Bürokratie

Finanzverwaltung will Steuerbescheide verständlicher machen

Beispiele für bürgerfreundlichere Sprache.

Beispiele für bürgerfreundlichere Sprache.

An Rhein und Ruhr.   Die NRW-Finanzverwaltung will in ihren Vordrucken künftig weniger Abkürzungen, Fremdwörter und Bandwurmsätze verwenden.

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Lichtbild, Vorbehalt der Nachprüfung, Grundbesitzfeststellungsbescheid und abschlägig beschieden: Fast jeder kennt die veralteten Begriffe und komplizierten Sätze aus Steuerbescheiden und anderen amtlichen Schreiben. Nicht wenige Menschen dürften angesichts dieser Wortungetüme der Verwaltungssprache regelmäßig der Verzweiflung nahe stehen.

In der Finanzverwaltung hat man dieses Problem erkannt – deshalb soll bei den Formularen bald einiges verständlicher werden. Bei der Finanzministerkonferenz in Goslar hat NRW-Finanzminister Lutz Lienenkämper in der vergangenen Woche eine Initiative für eine bürgerfreundlichere Sprache und mehr Serviceorientierung auf den Weg gebracht. Gemeinsam mit den anderen Finanzministern der Länder wurde die Einrichtung einer Arbeitsgruppe beschlossen.

Übersichtlicher, verständlicher, bürgernäher

Das bedeutet konkret, dass Vordrucke, Briefe und auch der Internetauftritt der Finanzverwaltung übersichtlicher, verständlicher und bürgernäher werden sollen. „Veraltete Begriffe werden durch alltägliche Wörter ersetzt“, betonte Robert Flader, Sprecher im nordrhein-westfälischen Finanzministerium, auf NRZ-Anfrage.

So werde es künftig „abgelehnt“ statt „abschlägig beschieden“ und Prozent statt „vom Hundertsatz“ heißen. Auch manche sprachliche Wendungen, die noch nach den Anfängen der Telekommunikation in der Kaiserzeit klingen, werden ans 21. Jahrhundert angepasst: So soll bald nicht mehr „um Ihren fernmündlichen Rückruf gebeten“ werden, es heißt dann schlicht: „Bitte rufen Sie zurück“. Auch Abkürzungen will das Finanzministerium in seinen Steuerbescheiden vermeiden, genau wie sogenannte Bandwurmwörter. Aus Grundbesitzfeststellungsbescheid wird so der „Bescheid über die Feststellung des Grundbesitzwerts“.

Neu gegründete Arbeitsgruppe

„Wir wollen Fremdwörter in Zukunft weitestgehend vermeiden und Fachbegriffe besser erklären“, sagt Flader. So sollen beispielsweise „Werbungskosten aus nichtständiger Arbeit“ wie folgt erläutert werden: „Werbungskosten sind alle Ausgaben, die Sie im Laufe des Jahres für Ihren Beruf getätigt haben.“

Die nun gegründete Arbeitsgruppe bündelt die bisher in Bund und Ländern laufenden Initiativen für mehr Bürgerfreundlichkeit. „Unser Einsatz hat sich gelohnt“, meint deshalb Finanzminister Lutz Lienenkämper. „Ich freue mich sehr, dass wir auf dem Weg zu mehr Dienstleistungsorientierung und Bürgernähe in der Finanzverwaltung unser Tempo weiter erhöhen“, sagt Lienenkämper.

Bürger wurden zum neuen Steuerbescheid befragt

Die Verwaltung müsse sich noch stärker als Dienstleister für die Bürger verstehen. „Bürgerfreundliche Sprache ist dafür ein wesentlicher Baustein“, betont der Minister. Zur Umgestaltung des Einkommensteuerbescheids konnten Bürger ihre Meinung sagen. „Die Erkenntnisse der Bürgerbefragung wurden, soweit machbar, in das Muster des Steuerbescheids eingearbeitet“, erklärt Robert Flader.

Landesweit wurden bereits 600 Vordrucke überarbeitet und das Schulungskonzept „Bürgernahe Sprache“ entwickelt. „Einige der neu gestalteten Vordrucke werden von den Finanzämtern bereits verwendet“, so Robert Flader. Der Großteil befinde sich jedoch noch in der Überarbeitung. Bis zum Jahresende sollen alle Vordrucke an die Ämter weitergeleitet werden. Ziel dieser Initiativen sei, das Bewusstsein für eine verständliche Sprache bei allen Behörden nachhaltig zu verankern.

„Lösungen, die schon lange vorliegen sollten“

Stefan Zimkeit, finanzpolitischer Sprecher der SPD im Landtag, begrüßt den Vorstoß von Finanzminister Lienenkämper – weist aber darauf hin, dass schon Amtsvorgänger Norbert Walter-Borjans (SPD) wichtige Schritte für die bessere Verständlichkeit von Formularen umgesetzt hätte. Monika Düker, finanzpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, betont, dass die konkreten Vorschläge dringend umgesetzt werden müssten. „Der Minister begibt sich mit seiner Bund-Länder-Arbeitsgruppe auf die Suche nach Lösungen, die schon lange vorliegen sollten“, so Düker.

>>> MEHRHEIT DER DEUTSCHEN VERSTEHT BEHÖRDENSPRACHE NICHT

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden beschäftigt sich regelmäßig mit Behördenbriefen und ihrer Verständlichkeit. Zuletzt gaben in einer repräsentativen Studie 86 Prozent an, Schwierigkeiten damit zu haben. Das hat aber nichts mit dem Bildungsgrad zu tun. Auch für 81 Prozent der Befragten mit Abitur oder Hochschulabschluss waren Behördenbriefe schwer verständlich.

Die deutschen Nachbarländer sind teilweise weiter im Kampf gegen die komplizierte Amtssprache. In den Niederlanden gibt es einen Erlass, dass Schreiben vom Amt verständlich sein müssen. Frankreich hat für die Verwaltungskräfte ein elektronisches Schreibtraining entwickelt.

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