Nachwuchsmangel

Junge Priester und Pfarrer an Rhein und Ruhr gesucht

Will weitergeben, was er „in seiner Heimatgemeinde erfahren hat“: Priesteramtskandidat Henrik Land.

Will weitergeben, was er „in seiner Heimatgemeinde erfahren hat“: Priesteramtskandidat Henrik Land.

Foto: Henning Kaiser / dpa

An Rhein und Ruhr.   Positiv formuliert: Berufschancen sind bei Katholiken wie Protestanten bestens, der Mangel groß. Henrik Land ist einer der wenigen Kandidaten im Erzbistum Köln.

Noch könnte er zurück. Aber das wird er nicht tun. Man merkt deutlich, dass Henrik Land sich verpflichten lassen will – auf Lebenszeit. Er wird Priester.

Früher hat man so was „Berufung“ genannt. Wobei der 24-Jährige klarstellt: „Mir ist keiner erschienen, mir hat keiner was geflüstert.“ Ganz unspektakulär sei der Beschluss in ihm gereift. Die Stationen: katholisch getauft, mit neun Jahren zur Kommunion gegangen, immer viel Spaß bei den Messdienern gehabt. Irgendwann kam die Frage vom Pfarrer: „Sag mal, ist dir je der Gedanke gekommen...?“

Allzu vielen jungen Leuten kommt der Gedanke nicht. 2016 lag die Zahl der Priesterweihen in Deutschland bei 77. Und das bei 23 Millionen Katholiken. Aufgesplittet auf einzelne Bistümer sind die Zahlen noch magerer: Im Bistum Münster etwa lag die Zahl der Priesterweihen zuletzt stets zwischen zwei und elf. Im Ruhrbistum wird aktuell gar nur ein Mann zum Priester geweiht. Nachwuchsmangel kennen auch die Protestanten: Im Bereich der Evangelischen Kirche im Rheinland, der sich von Emmerich bis Saarbrücken erstreckt, haben 2017 lediglich elf Vikare ihr zweites theologisches Examen abgelegt und sind in den Probedienst gewechselt. Dieses Jahr werden es aber wohl wieder 25 sein.

Unterstützung durch Ruheständler

Nachwuchs ist nötig. Im Bistum Münster etwa ist „sicher die Hälfte der Priester über 60 alt“, wie ein Sprecher sagt. Auch im Ruhrbistum liegt das Durchschnittsalter bei 58,7 Jahren. Und bei der Rheinischen Landeskirche gehen in den Jahren 2019 bis 2030 etwa die Hälfte der Pfarrer in den Ruhestand. Weder hier noch dort sieht man aber Grund zu Alarmismus.

„Wir gestalten Kirche mit denen, die wir haben, hauptberuflich wie ehrenamtlich“, sagt ein Sprecher des Ruhrbistums. In Münster verweist man darauf, dass die etwa 1000 im Bistum tätigen Priester Unterstützung erhalten durch 170 „Priester der Weltkirche“ (z. B. aus Afrika). Etwa 400 Ruhestandspriester übernähmen ebenso noch Aufgaben. Und es seien noch viele weitere Frauen und Männer in der Seelsorge tätig – Pastoralreferentinnen oder Diakone etwa.

Seiner Sache sicher

Henrik Land läuft durchs Priesterseminar des Erzbistums Köln. Lange Gänge, viele Türen. Aber sein Jahrgang zählt gerade mal acht Leute. Und das ist nicht alles. In der Wirtschaft würde man sagen, dass er dabei ist, in eine Branche einzusteigen, die sich im strukturellen Niedergang befindet. So fiel die Zahl der Kirchenmitglieder im größten deutschen Bistum Köln kürzlich erstmals unter die Zwei-Millionen-Marke.

Deprimierend? Henrik Land scheint das nicht anzufechten. Er lächelt - das Lächeln eines Menschen, der sich seiner Sache sicher ist. Sein Hauptantrieb: „Ich will das weitergeben, was ich in meiner Heimatgemeinde selbst erfahren habe. Den gelebten Glauben, die Gemeinschaft.“ Und ja, bevor einer fragt: „Ich hatte auch mal eine Freundin. Natürlich war ich schon verliebt.“ Aber er hat sich dann anders entschieden. „Die Ehe ist ja auch Verzicht. Wenn Sie verheiratet sind, haben Sie zu einer Frau Ja gesagt und zu zehntausend anderen Frauen, denen Sie auch hätten begegnen können, Nein.“

Die Frage, ob sich ohne Zölibat mehr junge Menge für den Priesterberuf entscheiden würden, hält Pfarrer Regamy Thillainathan, beim Erzbistum Leiter der Diözesanstelle für Berufungspastoral, für spekulativ: „Der Blick auf andere Kirchen und Gemeinschaften, die den Zölibat nicht kennen, lässt vermuten, dass eine Lockerung oder Abschaffung des Zölibats nicht unbedingt steigende Priesterzahlen bedeuten würden.“

Dieses Jahr wird Henrik Land zum Diakon geweiht, 2019 folgt die Priesterweihe. Anschließend will er als Kaplan seine ersten priesterlichen Erfahrungen sammeln.

„Zweifeln gehört zum Glauben“

Keine Angst vor Einsamkeit? „Auch in der Ehe kann man sehr einsam sein.“ Henrik Land ist entschlossen, bisherige Freundschaften aufrecht zu erhalten. „Darunter sind mehrere Leute, die mit der Kirche nichts am Hut haben. Mit denen will ich auch als Priester abends noch einen trinken gehen.“ Ob er Glaubenszweifel fürchte? „Zweifeln gehört zum Glauben. Wenn ein Kind stirbt, dann fragt man: Was soll das? Solche Zweifel muss man zulassen.“

>>>> HINTERGRUND

Sowohl katholische Priester wie auch evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer werden in etwa wie Lehrer bezahlt.

Nachwuchswerbung erfolgt vielfach übers persönliche Gespräch. Es gibt aber Informationen im Internet (z. B. „berufen.de“ oder „www.meine.ekir.de“). Zudem werden Infotage für Oberstufenschüler veranstaltet. „Die sind überraschend gut besucht“, sagt Jens-Peter Iven von der Rheinischen Kirche.

Der Weg zur Festanstellung ist lang. Bei den Katholiken in Köln folgen auf das fünfjährige Magister-Studium zwei Jahre praktische Ausbildung, die Weihe und ein Neupriesterjahr. Bei den Protestanten folgen zweieinhalb Jahre Vikariat und eine zweijährige Probezeit aufs Studium (12 Semester). „Dafür bieten wir aber auch einen bunten Beruf mit vielen Facetten“, sagt Iven.

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