Plaßmann vor Ort

Gute Karikaturen brauchen gute Ideen

Karikaturist Thomas Plaßmann zeichnet für Leser der NRZ im Funke-Kiosk in Essen.

Karikaturist Thomas Plaßmann zeichnet für Leser der NRZ im Funke-Kiosk in Essen.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  Thomas Plaßmann gehört zu den besten Karikaturisten. Jetzt hat er erzählt, wie er zu dem Beruf kam – und was seine Frau damit zu tun hat.

Thomas Plaßmann zählt zu den besten Karikaturisten im Land. Das wissen die Leserinnen und Leser längst. Dass der 58-Jährige auch über Entertainer-Qualitäten verfügt, das erlebten 40 NRZ-Abonnenten nun im neuen Funke-Kiosk in der Essener City. Zwei Stunden zeichnete Plaßmann am Flipchart, erzählte von seinem Weg in den Beruf, vom Wesen der Karikatur, von der täglichen Suche nach der besten Idee und davon, dass ihn einmal die Kritik einer hochbetagten Leserin umgehauen hat.

Der Funke-Kiosk im Parterre des kreisrunden Medienhauses am Berliner Platz in der Essener Innenstadt wurde an diesem Abend zu Plaßmanns Atelier. Schick ist der Raum, lichtdurchflutet, voller Medien auf Papier und digital. Hier können die Besucher Tickets für Konzerte buchen, Bücher kaufen, Abos abschließen und etwas abseits des City-Rummels Kaffee oder Limo trinken, mit Blick auf den neuen Park.

Die Lehrer gezeichnet

Aber an diesem Abend sind alle Blicke auf die kleine Bühne gerichtet. Da steht Thomas Plaßmann, hat sein Jackett abgelegt und erzählt, dass er schon im Kindergarten Wachsmalkreide lieber mochte als Bauklötze. In der Schule hat er dann schon die Lehrer karikiert, aber zum Beruf hat er das Zeichnen erst nach Studium (Geschichte, Germanistik) und Schreinerlehre gemacht. „Ich fand den Gedanken, vom Zeichnen leben zu können, lange Zeit zu kühn“, sagt er. Erst als die Schreinerwerkstatt schloss, wagte Plaßmann den Schritt. Seine Frau hat ihn ermuntert. „Dafür bin ich ihr heute noch sehr dankbar“, sagt der Karikaturist. Und die Leser sind es auch.

Bis zu drei Karikaturen zeichnet Thomas Plaßmann jeden Tag. Die schickt er bis 15 Uhr an die Redaktion. „Haben Sie Helfer?“, möchte eine Leserin wissen. „Nein. ich mache alles ganz alleine“, antwortet Plaßmann und setzt ein trauriges Gesicht auf. Ein tröstendes „Oooooh!“ ertönt aus 40 Kehlen – und endet in fröhlichem Lachen.

Dann berichtet Plaßmann, dass man ihn jeden Nachmittag in seinem Atelier dabei beobachten könne, wie er auf Knien zehn Minuten lang um den Schreibtisch rutsche, demütig und dankbar dafür, dass er für seine Familie das Brot (und etwas mehr) verdienen könne mit einer Arbeit, die ihm immer noch täglich so viel Freude bereite.

Es ist eine Freude, aber es ist auch Stress. Es gibt Karikaturisten, die bekommen von der Politikredaktion gesagt, was sie zeichnen sollen. Plaßmann versteht sich selbst als Journalist. In vier Schritte teilt er seine Arbeit ein:
1. Was ist heute das Thema? Bis 12 Uhr sollte die Antwort gefunden sein.
2. Was mache ich mit dem Thema? Wie kommentiere ich es?
3. Wie setze ich das in Szene? Nehme ich eine Metapher, ein Sprichwort, einen Mini-Dialog?
4. Zum Schluss kommt das Zeichnen. „Das macht nur 20 Prozent der Arbeit“, sagt Plaßmann. Er benutzt noch Bleistift, Tusche und Feder. Zum Schluss wird das Bild eingescannt und an die Redaktionen geschickt. Auch die Frankfurter Rundschau und Spiegel Online zeigen Plaßmanns Karikaturen.

Die Gesichter der wichtigen Politiker wirft ein Karikaturist seines Kalibers aus dem Handgelenk aufs Papier. Und trotzdem finden sie sich eher selten in Plaßmanns Zeichnungen. Er zeigt lieber die Menschen und das, was politische Entscheidungen mit ihnen machen.

Als es wieder Parteienstreit um Rentenerhöhung und Gesundheitskosten gab, hat er eine alte Frau und ihren Enkel im Gespräch gezeichnet. Die Frau macht sich so ihre Gedanken: „Vielleicht kann ich mich in der Gesellschaft noch irgendwie nützlich machen?“ „Ach Oma“, sagt da der Enkel, „denk doch nicht immer ans Sterben...“ Ein typischer Plaßmann. Schwarzer Humor. Voller Menschenliebe und die politische Anklage an ein System, das Altern zuallererst als Kostenfaktor betrachtet.

Bei einer Karikaturen-Ausstellung, wo diese Zeichnung hing, kam eine alte Dame auf Thomas Plaßmann zu, bebte am ganzen Körper und beschimpfte ihn: Wie er nur so respektlos und gemein mit alten Menschen umgehen könne. „Ich war völlig perplex“, erzählt Plaßmann. Er konnte gar nichts sagen. „Ich hätte sie am liebsten umarmt, aber da war sie schon wieder weg.“

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