den Menschen, die vor den Fanatikern des „Islamischen Staates“ geflohen sind, eine Perspektive zu schaffen.

Unterricht in zwei Schichten mit bis zu 50 Kindern pro Klasse

Menschen wie dem 14-jährigen Arshad. Der Junge mit den pechschwarzen Haaren und den traurigen grünen Augen ist Jeside wie alle hier im Flüchtlingscamp, Angehöriger einer religiösen Minderheit, die von den Dschihadisten besonders erbittert verfolgt wird. Er stammt aus einer Kleinstadt in der Nähe der früheren Jesidenhochburg Shingal. Seit August 2014 ist er Flüchtling. „Als uns die Terroristen angegriffen haben, sind wir erst ins Gebirge geflohen. Acht Tage haben wir da ausgeharrt. Danach haben wir über ein Jahr in einem Rohbau gelebt.“ Er erzählt seine Geschichte leise, einsilbig und wirkt dabei viel älter, als er ist.

Seit Ende vergangenen Jahres ist Arshad in Mam Rashan. „Ich bin sehr froh, dass ich wieder zur Schule gehen darf“, sagt er. Die Schule, das sind neun Zelte, in denen die Kinder in zwei Schichten unterrichtet werden, vormittags und nachmittags, jeweils bis zu 50 Schüler in einer Klasse. Jetzt baut die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) eine neue Schule aus Containern, größer, schöner, mit zwölf Klassenräumen. „Ich freue mich da sehr drauf“, sagt Arshad, der davon träumt, Doktor zu werden. Die Einrichtung der neuen Schule soll mit Spenden aus Deutschland finanziert werden, auch über Patenschaften mit deutschen Schulen.

Trompete, singen, tanzen: Schüler haben 17.000 Euro gesammelt

Im fernen Essen haben sich andere Kinder dafür ins Zeug gelegt. Am Gymnasium Essen-Werden haben sie sich intensiv mit der Situation der Flüchtlinge im Nordirak ausein­andergesetzt und sie haben gesammelt, 17 000 Euro sind zusammengekommen.

Daniel Frost, gerade einmal elf, hat sich mit seiner Trompete in die Fußgängerzone gestellt und gespielt. „Ich gehe gerne in die Schule und möchte, dass alle Kinder diese Chance haben“, sagt der Junge. Zwei sechste Klassen sind in ein Altenheim gegangen und haben dort getanzt, gesungen und den Senioren über das Schicksal der Flüchtlinge berichtet. Und sie haben ihre Briefe geschrieben, weil sie wollen, dass das Band zwischen ihnen und den irakischen Kindern enger wird.

Briefe, die Mut machen sollen, anrührend, kindlich-naiv. „Du bist toll“ steht da oder „viel Spaß in der Schule“ oder etwas über die liebsten Hobbys. Fußball ist natürlich ganz vorne. Das ist im Nordirak ganz ähnlich. Arshad und seine Freunde spielen Fußball, wenn die vier Stunden Schule um sind, fast alle tragen Trikots, Barcelona, Madrid, oder, wie Arshad, von Bayern München. „Ich hätte lieber eine Schuluniform, das ist mir sehr wichtig“, sagt Arshad. Was in deutschen Ohren seltsam klingen mag, ist eigentlich der Wunsch, dass alles wieder so ist wie vor dem Vormarsch der Terroristen, als die Welt von Arshad noch heil war.

Wie unterschiedlich die Lebenswirklichkeiten sind, zeigen die Briefe, die die irakischen Kinder zurückgeschrieben haben. Keine bunten Bilder, nur schwarze Lettern. „Ich wünsche mir am meisten, dass wir in unsere Dörfer zurückkehren können“, schreibt der 12-jährige Aziz Ibrahim. „Und ich wünsche mir, dass wir eine Schule bekommen, in der wir Strom und Wasser und geeignete Sitzplätze haben.“

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