Bachelorarbeit

Bundestag diskriminiert Migranten bei Briefanfragen

702 Abgeordnete sitzen im Bundestag, nicht alle reagieren gleich auf Anfragen, stellte ein Student aus Essen jetzt in seiner Bachelorarbeit fest.

702 Abgeordnete sitzen im Bundestag, nicht alle reagieren gleich auf Anfragen, stellte ein Student aus Essen jetzt in seiner Bachelorarbeit fest.

Foto: Gunter Kirsch

An Rhein und Ruhr.   Ein 23-jähriger Student aus Essen hat Abgeordnete auf die Probe gestellt. Insbesondere die AfD antwortet ungern auf Briefe von „Murat Yilmaz“.

In Sonntagsreden sprechen sich die Abgeordneten des Deutschen Bundestags unisono gegen Diskriminierung aus. Im Alltag der Parlamentariers indes sieht das anders aus. Das hat Jakob Kemper aus Essen in seiner Bachelorarbeit herausgefunden.

Der 23-Jährige hat alle 703 Abgeordneten angeschrieben und sich als 45-jähriger Krankenpfleger ausgegeben, der nach einer Zeit in den Niederlanden wieder nach Deutschland zurückkehrt und wissen will, ob er automatisch wieder als Wähler registriert wird.


Der Clou: In der Hälfte der Fälle schrieb er als Paul Schmidt, in der anderen Hälfte als Murat Yilmaz Ergebnis: Paul Schmitz bekommt bei den meisten Parteien deutlich häufiger und ausführlicher Antwort auf Mail bzw Brief als Murat Yilmaz. „Menschen mit Migrationshintergrund werden systematisch bei der Zugänglichkeit zu Abgeordneten diskriminiert. Ich sage nicht, dass das bewusste Diskriminierung ist, aber unterschwellig spielen Einstellungen bei den Mitarbeitern in den Abgeordnetenbüros eine Rolle“, ist der Student am Campus Duisburg sicher. Zudem, so Kemper, zeigt sich ein klarer Zusammenhang: „Je positiver eine Partei gegenüber Immigration eingestellt ist, desto weniger diskriminieren die Abgeordneten Bürger mit Migrationshintergrund.“

„Wer im Briefkopf steht, wird in der Welt der Bundestagbüros durchaus registriert“, resümiert Kemper, der aktuell seinen Master in Methoden der Sozialforschung in Bochummacht. Hat dagegen der Abgeordnete selbst einen Migrationshintergrund, antworteten seine Mitarbeiter Paul Schmidt weniger häufig – ein gegenläufiger Effekt.

Bei den Grünen bekam Herr Yilmaz häufiger Post

Unterschiede gibt es vor allem bei der Fraktion der AfD. 47% der Fragenden ohne Migrationshintergrund erhielten eine Antwort, aber nur 26 % der Anfragesteller mit Migrationshintergrund – ein statistisch bedeutsamer Unterschied. Die Abgeordneten aller anderen Fraktion antworteten auf die Anfrage des vermeintlichen Bio-Deutschen ebenfalls häufiger, jedoch nur um einige Prozentpunkte. Ausnahme: Die Abgeordneten von Bündnis90/Die Grünen antworteten Murat Yilmaz sogar häufiger als Paul Schmidt (53%/58 %).

„Jakob Kemper weist Zusammenhänge nach, die nicht nur durch Zufall entstanden sein können“, lobt Politikprofessor Dr. Achim Goerres die Arbeit. „Bis auf den Absender war bei den Anfragen alles gleich. Inhaltlich ging es um eine völlig legitime und einfach zu beantwortende Frage zur Teilnahme an der Bundestagswahl. Trotzdem können wir eine schlechtere Behandlung eines in der türkeistämmigen Community häufig vorkommenden Namens nachweisen. Das sind zwar Ergebnisse im Schnitt, das heißt nicht jedes Abgeordnetenbüro zeigt dieses Verhalten, aber insgesamt sind die Befunde äußerst bedenklich.“

Link zur Bachelorarbeit: https://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DocumentServlet?id=47520

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