Hambacher Forst

Antje Grothus: Eine Vermittlerin im Streit um die Braunkohle

Antje Grothus (rechts) will es nicht hinnehmen, dass der Hambacher Forst gerodet wird. Zu einem Teil der Aktivisten im Wald hält sie freundschaftlichen Kontakt.

Foto: Lars Heidrich

Antje Grothus (rechts) will es nicht hinnehmen, dass der Hambacher Forst gerodet wird. Zu einem Teil der Aktivisten im Wald hält sie freundschaftlichen Kontakt.

Kerpen-Buir.   Schon viele Jahren engagiert sich die 54-Jährige für den Erhalt des Hambacher Forstes. Seit Juni gehört sie zur Kohlekommission. Ein Portrait.

Der Hambacher Forst ist ein gefährlicher Ort. Ganz offiziell. Die Polizei hat den Wald und seine Umgebung vor einigen Tagen dazu erklärt, nachdem dort Straftaten verabredet, vorbereitet und verübt worden seien. So schreibt sie es in einer Mitteilung. Das macht den Beamten die Arbeit einfacher, sie können jeden kontrollieren, der vorbeikommt. Ohne Anlass.

Antje Grothus schreckt das natürlich nicht ab, weder die mutmaßliche Gefahr noch die Polizeikontrollen. Sie wirft sich an diesem sonnigen Spätsommertag ihre rote Strickjacke über, schnürt die dicken Wanderschuhe, schultert den Rucksack und macht sich auf in diesen viel diskutierten Wald, wie so oft in diesen ereignisreichen Tagen. Kaum zwei Kilometer sind es vom Haus der 54-Jährigen im Kerpener Ortsteil Buir bis zum Rand des Hambacher Forstes, den Grothus viel lieber Hambacher Wald nennt – Forst, das klingt ihr zu sehr nach gefällten Bäumen.

Genau die will Grothus - die ihre Jugend in Sichtweite des Kraftwerks Walsum in Duisburg verbracht und deren Cousin als Steiger im Steinkohlebergbau gearbeitet hat - verhindern. Sie kämpft für den Erhalt des letzten Restes dieses einst riesigen Waldes, von dem RWE in diesem Herbst wieder einen Teil für den Braunkohletagebau Hambach roden will.

Ein Satz voller Wehmut

Beim Spaziergang über den weichen Boden scheint das warme Sonnenlicht durch die Äste und Blätter der Eichen und Hainbuchen. Ein harmonisches Bild ist das. Ganz anders als die für ein Stück Natur so merkwürdigen anmutenden Szenen ein paar Tage später: Tieflader und Betonmischer werden dann hier durch den Wald pflügen, begleitet von Polizeibeamten mit Schutzschildern.

Während der kleinen Wanderung bleibt Antje Grothus plötzlich stehen, schaut sich um, atmet durch und sagt dann einen Satz voller Wehmut: „Mir fehlt die Vorstellungskraft, dass alles hier weg soll.“ Sie glaubt fest daran, noch zu verhindern, dass es tatsächlich dazu kommt. „Es spricht gegen jede Vernunft, den Wald zu zerstören, während über den Ausstieg aus der Kohle geredet wird“, sagt Grothus.

Konflikt mit verhärteten Fronten

Ihr Kampf gegen die Braunkohle dauert schon eine kleine Ewigkeit an. 1994 zieht die Ernährungswissenschaftlerin und Autorin nach Buir im Rhein-Erft-Kreis. Ihre drei Töchter wachsen in dem verschlafenen Dörfchen auf, mit ihnen geht sie oft im Hambacher Wald spazieren.

Buir, das ist ein Ort, in dem gut 4000 Menschen leben. Es gibt hier eine S-Bahn-Haltestelle, eine Tankstelle, zwei Gemüsebauern und einen Bäcker. Und den Tagebau Hambach. Als Anfang des Jahrtausends die A4 für den Kohleabbau näher an den Ort rücken soll, wird Grothus zum ersten Mal aktiv. Zusammen mit anderen Anwohnern gründet sie dann 2007 die Bürgerinitiative „Buirer für Buir“.

Worum geht es im Konflikt um den Hambacher Forst?

Darum geht es im Streit zwischen RWE und den Umweltschützern.
Worum geht es im Konflikt um den Hambacher Forst?

Es ist unvermeidlich, dass irgendwann der Erhalt des Hambacher Forstes in den Mittelpunkt ihres Engagements rückt. Antje Grothus spielt in diesem Konflikt mit seinen verhärteten Fronten eine bemerkenswerte Rolle: Im Juni wurde sie als Betroffene aus der rheinischen Braunkohleregion in die „Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ gewählt. Dieses Gremium, landläufig als Kohlekommission bezeichnet, soll einen Fahrplan für den Ausstieg aus der Kohle als Energieträger erarbeiten. Bei den Treffen in Berlin sitzt die 54-Jährige unter anderem mit Matthias Platzeck, Ronald Pofalla und vielen Vertretern aus Industrie und Wirtschaft am Verhandlungstisch.

Aktivisten dürfen bei ihr auch mal duschen

Zuhause im Wald hockt sie nicht auf feinen Stühlen, sondern auf Baumstümpfen oder gleich auf dem Boden. Grothus hält zu einem Teil der Menschen, die den Wald seit mehreren Jahren besetzt halten und in Baumhäusern wohnen, einen freundschaftlichen Kontakt. In einem der Camps begrüßt sie an diesem Tag die jungen Bewohner mit herzlichen Umarmungen, fragt, wie es ihnen geht. Sie macht kein Geheimnis daraus, dass manche Aktivisten bei ihr auch mal unter die Dusche springen dürfen – das hat ihr Kritik eingebracht und den „Buirern für Buir“ wohl die Deklarierung als „logistische Unterstützer“ der Waldbesetzerszene.

Grothus findet es nicht fair, dass die Baumschützer gerne mal als durchweg gewaltbereit abgestempelt werden. Dass es unter ihnen Verrückte gibt, die mit Steinen schmeißen, will sie jedoch auf keinen Fall verteidigen. Gewalt von anderer Seite musste die Umweltschützerin auch selbst schon erleben, vor einigen Tagen brannte ein Fahrzeuges ihres Antikohle-Bündnisses aus. Grothus glaubt, dass es sich um Brandstiftung handelte. Ihre Haltung ist eindeutig: „Ich fordere jeden auf, der nicht friedlich ist, den Wald zu verlassen – das gilt für alle Seiten.“

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