Woran wir glauben

Für diese Essenerin ist Buddhismus der Weg zur Veränderung

Wie gemalt. Ist es ja auch. In einem Essener Hinterhof, unweit des Hauptbahnhofs, liegt das Buddhistische Zentrum.

Foto: Fabian Strauch

Wie gemalt. Ist es ja auch. In einem Essener Hinterhof, unweit des Hauptbahnhofs, liegt das Buddhistische Zentrum. Foto: Fabian Strauch

1989 entdeckte Susanne Konrad den Buddhismus für sich. In ihrer Ordensgemeinschaft heißt sie Nagadakini. Was das bedeutet, erzählt sie hier

Es sind nur ein paar Meter vom Großstadtgetriebe in den Hinterhof, dort, wo Grünpflanzen wuchern und ein leicht verblichenes Wandgemälde eine Ahnung von Himalaya vermittelt. Ein Rückzugsort vom Weltengetriebe. So, wie man sich das für Buddhisten vorstellt. Hier hat sich Stephan Hermsen mit der Managerin des Buddhistischen Zentrums getroffen, um sich mal ganz in Ruhe zu unterhalten. Auch, warum Sabine Konrad jetzt Nagadakini heißt. Nicht einfach, denn:

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Das E-Mail-Programm in der Redaktion ist seit Stunden ausgefallen, meine Mieter haben angerufen, sie haben keinen Strom mehr. Der Elektriker, der helfen könnte, ist im Urlaub. Und zudem läuft unter meiner Balkontür Regenwasser in die Wohnung – wie bitte behalte ich da meine buddhistische Gelassenheit?

Totale Gelassenheit ist natürlich das Ziel. Ob man das dann schafft, hängt von der Tagesverfassung ab und von der Länge und Intensität der Praxis. Es ist aber auch eine Sache des Temperaments. Es gibt ja Leute, die sind gelassener als andere. Menschen wie ich, die weniger gelassen sind, die haben dann mehr Arbeit zu tun. Ich meditiere seit 20 Jahren eine Dreiviertelstunde. Auch, wenn mir dabei die Dinge durch den Kopf gehen, die ich alle noch erledigen muss. Gerade wenn es stressig wird, ist es besonders wichtig für mich, morgens zu sitzen, weil ich dann anders in und durch den Tag komme.

Also meditieren Sie gerade dann, wenn Sie keine Zeit haben?

Ja, weil ich merke, dann habe ich es am nötigsten.

Wie gehen Sie dann mit den Dingen um, die Ihnen durch den Kopf gehen? Machen Sie mentale To-Do-Listen?

Ja, das passiert auch, aber dann fällt einem immer wieder ein: Atem und Körper, darum ging es, oder um liebende Güte – eine andere Meditationsform. Meditation als Freiheit von Gedanken oder Leere ist eine falsche Vorstellung. Das ist es eigentlich nicht. Meditation ist die Übung, bei einer Sache zu bleiben, und sich dadurch zu beruhigen. Das ist die erste Etappe.

Im zweiten Schritt geht es dann darum, den Dingen, diesem Spiel der Erscheinungen, einfach nur zuzusehen, ohne dass dauernd das Gefühl zu haben, alle zerren an einem. Wo man ruhig zusehen kann, weil man sich von den Mechanismen des Greifens befreit hat.

Das hat mit Verständnis zu tun. Auch dem Verständnis der buddhistischen Lehre, die eigentlich beschreibt, wie unser Geist funktioniert und wie es passiert, dass man aufgeregt wird und wie man weniger aufgeregt wird. Das ist für mich das Faszinierende am Buddhismus, dass er einfach erkennt. Anders als der westlich Geist, der immer erstmal verstehen will und nachvollziehen will. Buddha sagt selbst: Man soll die Dinge an seinen Erfahrungen überprüfen und sich fragen: Stimmt das auch für mich?

Wie passen Veränderungen in dieses Bild? Manchmal denke ich, Buddhismus ist für Journalisten nicht geeignet, weil wir uns ja aufregen müssen über die Welt und deren Zustände. Wenn ich die Welt gleichmütig hinnehme, muss ich keine Zeitung mehr machen.

Man kann auch kritisieren ohne sich aufzuregen. Es gibt doch auch diese Zeitungen... (holt eine Ausgabe von Buddhismus aktuell). Das Problem ist in meinen Augen, dass die Medien sich vor allem auf negative Nachrichten fokussieren. Es wird berichtet, was es alles Schlimmes auf der Welt gibt und das tut den Menschen eigentlich nicht gut. Wenn ich mich die ganze Zeit damit füttere, dann tut das seine Wirkung, dann besinne ich mich zu sorgen, dann entstehen Ängste, was alles passieren könnte. Es fördert einen negativen Blick auf die Welt.

Ich blende ja nicht aus, dass es das gibt. Buddha hat gesagt, es gibt Leid, es gibt alle diese negativen Dinge. Es geht um einen konstruktiven Umgang damit. Wenn ich mich nur aufrege, kann ich nicht mehr klar denken und entscheiden: Was ist jetzt eigentlich sinnvoll zu tun? Und außerdem: Buddhismus ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Da gibt es auch verschiedene Schulen und die sind sich nicht einig und streiten sich, wer besser ist als die andere. Es gibt auch ideologische Fragen und Auseinandersetzungen. Aber Auseinandersetzungen, wenn sie konstruktiv sind, bringen einen ja weiter. Wir haben hier im Buddhistischen Zentrum viele Gruppen, die nicht nur meditieren wollen, sondern die auch tiefer gehen und sich hier treffen. Dabei befassen sie sich mit verschiedenen buddhistischen Lehren, kommentieren und versuchen gemeinsam diese Texte tiefer zu verstehen. Und dabei geht es auch darum die Texte auf sein Leben anzuwenden. Gleichzeitig gibt es immer unterschiedliche Auffassungen gemäß dem Grad der Ein sicht, wie ir sagen. Es ist eine Frage der Erfahrung und mit der Übung der Lehren. Vor 20 Jahren habe ich die gleichen Lehren anders und weniger tief verstanden als heute. Und zu mancher Frage würden Sie von den Ordinierten unterschiedlichen Antworten bekommen.

Wie haben denn bei Ihnen diese 20 Jahre angefangen?

Meine Yogalehrerin hatte mal ein Seminar zum Buddhismus angekündigt und da habe ich gedacht: Och, mal nach innen gucken, wäre vielleicht mal ganz hilfreich. Und was ich dann merkte: Ich hatte in dieser Lebensphase hatte ich immer so ein Gefühl von Sinnlosigkeit, in dem Sinne, dass ich mich fragte: Wozu das alles überhaupt? Und in dieser Woche fand ich das eigentlich auch eher komisch, immer dieses Meditieren und die Leute, die da rumliefen. Aber nach den fünf Tagen bemerkte ich eine Wirkung, die hätte ich nicht für möglich gehalten.

Diese Tagesstruktur und das Meditieren hatten zu einer spürbaren kleinen Veränderung geführt. Ich merkte: Da funktioniert etwas. Das hat mich durch die Erfahrung überzeugt, eher im Nachhinein als während des Seminars selbst. Dann habe ich zum Buddhismus noch ein wenig gelesen und festgestellt: Das ist etwas, an das ich glauben kann und das meiner inneren Haltung entspricht.

Was muss man denn glauben, wenn man Buddhistin sein will?

Daran, dass man sich verändern kann, das ist das Wichtigste. In unserer Welt denkt man oft: Gefühle habe ioch eben und kann sie nicht verändern. Ich kann den Typen halt nicht leiden, das ist eben so. Und das stimmt nicht. Ich konnte früher viele Menschen nicht ausstehen. Ich fand das auch ganz richtig und normal.

Dann habe ich ein Jahr lang die buddhistische Meditation praktiziert und dadurch habe ich viel mehr den Menschen gesehen und akzeptiert und konnte denken: Gut, das werden jetzt nicht meine Freunde, aber deswegen muss ich diese Menschen nicht ablehnen. Das fand ich schon eine sehr grundlegende Geschichte, dass ich durch die Meditation lernte, dass man Gefühle nicht einfach so hinnehmen muss, sondern dass man Einfluss darauf hat.

Gut, mittlerweile weiß die Wissenschaft das alles auch, aber der Buddha hat das vor mehr als 2500 Jahren auch schon gewusst. Oder weniger gewusst, als erfahren. Buddhismus ist eine Erfahrungsreligion. Buddhismus ist eine Religion, die an die Kraft des Geistes glaubt und daran, dass der Geist Veränderungen schaffen kann.

Das heißt: Wenn man sich schult und diszipliniert, kann man alles Mögliche für sich erreichen. Oder für die Welt?

Das mit dem Erreichen, das ist zwiespältig. Wir übertragen die Kategorien unserer Welt auf den Buddha und da besteht die Gefahr, dass wir da ein Leistungsdenken einbringen. Buddha lehrt Zufriedenheit, Akzeptanz und Frieden. Er sagt, dass Greifen und Gier zu Leiden führt, es geht hm darum, Grundtatsachen der Realität tatsächlich mit dem ganzen Wesen zu sehen und zu erleben.

Nehmen wir zum Beispiel eine Krankheit. Wenn ich plötzlich schwer erkranke, schreie ich natürlich nicht hurra. Aber wenn ich mich gegen die Realität wehre, mache ich es nur schlimmer.

Es geht darum, eine akzeptierende Haltung dazu zu entwickeln und dazu gibt es eine Meditation, mit der man das systematisch übt: Annahme und Akzeptanz, hinschauen und hinspüren. Wir versuchen ja immer, das Unangenehme abzutrennen. Nur, wenn ich auch beim Schmerz genau hinspüre, bemerke ich auch da die Veränderungen.

Es gibt derzeit den großen Kult der Selbstoptimierung, dass jeder versucht, alles qualitativ in seinem Leben zu optmieren: die Beziehungen, den eigenen Körper, die eigene Biografie...

Wenn ich das höre, muss ich immer erst mal tief durchatmen. Selbstoptimierung, das klingt so ein bisschen wie Gewinnmaximierung. Aber sich um seine Gesundheit und gesunde Beziehungen zu kümmern, ist etwas Positives. Bei den meisten Dingen hat der Buddha gesagt: Du musst erstmal bei Dir anfangen.

Du kannst nur andere lieben, wenn Du Dich auch selbst liebst. Wenn ich gelernt habe, mit bestimmten Dingen umzugehen, strahlt das aus, und ich habe eine positivere Wirkung in der Welt, bei meinen Freunden und bei der Familie und den Kollegen. Und darum geht es dem Buddhismus eigentlich. Optimierung hat für mich so einen Beigeschmack, dass es wieder in so etwas Getriebenes mündet und sich ins Negative verkehrt. Ich neige selbst zum Perfektionismus und musste lernen: Auch, wenn es nicht perfekt ist, reicht es allemal.

Über Yoga sind Sie also in den Buddhismus geraten. Wann war das und wie ging es weiter?

Das war kurz vor meinem Abschluss als Magistra 1989. Etwa ein Jahr später habe ich mich als Buddhistin gefühlt.

Was muss man dann tun, wenn man das von sich sagt? Gibt es ein Aufnahmeritual?

Im Buddhismus nennt man das: Zuflucht nehmen. Das heißt: Der Buddhismus ist die Lehre, in der ich mein Leben ausrichten will. Bei uns gibt es ein erstes Ritual, wenn man eine Zeit lang zum Meditieren kommt und dann merkt: Hier will ich weiter üben. Dann wird man in einem kleinen Ritual Freund oder Freundin der Gemeinschaft Triratna.

Verbinden sich damit Pflichten oder Aufgaben?

Die Pflicht ist, ethisch zu handeln und seinen Geist zu klären. Wie man das macht, ist jedem selbst überlassen. Es gibt Menschen, die haben dieses Ritual gemacht und danach waren sie nie wieder gesehen. Aber das ist eher die Ausnahme. Es gibt Gruppen, in denen man die buddhistische Lehre gemeinsam weiter erforscht. Das schätzen die Menschen, zu diskutieren und sich über die Übung und die Erfahrungen austauschen zu können.

Sie sind jetzt seit knapp 30 Jahren dabei – und irgendwann haben Sie einen neuen Namen bekommen...

Genau. Das ist dann nochmal ein weiterer Schritt. Das heißt: Ich will den Buddhismus ganz ins Zentrum meines Lebens stellen. Damit verbunden ist eine Art Ausbildung mit spezielleren Seminaren. Die Leute, die die Seminare leiten, sagen dann irgendwann: Du kannst in den Orden aufgenommen werden, also in den engeren Kreis. Die haben einen dann gut genug kennengelernt und kennen den Weg und die Veränderungen, die man durchlaufen hat und geben einem dann den neuen Namen.

Und was bedeutet Ihr neuer Name?

Es ist ein mythischer Name. Es sind zwei Wesen. Die Nagas sind Schlangenwesen, die in der Tiefe des Ozeans leben und die Schätze der Weisheit hüten, eine intuitive Weisheit, die in der Tiefe liegt und weniger rational ist. Und die Dakinis sind Himmelstänzerinnen, die nackt sind, weil es keine Trennung gibt und der Geist alles direkt erlebt. Sie sind ein ganz starkes Symbol für Freiheit. Und diese beiden Welten soll ich dann verbinden...

Das ist aber eine weite Strecke von der Tiefsee bis zu den Himmelstänzerinnen...

Ja, als ich den Namen erhielt, hatte ich das Gefühl, es wird aus entgegengesetzten Richtungen an mir gezerrt. Aber ich finde es passt. Ich bin eine, die gern gründelt und in die Tiefe geht und auf der anderen Seite liebe ich meine Freiheit mehr als alles andere. Mit der Zeit war es so, als wäre ich in diesen Namen hineingewachsen, als hätte die Person, die mir den Namen gab, in mir etwas Wesentliches erkannt und das mit diesem Namen ausgedrückt.

Sie erleben das also nicht unbedingt als Zerrissenheit?

Zu Anfang war das alles ungewohnt, alles ganz neu und frisch, aber mittlerweile habe ich schon das Gefühl etwas hineingewachsen zu sein.

Wie ist denn dieses Zentrum hier entstanden?

Triratna ist eine keine reiche Organisation, die hier und dort neue Zentren finanzieren kann. Sie entstehen immer durch die Intiative Einzelner. Hier in Essen waren zwei noch recht junge Ordensangehörige, die zunächst meditierenden ihren eigenen Weg angeboten haben und daraus ist irgendwann das Zentrum entstanden. Das war Mitte der 80er Jahre. Ich bin 1993 hierher gekommen.

Seit rund zwei Jahrzehnten haben wir dieses Haus, donnerstags haben wir offene Meditation und dienstags gibt es für Erfahrenere einen Abend und freitags einen Meditationsabend. Für alle Veranstaltungen gibt es keinen Beitrag, den die Leute zahlen müssen. Buddha hat alle gelehrt, die ihn hören wollten. Und es gibt die Einstellung: Weil Buddhas Lehre allen zur Freiheit verhilft, gilt sie als so kostbar, dass sie unbezahlbar ist.

Daher sollte sie jedem zur Verfügung stehen, egal ob jemand etwas dafür geben kann oder nicht. Deshalb wurde hier die Dana-Gesellschaft eingeführt. Dana ist das altindische Wort für Großzügigkeit. Diejenigen, die sich dem Zentrum verbundener fühlten und teilweise an vielen Veranstaltungen teilnahmen, haben einen monatlichen Spendenauftrag eingerichtet. Anfangs haben wir noch Beiträge in den Anfänger-Veranstaltungen verlangt, weil sie die buddhistische Lehre und den Geist von Dana nicht kennen und wir natürlich Geld brauchen, um alles zu unterhalten.

Seit einigen Jahren ist das nicht mehr der Fall und wir weisen wir nur noch darauf hin, dass Spenden erbeten werden. Das ist sehr ungewöhnlich, diese reine Spendenbasis, aber es funktioniert, weil die größere Gemeinschaft derer, die sich hiermit verbunden fühlen, regelmäßig spenden und so für den Grundstock sorgen.

Gibt es einen Appell derart: Du sollst soundsoviel Prozent deines Einkommens geben?

Nein, das ist völlig frei. Viele haben einen Dauerauftrag eingerichtet. Wir machen meist einmal im Jahr eine Woche, wo wir allen noch einmal das Prinzip erläutern. Menschen sind ja eher Tauschgeschäfte gewohnt: Ich bekomme das und zahle dafür diesen Preis. Oder ich bekomme es geschenkt. Dieser Mittelweg ist da schon erläuterungsbedürftig.

Das Prinzip von Dana, Großzügigkeit, muss ebenso erforscht und geübt werden wie Mediation. Wir haben hier Mitarbeiter, die haben Arbeitsverträge. Der Lohn orientiert sich allerdings nicht an der Poistion und Qualifikation, sondern an dem, was die Person braucht. Unsere Leiterin bekommt gerade mal 400 Euro, weil ihr Mann arbeitet und sie Familie hat.

Offziell heißt das: diese Menschen werden unterstützt. Wir haben einen Vertrag über eine bestimmte Stundenzahln, zahlen in Rente und Krankenversicherung ein, das sind reguläre Arbeitsverhältnisse, aber wir nennen das trotzdem so, weil dahinter die Idee steht: Jeder arbeitet so viel wie er eben kann für das Zentrum und bekommt an Geld, was er eben braucht – unabhängig von der Bedeutung der Stelle oder der Arbeit. Unsere Leiterin bekommt gerade mal 400 Euro, weil ihr Mann arbeitet. Die Leute werden gefragt: Was brauchst du im Monat zum Leben?

Das heißt die Chefin bekommt unter Umständen das wenigste Geld.

Richtig.

Ist das nicht schwierig zu sagen: Ich brauche so und so viel Geld, fordere das ein und die anderen müssen es spenden.

Ich habe halt nie viel mehr verdient als in meiner Zeit als Studierende. Wenn man nicht so viel braucht, ist es leichter. Ich habe in diesem Jahr nochmal durchgerechnet, weil mir das Geld so knapp vorkam. Und dann habe ich angefragt und auch sofort 110 Euro mehr bekommen. Ich finde die Idee gut, diese Transparenz. Und nicht zu denken: Das brauche ich für mich und für meine Sicherheit.

Die Spenden geben das Geld, weil ihnen an dem Fortbestehen des Zentrums liegt oder aus Dankbarkeit für das, was sie bekommen habem. Und die Znetrumsangestellten und viele andere geben ihre Zeit und Energie, dass der „Betrieb“ gut weiterläuft. Es ist ein Miteinander. Für mich ist es einfach schön zu sehen, dass Dinge in unserer kapitalistischen Welt auch anders funktionieren können.

Wie ist die Resonanz hier am Zentrum?

Dieses hier ist alteingesessen und bekannt und liegt auch günstig, nah am Bahnhof. Wir haben hier zirka 20 Gruppen und zahlreiche Besucher. Im Sauerland haben wir ein Meditationshaus für Rückzugszeiten. Und seit einiger Zeit gibt es auch in Arnsberg ein kleines Zentrum. Darüber hinaus gibt es Deutschland noch weitere Zentren und Gruppen, sich Triratna zugehörig fühlen.

Sind Sie zur Bundestagswahl gegangen?

Ja sicher. Das ist wichtig, in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen und wir versuchen da unseren Teil beizutragen. Unser Zentrum hat ein Nachhaltigkeitszertifikat erworben und eine kleine Gruppe engagierter Buddhisten, die das Thema Nachhaltigkeit immer weiter erforscht und Anstöße reinbringt.

Und ernähren sich vegan...

Naja, das haben wir ja schon getan, als es noch gar nicht so bekannt und verbreitet war. Da sind die Buddhisten aber auch unterschiedlich. Wir, das heißt in unserer Gemeinschaft, ernähren uns vegetarisch oder vegan. Unser Meditationshaus bietet nur vegane Kost an, bis auf zwei oder drei kleine Ausnahmen. Nachhaltigkeit spielt dabei auch eine Rolle, weil man halt gucken muss, wo und wie es angebaut wird.

Wie ist das mit der Nachfrage bei der buddhistischen Lehre? Würden Sie sagen es nimmt zu oder gibt es so Auf und Abs?

Wir hatten früher Tage der offenen Tür. Dafür haben wir in der Fußgängerzone geworben. Das haben wir eingestellt, weil ohnehin schon genug Leute kommen. Über das Internet finden viele zu uns. Bei unseren Kursen gibt es oft Wartelisten.

Das Thema Buddhismus ist in den Medien, wir haben viele Neugierige, auch viel Fluktuation. Aber so etwa 20 Menschen im Jahr nehmen an unseren Zeremonien teil und werden dann dauerhaft zu Freunden des buddhistischen Zentrums. Und, wie gesagt, an unsere festen Wochenkursen nehmen vielleicht auch insgesamt 80 bis 90 Personen teil. Das heißt: Über mangelnden Zulauf können wir nicht klagen.

Sie haben eine Art Vollmondritual. Was passiert da?

Das ist eine Abfolge von Rezitationen, die den buddhistischen Weg beschreiben. Einer spricht das vor, die anderen sprechen das nach, dadurch bekommt das so eine Art Liturgiecharakter. Man macht das gemeinsam. Es gibt da auch Mantras, die gemeinsam rezitiert werden und man kann sich vor dem Buddha verbeugen und eine Kerze anzünden. Das ist eine gemeinschaftliche Praktik, bei der man direkt hören und spüren kann. Zudem ist es auch eine Art Meditation.

Wie ist denn der Zusammenhang zum Yoga?

Was wir meist Yoga nennen, kommt aus dem Hinduismus. Viele Menschen verbinden damit ja Körperübungen. Im Buddhismus ist es einfach auch eine Bezeichnung für spirituelle Übung. Ich glaube Übung ist die wörtliche Bedeutung dieses altindischen Wortes. Damit ist in der Regel aber Meditationsübung gemeint. Wir bieten aber auch ein nicht-buddhistisches Yoga an, das eindeutig körperlicher ist.

Sie sind Zentrumsmanagerin – und da machen sie was?

Das klingt hochtrabend, was es für mich nicht ist. Es bedeutet zusammen mit meiner Kollegin einen Überblick über die praktischen Abläufe dieses Zentrums und unseres Meditationshauses zu haben und diese zu koordinieren. Darüber hinaus gibt es noch ein Team mit einer Vorsitzenden, das für die spirituelle Leitung des Hauses verantwortlich ist.

Was wir alle versuchen und weshalb wir unsere Arbeit hier auch sehr schätzen: Wir versuchen unsere Art zu arbeitenn und unsere spirituelle Übung miteinander in Einklang zu bringen und tauschen uns darüber aus. Dazu könnte zum Beispiel die Frage gehören: Was stresst, wann und warum? Wie könnte ich und andere beitragen, dass der Stress abnimmt oder gar nicht erst entsteht. Und darüber tauschen wir uns auch aus.

Im Moment habe ich den Eindruck, dass machohafte Stärke wieder eher gefragt ist.

Ja, unsere Welt ist nicht schön. Manche alten buddhistischen Meister bezeichnen unsere Zeit als Zeit des Niedergangs. Der Buddhismus hat auch den Gedanken, dass Zeitalter entstehen und wieder vergehen und es durchaus sein kann, dass wir das gerade erleben.

Trotzdem ist es für Buddhisten immer wichtig, Frieden und Freundlichkeit zu kultivieren. Das kann gerade in schwierigen Zeiten Dinge zum Besseren wenden. Thich Nhat Hann, ein sehr bekannter Mönch aus Vietnam, oder der Dalai Lama leben ja vor, dass man auch mit Friedlichkeit die Welt beeinflussen kann.

Das ist für mich ja der Widerspruch: Dass ich entweder denke, ich kann die Welt verändern. Oder sie geht eben einfach unter und es ist egal, was ich jetzt noch tue. Wie kriegt man das zusammen mit Ihrer Idee der positiven Veränderung der Welt?

Sie sagen Widerspruch, ich sage Spannungsfeld oder Paradoxon. Und aus diesem Spannungsfeld nährt sich spirituelle Praxis. Es ist eine Illusion, dass sich alle Dinge lösen lassen. Aus Spannungsfeldern er wächst die Kraft, etwas zu tun und gleichzeitig das Ich nicht mehr so wichtig zu nehmen. In der Politik kloppen sich ja immer alle, weil es um Macht geht. Ich will mächtig sein, für mich oder meine Gruppe – und das ist dem Buddhismus eher fremd.

>>>Rund 250000 Buddhisten gibt es in Deutschland

Anders als Christentum oder Islam gilt der Buddhismus als Erfahrungsreligion. Bedeutet: Es geht um die Entfaltung des eigenen Geistes, um Erleuchtung zu erlangen. Man macht sich auf den Weg, „nimmt Zuflucht“ bei der viertgrößten, etwa 500 vor Christus in Indien entstandenen Weltreligion, zu der sich zwischen 230 und 500 Millionen Menschen bekennen.

Philosoph Arthur Schopenhauer gilt als einer der ersten Deutschen, der sich mit dem Buddhismus auseinander setzte. Seit gut 100 Jahren, seit Hermann Hesses Roman „Siddhartha“, findet der Buddhismus hier zunehmend Anhänger. Ihre Zahl wird in Deutschland auf rund 250 000 geschätzt, etwa die Hälfte haben asiatische Wurzeln.

Buddhistische Zentren wie das in Essen gibt es in vielen Städten, u.a. in Krefeld, Düsseldorf, Duisburg, und Langenberg. Infos: www.triratna-buddhismus.de, www.buddhistisches-zentrum-essen.de

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