Alternative Krebstherapie

Bewährung für Heilpraktiker wegen Todes dreier Patienten

Klaus R. zum Prozessauftakt: "Ich habe sauber gearbeitet". Die Richter sahen das anders.

Klaus R. zum Prozessauftakt: "Ich habe sauber gearbeitet". Die Richter sahen das anders.

Foto: Lars Heidrich / Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Krefeld/Moers  Mit einer Bewährungsstrafe kommt Heilpraktiker Klaus R. aus Bracht davon. Drei Patienten starben an seiner selbst konzipierten "Krebsbehandlung".

Er sieht weiterhin keinen Fehler bei sich. Als er sich für den qualvollen Tod seiner drei Krebspatienten entschuldigt, kommen dem 61-jährigen Heilpraktiker aus Moers kurz die Tränen. „Ich wünschte, ich könnte es wiedergutmachen.“ Doch Klaus R. hat sich schnell wieder im Griff, so wie er auch die Plädoyers am Montag mit beflissener Nüchternheit verfolgt hat. „Freispruch“ fordert hier seine Verteidigerin Ursula Bissa.

Klaus R. habe seine Familie, seine Altersvorsorge und letztlich „seinen Traumberuf“ verloren, auch habe er sehr gelitten unter den Ermittlungen, die zwischenzeitlich auf bis zu 70 Todesfälle angeschwollen waren, und wegen der damit verbundenen Medienberichterstattung. „Er war das Opfer.“ Und auch noch der Sündenbock für die politische Debatte um eine Regulierung des Heilpraktikerberufs. Sein Ziel, sich diesem Prozess zu stellen und Klärung zur Ursache zu bekommen, habe dieses Verfahren nicht gebracht.

Die Wahl hatte Klaus R. allerdings nicht. Die Angehörigen dagegen, bei denen er sich entschuldigte, entschieden selbst, fernzubleiben – so unerträglich war ihnen der Prozess, hieß es. Weswegen die Formulierung seiner Verteidigerin nur sachlich korrekt gewesen sein dürfte, nach der keiner im Saal so leide wie Klaus R. unter dem Tod seiner Patienten.

Zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt ihn das Landgericht Krefeld schließlich und bleibt damit unter der Forderung von Staatsanwalt Marcel Dörschug von drei Jahren für dreifache fahrlässige Tötung in Tateinheit mit Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz.

Werben mit der "Klaus-R.-Methode"

In sein „Krebszentrum“ in Brüggen an der niederländischen Grenze hatte Klaus R. Patienten speziell aus den Benelux-Ländern gelockt mit einer „biologischen“ und „effektiven“ Therapie, der er seinen eigenen Namen gab: „die Klaus-R.-Methode“. Tatsächlich injizierte er ihnen für 9.900 Euro pure Chemie, die „wie eine Schrotflinte auf den Körper“ wirkte, hatte ein Gutachter im Prozess erklärt. In dieser Werbung und der unzureichenden Aufklärung über die Risiken, sah die Anwältin einer Angehörigenfamilie das eigentliche moralische Vergehen. Schulmediziner hatten der Patientin Joke K. mit ihrem Brustkrebs gute Chancen auf Heilung gegeben, doch die Niederländerin hatte gezielt eine „alternative Behandlung“ gesucht, um die Chemotherapie zu umgehen.

Wie die zwei anderen Opfer starb Joke K. durch eine Überdosis des unerforschten Wirkstoffs 3-Bromopyruvat (3BP) nach mehrtägigem Todeskampf an Gehirnblutungen und Hirnquetschungen, mit rollenden Augen, Schaum vorm Mund und epileptischen Zuckungen. Sämtliche pharmazeutischen Regeln habe Klaus R. außer Acht gelassen, als er seinen Patienten 3BP verabreicht hatte, warf Staatsanwalt Dorschug ihm vor – in bis zu sechsfach höherer Dosis, als von ihm selbst geplant. Der Angeklagte habe „ein enorm hohes Maß an Leichtfertigkeit unter völliger Überschätzung seiner eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten“ gezeigt.

Waage und Dosierlöffel wurden im Prozess getestet. Gutachter und Mediziner gehört, die Tiefen der Körperchemie gestreift – mit erdrückender Indizienlage. Doch die Verteidigerin bleibt dabei: „Die Überdosierungen bleiben für uns nicht nachvollziehbar.“

Eine bizarre Theorie

Das Gericht sieht das völlig anders. „Eine bizarre Theorie“, nennt der Vorsitzende Richter Johannes Hochgürtel den Versuch der Verteidigung, die Ursache der Todesfälle in Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten wie Paracetamol zu suchen. „Sie haben ganz sicher nicht sauber gearbeitet … Schiefgegangen ist bei Herrn R. etwas, bei sonst niemandem.“

Welcher Fehler genau zu der verhängnisvollen Überdosierung geführt habe, so Richter Hochgürtel, das habe das Verfahren in der Tat nicht zeigen können. Wohl aber, dass Klaus R. „bemerkenswert blauäugig“ gehandelt hatte. Das 3BP bezog er über einen privaten Mittelsmann aus den Niederlanden, der selbst an seiner kranken Ehefrau und an seiner Mutter ausprobiert hatte – ebenso wie nahezu alle Informationen über den Stoff. Immerhin erzählte der Mittelsmann Klaus R. von einem Experiment mit Ratten, bei dem diese durch eine Überdosierung verreckten. „Sie wussten also, dass 3BP ab einer bestimmten Menge tödlich wirken konnte“, so der Richter.

Dennoch prüfte der gelernte Ingenieur und spätberufene Heilpraktiker weder die Identität des erhaltenen Pulvers, noch seine Reinheit oder Sterilität, wie es ein Apotheker hätte tun müssen. Er fertigte Infusionen mit einer prinzipiell ungeeigneten Waage und einem Dosierlöffel — ohne Vier-Augen-Kontrolle. Er beschriftete Infusionsflaschen zum Teil falsch oder gar nicht. Er gab 3BP mit nach Hause und erhöhte auf Verlangen die Dosis.

"Sehr günstige" Auslegung

Bis zu fünf Jahre hätte der Straftatbestand der fahrlässigen Tötung hergegeben. Doch Klaus R. kann mit Bewährung auf freiem Fuß bleiben – eine Revision ist möglich –, denn das Gericht hat einige Punkte „sehr günstig“ ausgelegt, wie Johannes Hochgürtel ausführt. So kommt Klaus R. zugute, dass er nicht vorbestraft ist, weitgehend kooperiert habe und in beruflicher wie privater Hinsicht schwer geschädigt sei. Er habe „bemerkenswert blauäugig“ gehandelt, aber durchaus den Patienten helfen wollen.

Seinen „Traumberuf“ könne und wolle ihr Mandant nicht weiter ausüben, sagt seine Verteidigerin – allerdings kämpft er in einem weiteren Verfahren gegen die Aberkennung der Heilpraktikererlaubnis. Klaus R. arbeitet nun in der Lebensassistenz für 11 Euro die Stunde.

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