Erster Weltkrieg

Heinrich Kleinophorst starb vor 100 Jahren im Krieg

Heinrich (rechts) mit Bier und Bruder Jakob. Heinrich fiel vor 100 Jahren, Jakob starb 1966 als alter Mann.

Heinrich (rechts) mit Bier und Bruder Jakob. Heinrich fiel vor 100 Jahren, Jakob starb 1966 als alter Mann.

Foto: Privat

Moers.   In seinem Heimatort Moers erinnert ein Mahnmal an ihn. Wie an so viele Gefallene von 1914/1918. Wir haben uns auf eine Spurensuche begeben.

Ein Kriegerdenkmal ist kein schöner Ort. Hier steht die Dummheit der Menschen in Stein gehauen. Name für Name. Dutzende, manchmal hunderte. Aber schön ruhig ist es. Ein guter Platz für eine kurze Pause. Deshalb hatte es mich auch im April hierher verschlagen: Ein Termin in Moers-Kapellen, kein Stau auf der A 40, ich bin zu früh, schlendere um zwei Ecken, dann drei, dann stehe ich vor dem Ehrenmal, ein paar Stufen hinauf.

Ein weiter Blick übers Land. Ich lese die lange Liste der Namen, lese von Fritz, von Heinrich, von Gottfried, von Wilhelm, von Jakob, von den anderen, ihre Todestage, gewiss gaben sie ihr Leben allesamt als junge Burschen mit dünnem Bart und vollen Haaren. „Es starben für die Heimat...“ steht am Kopf des Denkmals. Die Heimat? Was für eine verlogene Scheiße, denke ich, wer erinnert sich denn schon noch an euch, Jungs? Ihr starbt nicht für, ihr starbt fern der Heimat... Ach Mann.

Später, nach dem Termin, bin ich wieder hin. Es hat mir keine Ruhe gelassen. Ich will vielleicht einem der Männer sein Gesicht zurückgeben. Wer warst du? Ich fotografiere die Namen mit dem Handy ab, setze mich zu Hause gleich an den PC und beginne mit den ausgefallenen Nachnamen, weil da die Spur gewiss leichter zu finden ist als bei Herrn Müller. Ch. Kleinwelleonds etwa, gefallen am 28. 9. 1915.

Die Spuren verwischen oft wie unter einer Welle

Ich tippe den Namen ein in das weltweite Netz, plopp, nur ein Ergebnis: Das Ehrenmal in Moers. Nichts sonst. Auch Gottfried Konnenz hilft da nicht weiter. Der Name ist ein digitaler Holzweg. Ich versuche vier andere der alten Kameraden, finde dünne Spuren, aber nach ersten Telefonaten verwischen sie so rasch wie unter einer Welle am Strand.

Heinrich Kleinophorst. Gefallen am 9. 10. 1918. Mein Gott, genau 100 Jahre ist das her. Der Name klingt für mich auch leicht exotisch, ist er aber nicht. Die Spur führt schnell nach Vennikel, der kleine Ort gleich bei Kapellen, zwei Telefonate folgen und der Tipp: „Da rufen Sie mal am besten die Regina an.“ Der Rat ist Gold wert, vielen Dank.

Regina (57) hat sich nämlich schon immer für Familiengeschichte interessiert. „Mein Geschichtslehrer in der Schule hat mich motiviert, weil er packend von den Dingen erzählen konnte. Und meine Oma väterlicherseits, die von ihrem ungeheuren Leben erzählte, von der Flucht aus Oberschlesien mit 9 Kindern. Ich fand es wert, das zu sammeln und zu dokumentieren.“ Und so hat sie es dann auch mit der Familie ihres Mannes gemacht. Kleinophorst. Der Schwiegervater hatte bis zu seinem Tod Familiendaten zusammengetragen, sie macht weiter. Bei Heinrich, dem so früh verstorbenen, muss sie aber auch zunächst mal passen. „Schwierig. Ich forsche da aber mal ein bisschen.“

Und sie wird fündig. Googelt sich durch Militär-Archive, wälzt Dokumente, vergleicht, verwirft und kann schließlich einige Puzzle-Teile so zusammensetzen, dass sich ein grobes Bild ergibt: Heinrich Kleinophorst, geboren am 30. Oktober 1889 in Capellen als sechstes von zwölf Kindern der Eheleute Gerhard (1857–1927, Beruf: Ackerknecht) und Christine (1863–1921). Das heißt, die Eltern haben den Tod des Sohnes erlebt.

Heinrich arbeite als Schlosser in Vennikel

Gearbeitet hat er als Schlosser in Vennikel, so viel steht fest. Heinrich war ledig. Im Krieg diente er im Feldartillerie-Regiment Nr. 7, 2. Batterie. Und er starb im Lazarettzug in Germersheim nahe Speyer. Vor 100 Jahren.

Besonders wichtig aber: Regina findet das Foto. Es zeigt Heinrich mit seinem Bruder Jakob. Er trinkt ein Bier, Jakob schaut zu. Richtig fröhlich sehen sie nicht aus. Regina vermutet, dass das Bild 1917 entstand, nach der Beerdigung von Agnes, beider Schwester, die im Februar mit 25 Jahren starb. Sicher ist das nicht. Traurig allemal.

Aber die Geschichte hat dann doch noch so ein Mini-Happy-End. Regina hat weitergeforscht. Heinrichs Neffe Wilhelm hatte 1937 nach Hessen geheiratet, eine Rosa Maul. Und deren Kindeskinder hat Regina nun ausfindig gemacht, Kontakt aufgenommen, per Facebook, junge Leute sind das, jetzt Ende Oktober gibt’s das erste Treffen. Alle sind ganz aufgeregt.

Tja Heinrich, 100 Jahre nach deinem Tod, freut Dich das? Ein kleiner Trost? Wie vielleicht das Foto von dir in der Zeitung. Komm Heinrich, lass uns anstoßen. Worauf sollen wir trinken? Was? Ach ja, gute Idee. Dann... Auf den Frieden, Heinrich.

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