Bankgeheimnis

Bankgeheimnis: Reporter Matthias Maruhn hat Passau erreicht

„You Look wonderful tonight“. Matthias Maruhn lauscht an der Donau der Musik des klampfenden Florian Schlosser.

„You Look wonderful tonight“. Matthias Maruhn lauscht an der Donau der Musik des klampfenden Florian Schlosser.

Foto: Maruhn

Bankgeheimnis auf Reisen: Unser Kolumnist Matthias Maruhn ist mit dem Fahrrad durch Deutschland unterwegs und bereits in Passau angekommen.

Wer durch die Welt tingelt, lernt Menschen kennen. Mit jeder Reise vergrößert sich das Netz. Manche Kontakte enden nach wenigen Minuten wieder, andere währen ein halbes Leben. Wie sieht das eigentlich auf so einer Fahrradtour aus? Ein paar Beispiele aus den vergangenen Tagen.

Wir radeln gegen Mittag durch die Innenstadt von Regensburg. Am Donauufer entlang in das Museum aus Mauern. „Vorne links“ ruft Uli, der schon mal hier war. Wir biegen durch einen mächtigeren Torbogen und ich bin begeistert: „Das sieht ja aus wie Prag...“ Gleich ganz am Anfang der Brücke sitzt links ein junger Mann auf einem Höckerchen und klampft fein auf seiner Gitarre: „You Look wonderful tonight“. Den Song kenne ich gut, pfeife ihn meiner Frau gerne mal hinterher, ohne natürlich auch nur einen Ton zu treffen.

Der Junge trifft die Töne, einige Passanten bleiben stehen, hören einen Moment zu, werfen Münzen in den Koffer und sagen was Nettes. Ich klettere vom Rad und setze mich zu ihm. Er ist 25, heißt Florian Schlosser, er kommt aus Braunschweig, will nach Leipzig. Mal sehen. Wir reden über Eric Clapton, der den Song für Pattie Boyd geschrieben hatte, seine Ex. Der wiederum ihr erster Mann George Harrison auch so eine Perle der Liebeslieder geschenkt hatte. Wie ging das noch? Warum vergisst man ab 60 vor allem Musiktitel und Bandnamen. Verhext. Ich singe ihm vor, er lächelt höflich. Dann fällt es mir zum Glück noch ein. Something in the way she moves...

Das Netz wird dichter

Er spielt jetzt „Air“ von Bach, die Töne tanzen über die Brücke und er erntet so manches Lächeln. Das ist schön, macht aber nicht satt. Kann man davon leben? Fragt der ewige Vater in mir. „Aber ja. Ich studiere Religion und Deutsch und finanziere das so. Vorher habe ich im Gemüseladen gejobbt, seit einem Monat spiele ich. Wenn es schlecht läuft, sind es 30 Euro im Koffer, in guten Stunden 60.“ Donnerwetter. Eine Frage noch: Ist das hier diese berühmte Steinerne Brücke?

„Richtig, im 11. Jahrhundert erbaut. Ein Meisterwerk. Sie war das Vorbild für die Karlsbrücke in Prag.“ Guck mal an ich hab’s geahnt. Uli und ich fahren fort. Wahrscheinlich werde ich Florian nie wiedersehen, aber er gehört jetzt einfach zum Netz. Und das ist ein schönes Gefühl.

Treffen mit Ulis Sohn Elmar in Eichstätt

Zwei Tage vorher war Uli ganz glücklich. In Eichstätt konnte er sein Söhnchen in die Arme nehmen. Wenn er sich leicht auf die Zehenspitzen stellte. Denn Elmar ist 28, ein Mannsbild, studiert hier, lebt in einer WG. Und die Genossen haben uns Asyl gewährt. Und so durfte ich nach 30, 35 Jahren wieder mal in einer Wohngemeinschaft übernachten. Manches hat sich nicht geändert, der Kasten Bier in der Küchenecke etwa.

Mayra ist über das Wochenende bei den Eltern, ich bekomme ihr Zimmer. Mir ist das ein bisschen unangenehm und gleichzeitig bin ich beglückt über ihr Vertrauen, einem völlig Fremden das Bett zur Verfügung zu stellen. Ich will ihr eine Flasche Wein als Dank da lassen, aber Elmar erklärt, dass Mayra eine Sportlerin sei und nicht trinkt, ich sollte doch im Biomarkt nach einer Kleinigkeit gucken. Ich besorge eine große Tüte Studentenfutter. Fand sie witzig, hat Elmar gestern gemailt. Obwohl ich Mayra nicht mal gesehen habe, gehört sie nun auch zum Netz. Sollte sie mal ins Ruhrgebiet kommen, wir hätten ein Dach für sie. Auch wenn es nicht wahrscheinlich ist, denn 95 Prozent dieser Kontakte sind eine einmalige Angelegenheit.

Vor 37 Jahren mit Michael durch die USA gereist

Nicht so in diesem Fall. Michael Hrouda und Aynur Gedikli leben mit ihrer Tochter Sarafina in Passau. Mit Michael bin ich vor 37 Jahren quer durch die USA gereist. In einem alten Mercedes, wir haben am Schlangen-Fluss in Montana drei Wochen im Wald gelebt, in San Francisco sind wir fast ertrunken, tausend Geschichten.

Wir haben uns danach nie ganz aus den Augen verloren. Mal zehn Jahre nicht gesehen, aber dann stand wieder einer vor der Tür des anderen. Wie jetzt. Ich hab ihn angerufen. Bin mit einem Kumpel auf dem Weg. Können wir? Klar, und als der Regen einsetzt, ist er uns mit seinem alten R4 schon entgegengekommen, um uns das Gepäck abzunehmen.

Wir haben dann den ganzen Abend zusammengehockt mit der Familie. Haben viel übers Damals und etwas auch über Morgen palavert. Aynur hat uns bekocht und morgens vor der Arbeit noch schnell Semmel geholt. Michael und ich haben derweil auf dem Balkon gestanden und in den Morgen hinein gebrabbelt, wie wir es schon immer gerne taten. Und dann haben wir „Bis zum nächsten Mal“ gesagt. Ein enges Netz kann wärmer sein als jedes Bärenfell.

Und jetzt geht es rüber nach Österreich.

So können Sie virtuell mitradeln

Wer wissen will, wie weit Matthias Maruhn kommt und was er erlebt, kann ihm auf nrz.de/zweioppas hinterher reisen.

Am Handy die Bilder nach links wischen, dann erscheint die nächste Etappe. Am PC genügt ein Klick auf den kleinen weißen Pfeil (rechts unten).

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben