Volkskrankheit Adipositas

Ab einem bestimmten Gewicht hilft nur noch eine Operation

Weit mehr als die Hälfte der Männer und 50 Prozent der Frauen sind derzeit übergewichtig, einige darunter adipös, also krankhaft fettleibig. Oft hilft nur eine Magenverkleinerung.

Foto: Waltraud Grubitzsch

Weit mehr als die Hälfte der Männer und 50 Prozent der Frauen sind derzeit übergewichtig, einige darunter adipös, also krankhaft fettleibig. Oft hilft nur eine Magenverkleinerung. Foto: Waltraud Grubitzsch

Oberhausen.   Holger Wessel hat nach einem Arbeitsunfall 170 Kilo gewogen und begann seine Diät-Karriere. In der Helios-Klinik Oberhausen wurde er operiert.

Es hat Zeiten gegeben, da wollte er nicht mehr leben, jedenfalls nicht so, mit den Schmerzen, dem ewigen Kampf gegen das Gewicht, mit dem Getuschel hinter seinem Rücken: „Mann, ist der fett!“. Und es gibt Zeiten, die lassen Holger Wessel hoffen. Von über 200 Kilo hat er 70 Kilo verloren, 15 Kilo davon waren überflüssige Haut, von der ihn Dr. Roman Lisovets an der Helios St. Elisabeth Klinik in Oberhausen befreite.

Wessel will noch mehr abnehmen. Er hofft, wieder arbeiten zu können und nicht, wie ihm nahegelegt wurde, sich mit 55 Jahren und 770 Euro Frührente arbeitsunfähig schreiben zu lassen. Heinz Wessel ist tapfer und er ist mit seinem Übergewicht, der damit verbundenen Diabetes und dem schweren Rückenleiden nicht alleine. Denn es gibt immer mehr stark adipöse Menschen, denen nur noch chirurgisch geholfen werden kann.

Das Problem „war absehbar, da muss man nur in die USA schauen, die sind uns 30 Jahre voraus“, sagt Dr. Martin Pronadl, Chirurg und Leitender Oberarzt im Zentrum für Interdisziplinäre Adipositasbehandlung an der Oberhausener Klinik. Diät-Bewegungen, Trimm-Dich-Wellen – im Grunde habe nichts geholfen, die Menschen sind trotzdem kontinuierlich dicker geworden. In der Altersklasse der Mittfünfziger sind über 70 Prozent der Männer und über 50 Prozent der Frauen übergewichtig. Fünf Prozent davon haben so starkes Übergewicht, dass es auf Dauer lebensbedrohlich sein könnte.

Unser Magen-Darm-Trakt sei noch darauf ausgerichtet, „durch den Wald zu streifen und Früchte und Beeren zu sammeln und ab und zu mal ein Stück Eiweis“, erklärt Dr. Pronadl. Stattdessen stehe den Menschen ein „24-Stunden-Nahrungsangebot“ zur Verfügung.

Warum bleiben die einen schlank, die anderen nicht?

Und das ist nur ein Grund – seit Jahren sucht die Forschung nach Ansätzen, Fettleibigkeit zu erklären. Warum bleiben die einen bei der gleichen Kalorienzufuhr schlank, während andere zunehmen und im Ernstfall in eine üble Spirale von Diäten und noch mehr Gewichtszunahme geraten? Unter Verdacht stehen bestimmte Bakterien im Darm, genetische Faktoren, der Suchtfaktor Zucker, auch psychosoziale Umstände.

Fakt sei jedoch, sagt Professor Mike Ralf Langenbach, Chefarzt der Ćhirurgie an St. Elisabeth: „Hat man ein bestimmtes Gewicht erreicht, kommt man auf normalem Wege nicht mehr davon runter!“ Ein chirurgischer Eingriff wie Magenbypass oder Magenverkleinerung bleibe oft die einzige Möglichkeit, dem Patienten eine dauerhafte Gewichtsabnahme zu ermöglichen – und, ergänzt Dr. Pronadl: „Es wird bei uns im Vergleich zu anderen Ländern zu wenig und vor allem zu spät operiert!“.

Während 2016 in Schweden 115 von 100 000 Menschen der Magen verkleinert wurde, waren es in Deutschland 10 von 100 000. Die Krankenkassen genehmigen Adipositas-Operationen nur nach Einzelfallprüfung, so mancher Antrag wird abgelehnt, obwohl die Patienten die strengen Kriterien – hohes Übergewicht, Folgeerkrankungen, erfolglose Diäten, psychologische Beratung – bereits erfüllt haben. Dr. Pronadl: „Wenn Sie einen Leistenbruch haben, der Probleme macht, wird der operiert. Bei Adipositas ist das nicht so. Wir müssen endlich dazu kommen, sie als Krankheit anzuerkennen.“

Dicke leiden unter Vorurteilen

Dicke Menschen leiden bis heute unter dem Vorurteil, selbst Schuld zu sein an ihrem Schicksal, gelten als „faul und träge“. Dabei habe er, Pronadl, seine Patienten als „hochmotiviert und diszipliniert“ kennengelernt.

So wie auch der Oberhausener Holger Wessel, der immer ein „kräftiger Typ war, aber sportlich“, erzählt er. Als junger Mann war er Leistungssportler, war im B-Kader der Leverkusener Leichtathleten als Kugelstoßer, Speer- und Diskusswerfer, „da muss man eine gewisse Masse mitbringen“.

Doch dann, mit 25, passiert das Unglück. Der junge Monteur reinigt einen Ölofen, während nebenan jemand den Brenner wieder anstellt. Eine Stichflamme verbrennt Wessels gesamten Rumpf bis zu den Oberschenkeln und Oberarmen.

Über ein Jahr lang liegt er im Krankenhaus. Er darf sich kaum bewegen, damit die Haut heilt, bekommt Unmengen Kortison, wird auf dem Krankenbett zuckerkrank. Als er entlassen wird, wiegt er 170 Kilo, beginnt eine Diät, nimmt etwas ab und viel wieder zu.

Von da an beginnt sein Irrweg durch den Diätendschungel, er wird Gast in unzähligen Abnehmgruppen, ernährt sich vegan, „nur von Grünfutter“, FdH, Null-Diät, und trotz Brandnarben, Übergewicht und Zuckerkrankheit arbeitet er 35 Jahre lang als Heizungsmonteur, Taxifahrer, Wachmann.

Schürze aus Haut vom Bauch bis zu den Schenkeln

Erst vor drei Jahren schafft es ein Hautarzt, ihn auf eine geringstmögliche Menge Cortison einzustellen. Doch da muss er wegen seiner maroden Lendenwirbelsäule ins Krankenhaus, sein Magen verträgt die Schmerzmittel nicht. Wessel nimmt in kurzer Zeit 50 Kilo ab. Vom Bauch bis zu den Schenkeln trägt er nun eine Schürze aus Haut, die er hochheben muss, um sich hinsetzen zu können.

Diese überflüssigen Hautlappen gehören nach der Gewichtsabnahme bei fast allen Patienten zur behandlungsbedürftigen Folgeerscheinung, weiß der plastische Chirurg Dr. Roman Lisovets. Krankenkassen hadern oft mit der Kostenübernahme, verweisen darauf, dass es sich um eine „ästhetische Maßnahme“ handele, medizinisch nicht notwendig.

Doch die Probleme der Patienten hätten mit dem Aussehen nur nachrangig zu tun: „In den Hautfalten bilden sich Exzeme. Die Schürzen behindern bei Bewegung, beim Sport, die Patienten gehen nicht mehr vor die Tür.“

Holger Wessel jedenfalls fühlt sich heute „erleichtert“ mit seinen 128 Kilo. Unter 100 Kilo will – nein – muss er kommen, sonst hält sein Rücken seine Last nicht aus.

Auch Wessel hat sich zusätzlich für eine Magenverkleinerung entschieden, wird den Gang durch die Instanzen auf sich nehmen, um nie wieder zuzunehmen.

>>>BMI und was dahinter steckt

Bundesweit wurden 2015 rund 9900 Magenbypass- oder Verkleinerungs-OPs durchgeführt. Auch Bundesaußenminister Sigmar Gabriel ließ sich – wegen Diabetes – 2016 den Magen verkleinern und nahm erheblich ab.

Grundlage für die Bemessung des Übergewichts ist der Body-Mass-Index (BMI)= kg:m². Wer mit 1,80 Meter 100 Kilo wiegt, hat einen BMI von 30,8 und gilt als adipös, in Kliniken sprechen aber auch Menschen mit einem BMI von 50 und mehr vor.

Einer der schwersten Patienten der Helios Klinik wog 300 Kilo und nahm nach mehreren OPs 230 Kilo ab. Er läuft heute Marathon, es geht ihm gut.

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