Versöhnung

Genozid in Ruanda - Gedenken mit dem Vorschlaghammer

In Mbyo leben 372 Menschen

In Mbyo leben 372 Menschen

Foto: Jan Jessen

Mbyo/Ruanda.   In dem afrikanischen Land leben Täter und Opfer des Völkermords von 1994 gemeinsam in Versöhnungs-Dörfern. Eines ist eine Touristenattraktion.

Frederick Kazigwerna erzählt routiniert von seinen Gräueltaten, wie er Menschen mit seiner Machete abgeschlachtet hat. Wie er dann hierher nach Mbyo gekommen ist, in das Versöhnungsdorf, und wie ihm verziehen wurde. Einige der älteren Dorfbewohner sitzen in einem offenen Karree um ihn herum, zwei Sonnensegel schützen vor der warmen Mittagssonne. Die meisten schauen gelangweilt drein. Sie haben die Geschichte von Herrn Kazigwerna schon sehr oft gehört. Es kommen jeden Tag Touristen nach Mbyo.

Ruanda im April 1994. Präsident Juvénal Habyarimana stirbt, als sein Flugzeug abgeschossen wird. Extremistische Hutus machen dafür Rebellen der Tutsi-Minderheit verantwortlich. Ein schon lange schwelender Konflikt bricht völlig auf. Es beginnt ein beispielloses Blutbad. In einhundert Tagen werden knapp eine Million Menschen massakriert. Die Welt schaut zu. Die Vereinten Nationen sind nicht willens und in der Lage, den Völkermord zu stoppen. Erst der Einmarsch der Tutsi-Miliz RPF (Ruandische Patriotische Front) stoppt das Blutvergießen.

Das Gedenken wird sorgsam gepflegt

24 Jahre später ist aus der RPF die führende politische Partei in dem kleinen ostafrikanischen Land geworden. Präsident Paul Kagame herrscht mit eiserner Hand. „Er ist wie ein Vater, den alle respektieren, der aber auch von allen gefürchtet wird“, heißt es. Für die internationale Gemeinschaft ist Ruanda so etwas wie ein afrikanisches Musterland. Arm, aber einigermaßen stabil, dazu wirtschaftlich auf dem aufsteigenden Ast.

Das Gedenken an den Genozid wird sorgsam gepflegt. Nie wieder soll geschehen, was damals geschah. Immer wieder soll die Weltgemeinschaft an ihr Versagen erinnert werden. Mit einem schlechten Gewissen sieht man eher über Demokratiedefizite hinweg.

Überall im Land erinnern Gedenkstätten an das Geschehen von 1994. In der größten, dem „Kigali Genocide Memorial“, liegen die Gebeine von 250 000 Menschen. In Vitrinen sind die Schädel Ermordeter ausgestellt. Erinnert an Kambodscha. Auch dort werden auf den „Killing Fields“, auf denen zwischen 1975 und 1979 Hunderttausende ermordet wurden, die Schädel der Toten präsentiert. Gedenken mit dem Vorschlaghammer.

Versöhnung - ein Anliegen der Regierung

Die nationale Versöhnung ist eines der wichtigsten Anliegen der ruandischen Regierung. Es gibt offiziell keine unterschiedlichen Ethnien mehr. In sogenannten „Versöhnungs-Dörfern“ wurden Täter und Opfer zusammengebracht und leben heute Tür an Tür. Mbyo ist eines dieser Dörfer.

Der Distrikt Bugesera, knapp 45 Kilometer südlich der Hauptstadt Kigali. Kleine Siedlungen, in denen einfache Lehmhütten zwischen Bananenstauden stehen, holprige Wege, auf denen roter Staub aufwirbelt, der Nyarbarongo, in dessen schlammig-braunen Fluten 1994 Tausende Leichen trieben. Mbyo wird von einem Tourenanbieter im Internet angepriesen: „Das Versöhnungsdorf Mbyo ist ein Ort, wo Täter und Opfer, Mörder und Überlebende, Hutus und Tutsis Nachbarn sind.“

Silas Usengumuremyi, 36, ist eine Art Tour-Guide für Mbyo. Schmales Gesicht, ausgeprägte Wangenknochen, rotes Hemd, tiefblaue Hose, schicke beige Lederschuhe. Im Maniok-Feld des Dorfes erzählt er von der dunklen Zeit, davon, wie Mbyo 2005 gebaut wurde, von der Angst der Opfer vor der Rückkehr der Täter.

Er schämt sich für seine Taten

„Es ist sehr schwierig mit jemandem zusammen zu wohnen, der deine Freunde und deine Familie getötet hat.“ Sie taten sich zusammen, sagt Herr Usengumuremyi, ein Täter, mehrere Opfer, und sprachen mit den anderen. Jetzt lebten die 372 Einwohner von Mbyo in Eintracht zusammen. Zwischendurch geht er immer wieder an eines seiner drei Handys. Andere Touristen-Gruppen müssen organisiert werden. Heute haben sich 15 Ausländer angekündigt.

Frederick Kazigwerna lebt mit seiner Frau und seinen sechs Kindern in einem kleinen Bauernhof. Zwei verputzte Gebäude aus Lehmziegeln und Wellblechdach, ein Hof, ein Stall aus dicken Ästen, drei Ziegen, eine Kuh und ein Kalb. Herr Kazigwerna hat neun Jahre im Gefängnis verbracht. Heute ist er Präsident der Kooperative des Dorfes. Er schämt sich für das, was er getan hat, als er 22 war, erzählt er unter den Sonnensegeln auf dem Dorfplatz.

Nach dem Täter spricht das Opfer. Cezile Mukagasana. Sie wohnt direkt neben Herrn Kazigwerna, der ihre Familie ausgelöscht hat. „Wenn ich krank bin, kommt er rüber zu mir und unterstützt mich“, sagt sie emotionslos. „Ich habe ihm verziehen. Gott hat mir dafür die Kraft gegeben.“

Eine Gruppe Kinder tanzt, fröhliches Lachen. Dann serviert eine Frau ein traditionelles Essen. Es passt nicht viel rein. Irgendwie hat der Besuch auf den Magen geschlagen. Danach besteht noch die Möglichkeit, Souvenirs zu kaufen.

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