Solidaritätspreis

In Marxloh lernen Flüchtlingskinder fürs Leben

Eine Nase zu zeichnen ist einfach. Das Wort Nase zu schreiben ist bedeutend schwieriger, wenn die deutsche Sprache ganz neu ist. Wolfgang Dewald weiß aber, wie man sowas spielerisch vermittelt. Foto:Matthias Graben

Eine Nase zu zeichnen ist einfach. Das Wort Nase zu schreiben ist bedeutend schwieriger, wenn die deutsche Sprache ganz neu ist. Wolfgang Dewald weiß aber, wie man sowas spielerisch vermittelt. Foto:Matthias Graben

Duisburg.   Wolfgang Dewald bringt Flüchtlingskindern in dem Verein „Tausche Bildung für Wohnen“ ehrenamtlich die Grundlagen der deutschen Sprache bei.

Dreimal in der Woche setzt sich Wolfgang Dewald morgens aufs Rad, um von seiner Wohnung im Duisburger Dellviertel nach Marxloh zu fahren. Eine Stunde hin dauert die Strecke und am Mittag wieder eine Stunde zurück. Das ist gesund und hält fit. Doch für den 63-Jährigen ist nicht der Weg das Ziel, sondern ein Haus in einer kleinen Sackgasse in dem Duisburger Nordstadtteil, der weithin auf das Attribut Problemstadtteil reduziert wird, und doch viel mehr und auch ganz anderes ist als das. Marxloh ist vor allem die langjährige oder die neue Heimat und der Lebensraum vieler Familien, alteingesessener und zugereister.

Und mittendrin steht ein großes, altes Gebäude mit hellen, schönen Räumen, ein Wohlfühlort für Kinder aus dem Viertel; mit Kicker, Spielecke, Büchern und gemütlichem Sofa zum Lümmeln. Und vor allem mit Menschen, die sich kümmern. Die meisten von ihnen sind Studenten und Azubis, die Teil des Projekts „Tausche Bildung für Wohnen“ sind und in dem Haus kostenlos wohnen dürfen, dafür betreuen sie als Bildungspaten Kinder bei den Hausaufgaben, geben ihnen Nachhilfe, spielen oder unternehmen etwas mit ihnen.

Engagement als Tandem

Wolfgang Dewald kam als Ältester und als Ehrenamtler vor knapp eineinhalb Jahren dazu, als in der Firma, in der er als IT-Projektleiter arbeitete, massenhaft Stellen abgebaut wurden. „So war meine Arbeitskarriere mit 62 Jahren auf einmal zu Ende.“ Aber zu Hause sitzen und frühzeitig das Rentnerleben proben? Kam für ihn nicht in Frage. Der gebürtige Hesse, selbst Vater von vier Kindern, erinnerte sich daran, dass er früher immer gerne den Töchtern und Söhnen von Verwandten und Bekannten beim Lernen geholfen hat, begab sich auf die Suche nach einem Ehrenamt und wurde bei „Tausche Bildung für Wohnen“ fündig.

Seither ist er an drei Vormittagen in der Woche hier „im Dienst“, als Tandem sozusagen, mit seinem Kollegen Ahmad Alhariri. Der 25-jährige Ahmad, ausgebildeter Physiotherapeut, kam selbst als Flüchtling aus Syrien nach Duisburg, arbeitet hier als Bundesfreiwilligendienstler und ist nicht nur wegen seiner Vielsprachigkeit ein wichtiger Partner in Sachen Bildungsvermittlung. Denn Wolfgang und Ahmad betreuen Flüchtlingskinder, die noch keinen Schulplatz haben und üben mit ihnen Deutsch. Wer an den Vormittagen kommt, das ist auch für die beiden jedesmal eine Überraschung, Manchmal sind es 25, manchmal auch nur fünf. Sie stammen aus Syrien, Bulgarien, Bosnien, dem Irak. Einige kennen sie schon länger, manche sind neu und diejenigen, die einen Schulplatz bekommen haben, sind von einem auf den anderen Tag weg.

Die Kinder sind extrem motiviert

Wolfgang und Ahmad beginnen den Morgen mit den Kindern immer in einer lockeren Runde im Stuhlkreis, damit sich alle kennen lernen.

Dann teilen sie die Gruppe, Ahmad übt diesmal mit den Jüngeren Buchstaben, während Wolfgang den Größeren - vier Mädchen zwischen zehn und 13 Jahren - eine Zeichnung von einem Gesicht mitgebracht hat. Nun gehen sie gemeinsam durch, was zum Gesicht gehört - Mund, Augen, Nase, Haare, Ohren, Wangen. Die Kinder schreiben die deutschen Begriffe an die Tafel. Schwierige Wörter in einer weitgehend fremden Sprache. Eine Herausforderung. Doch Frust ist hier keine Sekunde zu spüren. Ganz im Gegenteil - soviel Motivation, soviel Begeisterung über den Zuwachs von Wissen, soviel Aufnahmefähigkeit möchte man jeder Schulklasse wünschen. Und Wolfgang Dewald sagt: „Ich selbst lerne hier auch dazu. Jeden Tag. Hier sein zu dürfen ist eine echte Erfüllung für mich.“

Es ist die gemeinsame Zeit, die zählt

Doch nicht alle Kinder, denen der 63-Jährige die deutsche Sprache näherbringt, werden in Deutschland bleiben dürfen. Auch er hat schon erlebt, dass Familien zurückgeschickt wurden in ihre alte Heimat. Ist das nicht bedrückend? Er versuche die Schicksale nicht so sehr an sich heranzulassen, so Wolfgang Dewald. Selbstschutz. Aber sie sind meist auch kein Thema . Denn was für alle zählt, ist der Augenblick, die Lust am Lehren und Lernen. Die Freude über neue Erkenntnisse. „Ich versuche, den Kindern etwas mitzugeben. Und ich glaube, wo auch immer sie am Ende landen werden, dass sie von diesem Ort und der Zeit, die sie hier verbringen, etwas mitnehmen können für ihr Leben.“

>>INFO: DER SOLIDARITÄTSPREIS

Die NRZ und die gemeinnützige Freddy-Fischer-Stiftung schreiben zum vierten Mal den Solidaritätspreis aus. In diesem Jahr richtet sich die mit insgesamt 7000 Euro dotierte Auszeichnung an Menschen oder Organisationen, die sich ehrenamtlich und nachhaltig in der Bildung von Kindern und Jugendlichen in der Region engagieren.
Jeder Leser, der eine Person oder Organisation für preiswürdig hält, kann uns diese nennen. Man kann sich auch selbst vorschlagen, schließlich sollen die guten Beispiele zur Nachahmung anregen. Die formlose, schriftliche Bewerbung sollte möglichst detailliert das Ehrenamt beschreiben.

Wer will, kann auch ein Video beifügen. Schreiben Sie bitte bis 15. März an die NRZ-Redaktion, Seite Drei, Friedrichstraße 34-38, 45128 Essen, Stichwort: Solidaritätspreis. Oder senden Sie eine E-Mail an seitedrei@nrz.de, Betreff: Solidaritätspreis.

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