Glaube

Jugendweihe, Sonnenwendfeier – und dennoch im Diesseits

Vor einigen Jahren vor der Zentrale: Junge Menschen vor der Jugendweihe, die jetzt Feier heißt.

Foto: Susanne Meyer

Vor einigen Jahren vor der Zentrale: Junge Menschen vor der Jugendweihe, die jetzt Feier heißt. Foto: Susanne Meyer

Essen.  Weder Gott noch Kaiser sollen über den Menschen bestimmen – so entstand der Humanistische Verband, der Atheisten bis heute benachteiligt sieht.

Eine unscheinbare Seitenstraße am Südrand der Dortmunder Innenstadt, eine überschaubare Geschäftsstelle und einige wenige Plakate: Der Deutsche Humanistische Verband kommt in NRW bescheiden daher. Und hat doch große Ziele und einen hohen Anspruch. Im Gespräch mit Stephan Hermsen erläutert Thomas Oppermann (der heißt nur zufällig so wie der SPD-Minister) wofür der DHV steht – und was es mit der Jugendweihe auf sich hat. Die ist nämlich keineswegs eine DDR-Erfindung.

Herr Oppermann, wie sieht man die Welt, wenn es keinen Gott gibt?

Thomas Oppermann: Diesseitig – mit dem Menschen im Mittelpunkt. Das ist das entscheidende. Wir sind im Hier und Jetzt verankert und nehmen den Menschen in den Blick in all seiner Widersprüchlichkeit.

Auf Ihrem Plakat steht: Nicht religiöse Menschen werden benachteiligt. Ist mir noch nicht aufgefallen.

Thomas Oppermann: Das verblüfft zunächst. Aber es gibt Situationen, wo es schwierig wird, seine jeweilige Weltanschauung zu leben. Gehen Sie mal zur Bundeswehr und versuchen, in einer ethischen Konfliktsituationen eine weltliche Beratung zu bekommen. Die gibt es dort nicht. Es gibt nur Standortgeistliche. Das ist nur ein Beispiel, wie schnell Situationen entstehen, wo es schwierig ist, seine Religions- oder Konfessionsfreiheit leben zu können.

Sie machen das also daran fest, dass Beratungs- und Hilfsangebote oft in kirchlicher Hand sind.

Thomas Oppermann: Das ist Kirchen nicht vorzuwerfen, das ist ihr gutes Recht das zu tun. Es ist nur problematisch, dass es dazu keine Alternativen gibt. Bei den Versuchen, Alternativen zu etablieren, stoßen wir recht schnell an Ressourcenprobleme. Da geht es um Personal und Ausstattung, strukturelle Unterstützung, die wir im Gegensatz zu den Kirchen, nicht erfahren.

Sie argumentieren, dass ein knappes Drittel der Bundesdeutschen, also 26% keiner Kirche angehören. Also müssten sich die Atheisten zu einer eigenen Körperschaft öffentlichen Rechts zusammenschließen?

Thomas Oppermann: Der Humanistische Verband in NRW ist seit 1954 eine Körperschaft des öffentlichen Rechts Wir können uns natürlich nicht darauf berufen, dass diese 25 bis 30 Prozent uns sämtlich unterstützen und sagen: So, das sind jetzt alles unsere Mitglieder. Das sind sehr verschiedene Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten. Nichtsdestotrotz gibt es unter diesen Vielen etliche, die sagen: Wir hätten gern eine weltlichehumanistische Vertretung, Beratung und Unterstützung.

Das heißt: Sie wollen auf der einen Seite keine kirchliche Anbindung, aber Sie wollen auf der anderen Seite eine Angebotsstruktur, wie sie beispielsweise Caritas oder Diakonie vorhalten. Nun könnte man sagen: Das gibt es doch schon, das stellt der Sozialstaat sicher, es gibt die Paritätischen, es gibt die Awo.

Thomas Oppermann: Ich drücke es mal so aus: Ein säkularer Kindergarten ist kein humanistischer Kindergarten. Was uns unterscheidet: Wir binden das an eine weltanschauliche Sicht. Sonst könnte man ja sagen: weltlich-humanistische Beratung macht der Psychologe.

Was konkret würde denn den humanistischen vom säkularen Kindergarten unterscheiden?

Thomas Oppermann: Wir sind nicht gegen Kirchen – das zunächst. In einem humanistischen Kindergarten würde es also auch die kirchlichen Feste geben. Und nicht nur so nebenbei. Aber wenn wir Nikolaus feiern würden wir fragen: Welchen Nikolaus meinen wir eigentlich? Es gibt sechs oder sieben historische Figuren. Es geht nicht darum, das Fest in Frage zustellen. Menschen feiern aus den unterschiedlichsten Beweggründen und das ist auch wichtig. Es geht darum, zu hinterfragen, wo das herkommt, welche Tradition hat das, was für ein Menschenbild steckt dahinter?

Aber Kinder interessieren sich im Wesentlichen dafür, dass da ein alter Mann kommt und Süßigkeiten verteilt...

Thomas Oppermann: Richtig, sie sind aber auch an den Geschichten interessiert. Sie machen sich eigene Gedanken dazu und stellen Fragen. Das nennen wir Neugierde, das führt zur Reflektion und Aufklärung, das ist ein Element einer Humanistischen KiTa.

Das heißt: Die Nikolaus-Geschichte wäre eine Sage, ein Märchen wie Hänsel und Gretel.

Thomas Oppermann: Genau. Sie hat Bezüge zur Glaubenswelt, sicherlich, die kann man aufzeigen. Aber es gibt eben noch viel mehr. Viele auch kirchliche Feste haben ihren Ursprung in der Natur, in Ereignissen wie der Wintersonnenwende, der Sommersonnenwende, Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr. Die hat es immer schon gegeben, die werden nur religiös aufgeladen. Das gilt es aufzuzeigen.

Gut, es ist unstrittig, dass neue Religionen immer auch versuchen, Feste der alten Religionen aufzunehmen, neu zu deuten. Wie wollen Sie das denn zurückdrehen?

Thomas Oppermann: Zunächst: Es ist in uns als Person verankert, dass wir gerne feiern möchten. Dass es Ereignisse im Jahreskreis und im Leben gibt, an denen wir innehalten und ein Ritual brauchen oder ein Fest feiern. Manchmal ist es fast egal, was wir feiern, es geht nur darum, dass es bestimmte Momente gibt, die einen besonderen Glanz bekommen – und das verbindet uns auch untereinander.

Das wird bei Ihnen ja auch deutlich: Sie bieten Jugendweihe, Trauerreden und derlei an. Also: festliche Rahmen für die Momente, die klassisch in kirchlichem Rahmen gefeiert werden?

Thomas Oppermann: Wir feiern, was Menschen schon immer gefeiert haben. Menschen haben schon immer Neugeborene in ihrem Kreis, im Leben begrüßt, haben schon immer mit Initiationsriten den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen gefeiert, haben schon immer Hochzeit gefeiert und ebenfalls immer mit einem Ritual von Verstorbenen Abschied genommen. Das ist etwas, was Menschen tun. Was wir als Humanistischer Verband nun machen, ist: diese Feste so feiern, dass der Mensch im Mittelpunkt steht – und nicht die Mystik. In der Begrüßung sind das die Hoffnungen und Wünsche, die sich mit der Geburt eines Kindes verbinden. Und bei der Trauerfeier steht das Leben und Wirken des Verstorbenen im Mittelpunkt.

Gerade bei der Trauerfeier stelle ich mir das schwierig vor, so ganz ohne Trost.

Thomas Oppermann: Das ist in gewisser Weise richtig. Trauerfeier ist Abschied. Und zwar Abschied für immer. Nach unserer Vorstellung gibt es nichts danach. Dieses Abschiednehmen kann dann tröstlich werden, wenn ich mir klar mache: Was hat dieser Mensch mir gegeben, was hat er mir bedeutet, was bleibt aus dessen Leben in meinem Leben und in meiner Erinnerung? Das Leben des Verstorbenen zu feiern, wie er oder sie gewirkt und geholfen haben, das stärkt und tröstet. Es ist wichtig, dass jeder sich bewusst macht, was von diesem Menschen bleibt in mir. Und das ist das, was ja tatsächlich nicht gestorben ist und in mir weiterlebt.(Ergänzung: Oder anders betrachtet. Wir wissen, dass keine Energie verloren geht. Der Mensch stirbt, die Atome, die bisher seinen Körper bildeten übernehmen nun andere Funktionen, sind weiterhin Bestandteil dieses riesigen und schönen Universum. Wir sind Sternenstaub um es etwas kitschig auszudrücken.

Trauerfeier ist also eine Party, auf der der Gastgeber leider fehlt?

Thomas Oppermann: Das ist ein bisschen zu lässig formuliert. Das ist eine sehr berührende und mitnehmende Feier. Es geht darum für immer Abschied zu nehmen. Es erscheint tröstlich, diesen Abschied zu verleugnen und auf ein Weiterleben im Jenseits zu hoffen. Ich denke eine solche Einstellung betäubt eher, als das sie tröstet. Sie betäubt meine eigene Verwundbarkeit als Sterblicher und verhindert, dass sich mein Blick auf mein Leben im Hier und Jetzt richtet. Sie betäubt aber auch meine Beziehung zum Verstorbenen. Ich nehme nicht Abschied, sondern schiebe es auf. Da finde ich es tröstlicher, darüber nachzudenken, was vom anderen in meinem Leben bleibt. Wir benennen die Endgültigkeit, aber wir zeigen auf, was Dich mit diesem Menschen verbindet.

Es gibt viele kirchliche Einrichtungen, die erwarten eine christliche Haltung oder die Zugehörigkeit zur jeweiligen Konfession als Einstellungs-voraussetzung. Umgekehrt gefragt: Darf man bei Ihnen arbeiten, auch wenn man getauft ist?

Thomas Oppermann: Unseren Trauerrednern machen wir da keine Vorgaben, hinsichtlich ihres Werdegangs, aber es ist schon klar: Sie sind humanistische Sprecher und diese Tätigkeit können Sie nur als Mitglied des Humanistischen Verbandes ausübenIn unserer Verwaltung ist das anders, da spielt die Frage der Religionszugehörigkeit keine Rolle. Als Geschäftsführer desLandesverbandes bin selbstverständlich Mitgliedund also nicht in einer Kirche.

Als Körperschaft haben wir, wie die Kirchen auch die Möglichkeit ein eigenes Arbeitsrecht zu definieren. Als Humanisten halten wir das aber für unsinnig. Nur in ganz engen Bereichen, wie eben dargestellt ist Weltanschauung oder Glaube von Bedeutung für das Arbeitsverhältnis. Ansonsten ist dies eine Privatangelegenheit unserer Mitarbeitenden.

Und das waren Sie auch nie?

Thomas Oppermann: Ich war mal evangelisch. Das hatte mit den Kontakten in der Jugendarbeit zu tun. Und dann bin ich da so rein geraten. Ich war da auch engagiert, habe sogar Kindergottesdienste gefeiert. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Das, was da gelebt wird und das, was da gelehrt wird, passen irgendwie nicht zueinander. Dann habe ich mich distanziert. Angesichts der vielen Widersprüche, vor allem im alltäglichen Leben, vor allem in der damaligen Friedensbewegung und vielem anderen – da habe ich mich zurückgezogen. Aber ich bin nicht ausgetreten. Ich studierte soziale Arbeit und das ist ein Bereich, wo man weiß: Wenn man nicht in einer der großen Kirchen ist, wird der Arbeitsmarkt deutlich kleiner. Als dann klar wurde: Ich werde in einem anderen Bereich arbeiten, bin ich ausgetreten.

Wie kamen Sie dann auf den Humanistischen Verband?

Thomas Oppermann: Das hatte praktische Gründe. Meine Oma verstarb und sie war stramme Atheistin und da war klar: Da kann jetzt kein Pfarrer sprechen. Und dann kam so ein neutraler Redner und ich war wirklich entsetzt. In der Rede wurde ihr quasi permanent der Vorwurf gemacht, dass sie jetzt ja leider nicht ins Jenseits kommt. Ich habe die ganze Zeit gedacht: Wieso erzählt er so wenig über sie? Und da habe ich mir vergegenwärtigt, wo Redner vom HVD gesprochen haben und dahinter ist eine ganz andere Vorstellung. Und da habe ich diese Sprecherausbildung gemacht und als Trauerredner gearbeitet. Um dass, was ich da erlebt habe, besser und anders zu machen.

Wächst da eigentlich der Bedarf? Weil immer weniger Menschen kirchlich gebunden sind und jetzt auch älter werden, müsste das doch so sein.

Thomas Oppermann: Da muss ich eine Einschränkung machen. Was wir tun, meinen, viele andere auch tun zu können. Wir beobachten zwar, dass die Nachfrage steigt, aber sie kommt nicht unbedingt bei uns an, weil es immer mehr freie Trauerredner und Bestattungsunternehmer gibt, die dieses Feld auch bedienen. Ob sie es gut machen, ist eine andere Frage, siehe meine persönlichen Erfahrungen.

Hinzu kommt, dass freier Trauerredner keine weltlichen Redner sind. Menschen sind widersprüchlich, Sie möchten keinen Priester haben, weil Sie nicht an Gott glauben, möchten aber trotzdem dass ein Segen gesprochen wird, da müssen wir dann tatsächlich ablehnen.

Bei den Hochzeiten haben wir deutliche Zuwächse. Das zeigt den Bedarf nach Feierlichkeit gerade in diesem BereichUnsere Sprecher beraten und unterstützen die Eheleute ganz individuelle. Jede Hochzeit ist anders, mit anderen Ritualen, eigenen Eheversprechen oder Musik Da kann jedes Paar dann entwickeln, wie sie in die Ehe gehen wollen.

Sie haben angesprochen, Ihren Verband gibt es seit den 50er Jahren...

Thomas Oppermann: Nein, noch länger!

Wie ist denn die Historie Ihres Verbandes. So wie Sie es beschreiben, müssten Sie ein natürliches Kind der Aufklärung sein.

Thomas Oppermann: Sind wir auch. In den 1830er Jahren gab es da die ersten Bewegungen. Um die 1848er Jahre gab es die ersten freigeistigen, freireligiösen Verbände und Gemeinden, diese waren eher agnostischen vor allen aber Kirchen kritisch, die sagten: Wir lassen uns von Kirche nicht dominieren. Nicht von Thron und nicht von der Kanzel. Wir wollen selbstbestimmt leben – und nicht so, wie Kaiser oder Gott es sagen. Das erste, um das es ging, war eine Art weltlicher Gegenentwurf zur Konfirmation: die Jugendweihe...

Die kenne ich nur aus der DDR-Tradition.

Die DDR hat das gewissermaßen zu einer Art Staatstradition weiterentwickelt, während es sie hier im Westen tatsächlich immer gab. Wir haben versucht, sie ein wenig zu modernisieren und sprechen auch nicht mehr von Jugendweihe, sondern von Jugendfeier, um ein wenig dieses Weihevolle da heraus zu bekommen. Auch um klar zu sagen: Es geht nicht darum, Jugendliche für irgendwas zu weihen, dass etwas mit ihnen geschieht, sondern die Jugendlcihen feiern den Abschied von ihrer Kindheit. Wir feiern Leben und stellen das in den Mittelpunkt. Diese Jugendweihen damals waren das erste, was die humanistischen Gemeinden selbstständig auf die Beine gestellt haben. Alles andere war noch staatlich oder kirchlich organisiert. Hochzeit ging nicht ohne Kirche, Beisetzung nicht ohne Kirche. Das erste Krematorium in der Region wurde erst 1903 gebaut...

Vorher konnte man außerhalb der Kirche nicht bestattet werden?

Thomas Oppermann: Genau.

Aber wozu brauche ich das Krematorium?

Thomas Oppermann: Nun, das war schon das Zeichen der Freigeistigen Bewegung, um deutlich zu machen: Mit dem ganzen Jenseitigen haben wir nichts zu tun. Um zu dokumentieren, dass das Leben endlich ist, ist die Verbrennung ein deutliches Symbol. Eines der ältesten Symbole unseres Verbandes ist die Feuerschale. Das lehnen die Kirchen und viele Religionen ja deutlich abDaher war die Bestattung in Urnen so wichtig. Das war auch eines der ersten Ziele des Verbandes: Krematorien einzurichten und Felder für die Urnenbestattung zu bekommen. In einigen Städten finden Sie noch heute Freigeister- oder Freidenkerfriedhöfe, abgetrennte Areale meist. In den geweihten Boden durften wir ja nicht.

Wie sieht es heute aus?

Thomas Oppermann: Wir sind anders als unsere Gemeinden von damals. Man muss nicht mehr Mitglied werden um eine Feuerbestattung zu bekommen. Auch eine Sterbekasse gibt es nicht mehr. Unsere Angebote und Dienstleistungen wie Patientenverfügung, unsere Sprecher, Humanistische Beratung oder Veranstaltugen und Treffen stehen jedem Menschen offen. Dafür muss man nicht Mitglied werden. Manche Menschen spenden, andere nicht. Ca. 800 – 1.000 Menschen sind zahlenden Mitglieder, die mit ihren Mitgliedsbeitrag diese Angebote ermöglichen.

Das wirkt nicht gerade viel.

Thomas Oppermann: Bestandteil der humanistischen Überzeugung ist, dass die Menschen für sich selbst entscheiden. Wir sind zwar eine Weltanschauungsgemeinschaft, aber wir sind eben keine missionierende Einrichtung. Es gibt Menschen, die da Wert drauf legen und auch Mitglied sein wollen. Aber es gibt eben viele Menschen, die nicht im HVD sind, weil sie eben nicht Mitglied in Gremien, Gemeinschaften und Vereinsstrukturen sein wollen Wenn es um die gesellschaftliche Repräsentanz der Menschen ohne Religionszugehörigkeit geht, sprechen wir sie dann doch wieder an. Aus Umfragen wissen wir, dass 30% der Menschen, die keiner Religion angehören, was immerhin bundesweit ca. 36% sind, eine weltlich-Humanistische Interessenvertretung wünschen.

Wo wir was erreicht haben, ist die Frage der Repräsentanz religionsfreier Menschen in den Rundfunkräten. Da haben wir jetzt einen Sitz für Konfessionsfreie bekommen. Gemeinsam mit dem IBKA (Internation aller Bund der Konfessionsfreien und Atheisten), und der Giordano Bruno Stiftung.

Heißt das auch: Sie fordern, dass in der Morgenandacht im Radio oder beim Wort zum Sonntag sollte auch mal ein Humanistischer Sprecher zu Wort kommt?

Thomas Oppermann: Das hat es mal gegeben. In Bayern und Niedersachsen ist es auch geregelt, dass wir da in regelmäßigen Abständen in den jeweiligen Sendereihen aus weltanschaulicher Sicht das Tagesgeschehen kommentiert.

Gehören Sie zu denen, die am Karfreitag dafür sorgen, dass der Kinofilm „Das Leben des Bryan“ gezeigt wird?

Thomas Oppermann: Wir gehen da mit. Aber wir lehnen stille Feiertage nicht grundsätzlich ab. Die soll jeder begehen können, aber der Staat hat nicht darüber zu befinden. Wir können uns z.B. mit dem Volkstrauertag durchaus anfreunden, es ist richtig und vielleicht auch wichtig, dass es einen Tag gibt , an dem man den Tod und die verstorbenen in den Mittelpunkt stellt. So ein Nachdenktag Dazu kann ich die Menschenauffordern. Es geht aber unserers Erachtens nicht an, dass wir alle verpflichtet werden, den stillen Feiertag einer Religion zu zelebrieren, mit der mich unter Umständen nichts verbindet. Ich vielleicht sogar einer anderen Religion angehöre.

Sie haben vorhin mal Jugendweihen, Sonnenwendfeiern und ähnliches angesprochen. Nun gibt es von Links und Rechts auch versuche, derlei Momente zu vereinnahmen. Wie gehen Sie damit um?

Thomas Oppermann: Es ist klar: Ein Element unser Überzeugung sind die Menschenrechte. Wer immer hier ankommt und meint, irgendwas völkisch aufzuladen, findet hier keinen Boden. Man kann humanistisches Gedankengut dafür nicht missbrauchen, das ist mit den Grundsätzen der Menschenwürde und der Gleichheit aller Menschen nicht vereinbar.. Unsere Weltanschauung ist undogmatisch. Wir grenzen uns nicht ab. Als Humanisten sind für mich Gleichheit und Vielfalt ganz entscheidende Werte.

Der Verfassungsrichter und Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde hat mal formuliert: Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Zudem gibt es die religiösen Bezüge in unserer Verfassung. Woher nehmen Sie den Mut zu sagen: Wir kriegen das auch ohne Gott hin?

Thomas Oppermann: Ich gehe mal den Weg andersherum, vielleicht wird es dann deutlicher: Wir haben in der NRW-Landesverfassung und im Schulgesetz formuliert, dass der Unterricht „in der Ehrfurcht vor Gott und dem Menschen“ zu erfolgen hat. Das steht zunächst mal nur auf dem Papier, aber trotzdem macht das etwas deutlich, was nicht funktioniert: Wie will ich konfessionsfreie Menschen in Ehrfurcht vor Gott erziehen? Da werden sie vereinnahmt. Da muss die Gesetzgebung in der Wirklichkeit mit ihrer religiösen und areligiösen Vielfalt ankommen. Auch konfessionsfreie Menschen müssen da ankommen. Ich kann nicht über eine deutsche Leitkultur philosophieren und dann mit dem christlichen Glauben ankommen. Weil ich genau weiß, der gesellschaftliche Kitt sind das Grundgesetz und die Menschenrechte und nicht die zehn Gebote oder Koransuren Die Ausgangslage ist falsch oder hat sich verändert. Es gibt eben nicht mehr eine Religion, das Christentum, welches den gesellschaftlichen Zusammenhalt schafft. Wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft und wenn ich will, dass diese Gesellschaft zusammehält, dann muss ich auch diese Vielfalt in Gesetzgebung und Rechtsstellung wieder finden.

Blickt man auf den Bildungsbereich, ist dort ja der Einfluss durch Schulen in kirchlicher Trägerschaft besonders groß. Ist das noch zeitgemäß?

Thomas Oppermann: Es geht um die Trennung von Kirche und Staat. Bildung ist eine hoheitliche Aufgabe des Staates. Wenn ich eine katholische Schule habe, in der alle Kinder, Eltern, Lehrer katholisch sind, dann ist das vollkommen berechtigt als katholische Schule zu bezeichnen. Der Staat darf so eine Schule auch mitfinanzieren, die sollen ihre Religion und Lebensweise leben können. Die Zeiten in denen es evangelische und katholische Wohngebiete mit entsprechenden Schulen gab, sind vorbei. Unsere gesellschaftliche Realität sieht anders aus. Nur in NRW halten wir an Konfessionsschulen fest. Die Mehrheit der Bevölkerung in NRW ist weder katholisch noch evangelisch noch konfessionsfrei oder muslimisch. Also brauche ich auch Schulen die das abbilden und dafür hat der Staat zu sorgen und zwar als neutrale Einrichtungen, denn der Staat darf keine Religion oder Weltanschauung selber vertreten.

Heißt also: auch entsprechend muslimische Schulen unterstützen?

Thomas Oppermann: Im Prinzip ja. Der Staat darf nicht sagen. Die bekommen Geld und die nicht. Unter der Voraussetzung, dass Grundgesetz und Menschenrechte geachtet werden und die Schule dies auch lebt, dann muss die Vielfalt der Gesellschaft sich auch da wiederfinden.

Man kann sicherlich ohne Kirche leben. Aber kann man auch ohne Spiritualität leben?

Thomas Oppermann: Wir Menschen sind Kulturwesen und brauchen etwas, dass unsere Gefühle und Befindlichkeiten ausdrückt und dem auch eine Form gibt, in Form von Musik, bildender Kunst oder was auch immer. Wir gestalten unser Leben auch anhand von Ahnungen. Das ist in uns drin, dass wir die Welt so sehen. Jeder Regenbogen ist etwas Wunderschönes und jeder guckt hin. Ich kann das genau naturwissenschaftlich erklären, was da passiert, aber das ist mir in dem Moment, wo ich den Regenbogen anschaue, völlig egal. Die Schönheit dominiert und die genieße ich. Lichtbrechung und der ganze Kram interessiert mich nicht. Das kann man Spiritualität nennen...

Kann man es Seele nennen?

Thomas Oppermann: Wir haben keinen anderen Begriff dafür, da sind wir sprachlich eingeschränkt. Das ist nicht nur das Hirn, dass da etwas wahrnimmt. Aber irgendwo wird es da auch eine Beschaltung im Hirn dafür geben. Das Wort Seele beschreibt mit einem Begriff, etwas was sich sonst schwer zu beschreiben ist. Aber das ist nichts Göttliches.

Heißt: Wenn die Magnetresonanztherapie unsere Hirne demnächst noch detaillierter auflöst, können sie auch das ergründen?

Thomas Oppermann: Möglicherweise. Ich weiß es nicht. Irgendwo muss das ja sein. Vor hunderten von Jahren sind wir noch davon ausgegangen, Liebe ist ein großes Gefühl im Herzen, heute wissen wir, das hat sehr viel mit Hormonen und Botenstoffen zu tun. Und trotz unserer Kenntnisse der chemischen Prozesse hält uns nichts davon ab, zu lieben. Wir werden bestimmt entdecken, welche Verschaltungen, welche Gefühle auslösen, das wird uns nicht davon abhalten, den Regenbogen weiter schön zu finden.

Das ist ja beruhigend.

Thomas Oppermann: Ja sicher. Es geht ja auch um die Unterstützung von Gefühlen. Auch, wenn wir manchmal als Kirche der Atheisten gelten, geht es uns ja darum, die Menschen und ihre Empfindungen ernst zu nehmen und sie zu begleiten.

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