Wohlfahrtsverband mahnt:

Es gibt zu wenig Schuldnerberater in NRW

Mühsame Kleinarbeit: Ein Schuldnerberater durchforstet mit einer Klientin Rechnungen.

Mühsame Kleinarbeit: Ein Schuldnerberater durchforstet mit einer Klientin Rechnungen.

Foto: David Ebener/dpa

An Rhein und Ruhr.   Schuldenprobleme lassen sich nur individuell lösen, das dauert. Betroffene leiden unter ihrer Situation und warten auf nachhaltige Beratung.

Der Winter ist vorbei, der Frühling noch nicht richtig da. Drohende Energiesperren sind in diesen Tagen in Schuldnerberatungsstellen ein großes Thema. Bei den Klienten sind die Rechnungen der Versorger aufgelaufen. „Meist geht es um Beträge von 800 oder 1000 Euro, im Einzelfall können das aber auch schonmal 2000 Euro und mehr sein“, berichtet Georg Eickel. Hilfe tut not.

Wenn sich Klienten in solchen Fällen an Schuldnerberater wenden, ist es meist fast zu spät. Die Energiesperre droht binnen drei oder fünf Tagen, mitunter wird der Strom auch schon morgen abgestellt. „Die Beratungsstellen bemühen sich hier, ganz unmittelbar zu helfen“, sagt Eickel, Fachreferent beim Wohlfahrtsverband „Der Paritätische“ in Nordrhein-Westfalen. Nur: Was nicht ganz dringend ist, das muss warten – oft ein halbes Jahr oder länger. So lange dauert es, bis sich Schuldnerberater den Einzelfall in Ruhe vornehmen und an einer nachhaltigen Lösung des individuellen Schuldenproblems arbeiten können.

Finanzierung ruht auf drei Säulen

209 Beratungsstellen mit 464 Vollzeitkräften verteilen sich über NRW – und sie tun das sehr ungleich. Eine Liste des „Paritätischen“ setzt Beraterzahl ins Verhältnis zur potenziellen Kundschaft, also zur Gesamtheit der überschuldeten Menschen im Bundesland. Eickel räumt ein, dass es eine theoretische Gleichung ist, weil „ja nicht alle

Überschuldeten morgen die Beratungsstellen stürmen“. Eindrucksvoll ist die Gleichung trotzdem: Demnach kommen auf einen Schuldnerberater im NRW-Schnitt 3700 Überschuldete. Lokal ist das Missverhältnis teils noch krasser.

Ganz und gar nicht theoretisch ist Zahl von 300 bis 400 Beratungsfällen, mit denen die Mitarbeiter im Schnitt pro Jahr konfrontiert werden. Laut Eickel gilt eine jährliche Fallzahl von 100 als wünschenswert, um eine nachhaltige Beratung in überschaubarer Zeit zu gewährleisten.

Als ein „wirklich tolles Signal“ lobt Eickel im NRZ-Gespräch, dass das Land NRW die Förderung für die Schuldnerberatung erstmals nach Jahren raufgefahren hat – und das deutlich. Zu den bisher 5,5 Millionen Euro gibt das Land ab diesem Jahren 650 000 Euro mehr, ein Plus von fast 12%. Aber: Die Schuldnerberatung wird durch drei Säulen finanziert. Das Land bezahlt umgerechnet nur ein knappes Viertel der Beraterstellen, mit im Boot sind die jeweiligen Kommunen und Sparkassen. Eickel hofft, dass auch sie bei der Förderung nachlegen: „Das wäre unbedingt notwendig, um das Beratungsangebot auch auszuweiten.“

Schwärzeste Krisen

Das Plus des Landes reiche lediglich, um Kostensteigerungen der jüngeren Vergangenheit auszugleichen. Bei manchen Kommunen hat Experte Eickel den Eindruck, dass diese nur das Nötigste zahlen. Er lobt aber ausdrücklich auch Gegenbeispiele wie Duisburg: „Da ist man auf dem richtigen Weg.“

Schuldnerberatung hilft Menschen in schwärzesten Krisen. „Die Leute kommen meist sehr aufgelöst in die Beratungen, einige haben sogar schon Krankheitssymptome entwickelt, weil sie unter der Situation so sehr leiden“, berichtet Eickel. Einen Schuldenberg abzutragen, das sei „harte Arbeit und dauert – meistens Jahre, selten Monate“. Für die Betroffenen beginne danach ein neues Leben.

>>>HINTERGRUND: SO ARBEITEN SCHULDNERBERATER

Krisenhilfe ist in den meisten Fällen zunächst angesagt. Binnen weniger Tage droht eine Stromsperre oder die Räumung der Wohnung steht bevor. Die Berater prüfen die Berechtigung der Forderungen und bemühen sich dann, Stromsperre oder Räumung abzuwenden; zugleich gilt es auch, eine Pfändung des Kontos zu vermeiden: „Der Klient braucht ja Geld zum Leben, um Lebensmittel zu kaufen“, sagte Georg Eickel.

Nachhaltige Beratung benötigt Zeit. Da geht es darum, einen Überblick über Schulden und verfügbares Einkommen zu gewinnen – und beides in die Waage zu bringen. Was muss wann an wen bezahlt werden? Die Berater nehmen Kontakt mit Gläubigern auf – sofern möglich, wird über Ratenzahlungen oder einen Schuldenschnitt verhandelt. Und sie helfen bei Verbraucherinsolvenzverfahren.

Schuldnerberatungen sind bei Wohlfahrtsverbänden in der Regel kostenlos (eine Liste der Beratungsstellen: https://www.mkffi.nrw/tags/schuldnerberatungsstellen).

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