Innovatives Wohnprojekt

Ein Verein macht Studenten zu Botschaftern von Marxloh

Regelmäßig unterstützt der Student Imad Soliman Kinder aus Duisburg-Marxloh im „Tausche Bildung für Wohnen“-Haus beim Lernen oder bei den Hausarbeiten.

Foto: Volker Hartmann

Regelmäßig unterstützt der Student Imad Soliman Kinder aus Duisburg-Marxloh im „Tausche Bildung für Wohnen“-Haus beim Lernen oder bei den Hausarbeiten. Foto: Volker Hartmann

Duisburg.   Mietfrei wohnen - und dafür Kinder unterstützen: Das Projekt „Tausche Bildung für Wohnen“ verbindet soziales Engagement mit Wohnraumentwicklung.

Wer mit Imad Soliman durch die Straßen seines Quartiers geht, kann sich eine Stadtführung sparen. Imad kann von der jüngeren Geschichte der abgerissenen Kirche erzählen, von den Plänen fürs Kolpinghaus, an dem wir gerade vorbeigehen, von seinem Lieblingsbäcker - „richtig gute Sachen, sehr lecker.“ Imad legt einem den Stadtteil ans Herz.

„Ist das speziell, hier zu wohnen?“, will der Fotokollege wissen. „Ja, speziell schon. Hier leben viele Charakterköpfe“, sagt der 28-Jährige. Die Charakterköpfe sitzen an diesem sonnigen Vormittag neben dem Kiosk, der sein Areal um Tische und Bänke zu einer Mischung aus Biergarten und Teestube erweitert hat, werkeln am Dach ihres Backsteinhäuschens oder gießen die Blumenkästen auf dem Balkon. Kinder kommen aus der Schule und schleppen schwer an ihren Tornistern. Fast schon ein Stück Stadtviertelidylle.

Das ist Marxloh. Oder soll man sagen: Auch das ist Marxloh. Denn den Duisburger Nordstadtteil nehmen viele ganz anders wahr - als bundesweit bekannten Problemort, der für Verwahrlosung, soziale Missstände und die Dominanz krimineller Familienclans steht. Manche halten Marxloh schlicht für eine No-Go-Area.

Marxloh von seinen Potenzialen her denken

Natürlich ist Mitgründerin und Kuratoriumsmitglied Christine Bleks und den Mitarbeitern vom Verein „Tausche Bildung für Wohnen“ dieses Image bewusst. Aber: Sich damit abzufinden, hieße, resigniert zu haben. Und warum soll man an diesem Marxloh-Bild nichts ändern können? Die Aktiven des Vereins kennen die Zahlen in- und auswendig: Mehr als die Hälfte der rund 20 000 Bewohner haben einen Migrationshintergrund, der Arbeitslosenanteil ist überdurchschnittlich, der Leerstand bei Wohnungen und Ladenlokalen liegt bei zwölf Prozent. Keine gute Statistik. Deswegen wollen die Mitarbeiter von „Tausche Bildung für Wohnen“ auch nichts beschönigen, aber sie wehren sich dagegen, „dass dieser Stadtteil kaputt geredet wird.“

Ihr Ansatz? Ein Perspektivwechsel. Nämlich nicht immer nur das Negative zu sehen, sondern den Ort von seinen Potenzialen her zu entwickeln. Was sie nicht nur in Worten tun, sondern mit einem Wohnprojekt und einer Reihe weiterer Aktivitäten, für die der Verein schon mit Preisen und Auszeichnungen dekoriert wurde. Und Potenziale gibt es natürlich genug, schon allein deshalb, weil mehr als ein Viertel der Bevölkerung Marxlohs unter 18 ist.

Mietfrei wohnen in zwei WG’s

Die Ausgangsidee: Studenten, Azubis und Bundesfreiwilligendienstler wohnen ein Jahr lang mietfrei in einer Wohngemeinschaft in Marxloh, die „Tausche Bildung für Wohnen“ gehört. Im Gegenzug verpflichten sie sich, Kinder aus dem Stadtteil zu betreuen. Sie geben ihnen Nachhilfe, organisieren Ausflüge und werden so zu Bildungspaten. Das summiert sich zu einem Ergebnis, das man „Win-win-Situation“ nennt. Kinder bekommen motivierte und engagierte Unterstützer. Und nach Marxloh ziehen Studenten - was bislang eher die Ausnahme ist.

Womit wir wieder bei Imad Soliman wären, denn er ist einer dieser Bildungspaten. Der gebürtige Aachener kam zum Studium nach Duisburg, eine bezahlbare Wohnung aber fand er nicht, jedenfalls nicht in Uninähe. „Von Marxloh hatte ich noch nie gehört.“ Drei Jahre ist das her. Bis er eines Tages ein Plakat von „Tausche Bildung für Wohnen“ entdeckte. Imad fand die Idee bestechend. Nachhilfe hatte er früher schon gegeben, auch in der Jugendarbeit war er schon in Aachen aktiv. Nur war zu dem Zeitpunkt kein WG-Platz frei. Der Student musste einige Monate warten - und fand in Marxloh ruckzuck eine günstige, eigene Wohnung.

An dieser Stelle könnte die Geschichte schon zu Ende sein, doch Imad Soliman war von dem Projet so angetan, dass er seine Wohnung wieder kündigte, als schließlich ein WG-Zimmer frei wurde. Seither wohnt er hier, in einer Dreier-WG, zweiter Stock eines ziemlich normalen Mehrfamilienhauses, samstags Treppenputzdienst inklusive. Auf seinem Schreibtisch liegen zerlegte PC’s. Imad ist Tüftler.

Die Paten lernen mit den Kindern

Zu dem Elektroingenieursstudenten ist gerade die nunmehr vierte Generation von Bildungspaten neu eingezogen. Zwei zu ihm, drei in die Etage darunter.

Acht bis neun Stunden pro Woche geht Imad die paar Straßen rüber ins große, gemütliche Gebäude des „Tausche Bildung für Wohnen“-Vereins, einem alten Pfarrhaus. Hier lernt er mit den Kindern für die Schule, hier planen sie gemeinsame Ausflüge in den Zoo oder einfach auf den Spielplatz. „Die Kinder freuen sich, weil man sich ihnen widmet“, sagt er bescheiden. Und weil Imad neben der deutschen auch noch die arabische Sprache beherrscht, hilft er gelegentlich auch Flüchtlingsfamilien bei Behördengängen.

Im Kleinen an Großem arbeiten

Dabei lebt der 28-Jährige genau das, was der Leitgedanke von „Tausche Bildung für Wohnen“ ist: gesellschaftliches Engagement gepaart mit einer Bindung an den Stadtteil. Imad ist zum überzeugten Marxloh-Botschafter geworden. „Ich mag den rauen Charme. Typischer Ruhrpott. So schnell geh ich hier nicht wieder weg.“

Er und seine Mitstreiter von „Tausche Bildung für Wohnen“ arbeiten im Kleinen an etwas Großem: Perspektiven für Marxloh.

>>INFO: DAS IST DER VEREIN

Der Verein „Tausche Bildung für Wohnen“ ist ein sogenanntes Social Start up, das sind junge Unternehmen, die nicht nur Produkte oder Dienstleistungen anbieten, sondern auch soziale Probleme angehen. „Tausche Bildung für Wohnen“, 2014 an den Start gegangen, bietet jährlich sechs Studenten, Azubis oder Bundesfreiwilligendienstlern kostenlosen Wohnraum in einer WG in Marxloh an. Dafür werden sie Bildungspaten für sechs bis acht benachteiligte Kinder. Finanziert wird das Projekt durch öffentliche Mittel und Spenden.

Aktuell werden Ehrenamtler und Teilzeitpaten gesucht. Nähere Infos und Kontakt: www.tausche-bildung-fuer-wohnen.org

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