Prozess

Bluttat in Voerde: Wie der Lokführer den Horror erlebte

Nach der Tat hatten Menschen Blumen zum Gedenken niedergelegt.

Nach der Tat hatten Menschen Blumen zum Gedenken niedergelegt.

Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Beim zweiten Prozesstag gegen Jackson B. sagen der Lokführer und die Zugbegleiterin aus. Der Lokführer musste psychologisch betreut werden.

Vor dem Richtertisch stehen die Verteidiger, der Staatsanwalt, die Zeugin, der Beschuldigte. Gemeinsam mit Richter Joachim Schwartz schauen sie sich die Bilder vom Tatort an. Bilder, auf denen die grausam zugerichtete Leiche von Anja N. zu sehen sind. Jackson B. sieht hin. Die Hände in den Taschen, teilnahmslos. Keine Regung. Vielleicht liegt das an den Medikamenten, die der 28-Jährige in der Psychiatrie bekommt.

Tag 2 des Prozesses gegen den Mann, der im vergangenen Sommer in Voerde eine junge Frau vor einen fahrenden Zug stieß. Jackson B. soll die Mutter einer Tochter möglicherweise im Zustand verminderter Schuldfähigkeit am Morgen des 20. Juli vergangenen Jahres aus Heimtücke und Mordlust umgebracht haben, glaubt die Staatsanwaltschaft. Auch die Verteidigerin von B. hält ihn für schuldunfähig. Er sitzt derzeit in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung in Essen.

Polizist: Beschuldigter sagte bei der Festnahme nichts

An diesem Tag sagen Polizisten aus, die mit dem Fall beschäftigt waren. Die Streifenbeamten, die am 20. Juli als erste am Tatort waren. Die Leiterin der Mordkommission. Die Beamten der Spurensicherung. Die beiden Streifenbeamten berichten, dass sie kurz nach der Tat an dem Morgen von aufgeregten Zeugen herangewinkt wurden.

Auf dem Bahnsteig angekommen, hätten sie gesehen wie B. schon von zwei Männern zu Boden gerungen worden war. Sie hätten ihn gefesselt und zur Wache gebracht. B. habe nichts gesagt. Auf einen der Polizisten wirkte B. „tranig und verlangsamt“.

Die Leiterin der Mordkommission erzählt von einem einen skurrilen Randaspekt. Die Familie des Beschuldigten sei „schnell auf die Idee gekommen, dass sie die Opfer sind“. Sie habe verlangt, von der Polizei beschützt zu werden. Die Polizei sah dazu keinen Anlass.

Als Zeuge ist auch der Lokführer Thorsten G. geladen. Es ist den 39-Jährigen für kein leichter Gang in den Zeugenstand. „Es stresst mich total“, sagt er zu dem Vorsitzenden Richter. Er war im Juli 2019 ein Fahranfänger mit sieben Monaten Fahrpraxis. Entsprechend vorsichtig fährt er. Wenn Menschen bei einer Einfahrt in einen Bahnhof zu nah am Gleis stehen, hupt er, um sie zu warnen.

An diesem verhängnisvollen Morgen hat G. die Strecke Düsseldorf-Arnheim schon einmal hin und zurück hinter sich. Um 8:46 Uhr erreicht er den Bahnhof Voerde, mit knapp 60 km/h fährt der Zug ein. Der Lokführer sieht am Bahnsteig eine Gruppe von Menschen, sie stehen hinter der weißen Linie auf dem Bahnsteig. Er muss nicht hupen.

Dann fliegt die Frau vor den Zug.

G. erinnert sich daran, wie er die Notbremsung eingeleitet, den roten Knopf für die Streckensperrung gedrückt und die Fahrgäste informiert hat. „Dann habe ich meinen Kopf auf das Führerpult gelegt.“ Den entsetzten Schrei von Zugbegleiterin Aycan S. hat er nicht gehört.

Zeugin: Ich habe das Gesicht der Frau noch vor Augen

S. ist bei der Einfahrt des Zuges mit im Führerstand. Auch sie sagt vor Gericht aus. Als der Zug einfährt, sieht auch sie die Gruppe Menschen am Gleis stehen. „Ich habe noch das Gesicht der Frau vor Augen, sie war am lächeln und hat sich unterhalten.“ Dann sieht sie, wie „die Person, die gerade im Gerichtssaal sitzt“, sie schaut zu Jackson B. herüber, Anja N. mit beiden Händen vor den Zug stößt. „Sie hatte keine Möglichkeit mehr, aus dem Gleisbett zu steigen.“

Die 47-Jährige erzählt, dass sie noch immer Albträume hat. „Ich träume davon, dass ich selbst vor den Zug gestoßen werde.“ In den beiden Tagen vor der Gerichtsverhandlung habe sie nicht richtig geschlafen.

Der Lokführer brauchte psychologische Hilfe

Lokführer G. hat die Tote nicht gesehen. Lokführern wird gesagt, sie sollten nicht hinschauen, wenn sie jemanden überfahren haben. Aus Selbstschutz. Nach dem 20. Juli war G. acht Wochen krankgeschrieben. Sein Arbeitgeber organisierte psychologische Hilfe für ihn. Drei, vier Wochen wurde er engmaschig betreut, dann konnte er wieder fahren. Auch die alte Strecke.

„Ich habe es einigermaßen gut verarbeitet“, sagt er. „Ich bin sehr gerne Lokführer.“

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