Das WM-Sommermärchen

2006 waren wir noch Sportfreunde, heute sind wir stiller

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Milde Sommernächte in Schwarz-Rot-Gold - wie hier in Essen. So feierte Deutschland die WM 2006. Mittlerweile sind wir aufgewacht.

Milde Sommernächte in Schwarz-Rot-Gold - wie hier in Essen. So feierte Deutschland die WM 2006. Mittlerweile sind wir aufgewacht.

Foto: Remo Bodo Tietz / , NRZ

Aufm Platz.  Vor 15 Jahren sonnte sich Deutschland im Licht der Sonne, des Fußballs und schien tatsächlich die Welt umarmen zu können. Ein schöner Traum.

Es war einmal ein Fußballturnier in diesem Land, bei dem von morgens bis abends die Sonne schien. Menschen aus aller Welt kamen, sahen und staunten über die gastfreundlichen Menschen, die gute Laune und auch ein wenig darüber, dass die Rumpelfüßler plötzlich Fußball spielten - statt bloß immer nur zu kämpfen.

Ja, so schien das damals, vor 15 Jahren. Als sich die Menschen halb skeptisch, halb erwartungsvoll auf einen weiteren Auftritt der Rumpelfüßler einrichteten und dann plötzlich sahen, wie eine deutsche Nationalmannschaft mit erfrischendem Offensivfußball am 9. Juni den kickenden Giganten Costa Rica mit sage und schreibe 4:2 aus dem Olympiastadion zu Berlin kickte.

Plötzlich alles in schwarz-rot-gold

Plötzlich schien es so, als könne man tatsächlich schwarz-rot-goldene Farben tragen ohne als tumber Patriot oder heilloser Nationalist zu gelten. Was sich nicht einmal nach einem Sieg über Polen (Flanke Odonkor, Tor Neuville, Nachspielzeit, Dortmund) änderte.

Nein, es waren vier Wochen, in denen irgendwie alles möglich und alles richtig zu sein schien. Wo der Werbeslogen „Die Welt zu Gast bei Freunden“ plötzlich einen Funken Wahrheit zu enthalten schien. Es waren die Wochen, in denen ich Fan der Nationalmannschaft wurde. Und ich war nicht allein. Wir alle entdeckten, dass man dichtgedrängt auf Straßen und Plätzen, in Kneipen und Hallen gemeinsam Fußball gucken und feiern konnte.

Public Viewing hieß das auf Deutsch. Im Englischen steht es für „öffentliche Leichenbeschau“, weshalb man dort derlei lieber „Fanfest“ nennt. Dazu lief dauernd Bob Sinclair „Love Generation“, wenn man Glück hatte. Sonst sang Oliver Pocher „Schwaatz und Weiß“...

Deutschland feierte im Kollektiv

Und so feierte Deutschland weiter. Den leicht herausgespielten 3:0-Sieg gegen eine kolumbianische B-Elf, das kompromisslose Podolski-K.O. mit zwei Toren nach zwölf Minuten gegen die zuvor zum Geheimfavoriten hochgejazzten Schweden. Und das Elfmeterdrama, in dem Jens Lehmann mit Hilfe eines Spickzettels zwei argentinische Elfmeter entschärfte. Bombenstimmung. Die selbst die obligaten englischen Hooligans kaum trüben konnten.

Doch so wahr es Märchen gibt, so wahr ist es auch, dass sie enden. Zunächst endete nur der Traum: vom Finale und vom Titel. Weil die Italiener in der Verlängerung in Dortmund das Glück hatten, das zuvor mit den Deutschen war. Und zweimal trafen. Und doch konnte das die Dankbarkeit über das Fußballfest und die Versöhnung der Fans mit der Mannschaft nicht aufhalten. Oliver Kahn durfte endlich noch einmal ins Tor, kassierte ein letztes Gegentor und konnte 100 Meter weiter vorne Bastian Schweinsteiger zuschauen, der die Portugiesen fast alleine besiegte.

So wahr es Märchen gibt, so wahr ist auch, dass sie enden

Eine laue Sommernacht endete und irgendwie auch die WM, in deren Finale Zinédine Zidane mit einem Kopfstoß gegen Matarazzi seinen Traum vom Titel begrub und Italien siegte. Ich gebe zu: Ich habe damals mit gefeiert, mit gejubelt, mit getrauert. Und für die teuersten Fußball-Eintrittskarten meines Lebens, Achtelfinale in Köln, das schlechteste Fußballspiel meines Lebens gesehen. Es hätten, nach den ausgelosten Gruppen, womöglich Spanien und Frankreich aufeinandertreffen können.

Doch es wurde Schweiz gegen Ukraine. 22 Spieler, ein Ball und ein einziges Gestocher, Gepoker, Gestolper. Keine Tore, nicht einmal Torchancen. Irgendwann wurde gejubelt, als es mal einen Eckball gab. Verlängerung. Elfmeterschießen. Und selbst da: die ersten zwei Schüsse gingen nicht ins Tor und ich fürchtete, bis ans Lebensende in diesem Stadion darauf warten zu müssen, dass je wieder eines fiele.

Die Schweiz schied aus, ohne im gesamten Turnier in regulärer Spielzeit ein Tor kassiert zu haben und ohne in diesem Spiel eines erzielt zu haben, nicht einmal im Elfmeterschießen. Es gibt historische Leistungen, die dem Betrachter nicht als solche erscheinen.

Die Katerstimmung setzte erst später ein

Aber das konnte seinerzeit die Freude an der WM nicht trüben, die Katerstimmung, sie setzte erst allmählich ein. Gewiss war mir klar, dass die WM auch und immer ein großes Geschäft ist - außer man entwirft eine so hosenlose Frechheit wie das Maskottchen Goleo... „Erst, wenn das letzte WM-Ticket verlost, das letzte WM-Merchandise verkauft und der letzte WM-Funktionär außer Landes ist, werdet ihr merken, dass Fußball eigentlich nur ein Spiel ist“, schrieb ich damals in mein Tagebuch.

Ich irrte natürlich. Fußball ist kein knallhartes Geschäft, es ist vor allem ein schmutziges. Als die Gerüchte lauter wurden, dass Kaiser Franz nicht nur Weltmeister, Weltmeistertrainer und Weltmeisterschaftsorganisator war, sondern Teil eines Geflechts von Finanzströmen, Schmiergeldern und halbseidenen Deals, die Fifa, DFB, Kirch-Media, Adidas und der FC Bayern lange genug unter der Decke halten konnten, um mittels Anwälten, Gutachten-Verzögerungen die Aufklärung bis heute weitgehend zu verhindern. Und auch Günter Netzer, der bei der WM mit Gerhard Delling das beste Comedy-Männerpärchen seit Waldorf und Stadler aus der Muppetshow gab, scheint eine wenig rühmliche Rolle gespielt zu haben.

Die schmutzigen Geschäfte kamen erst später ans Licht

Tja, „Zeit, dass sich was dreht“ würde Grönemeyer grölen. Das Sommermärchen - es war ein Märchen. Ich bin seitdem kaum mehr auf Public Viewings gewesen, zu viele Fahnen, zu viel nationale Besoffenheit. Es gibt vermutlich doch keinen gesunden Patriotismus. Auch, wenn die Nationalisten heute längst von schwarz-rot-gold zu schwarz-weiß-roten Flaggen gewechselt sind. Damals war ich Sportfreund, heute bin ich stiller.

Den Olympischen Geist habe ich mir nach 2012 schon ausgetrieben, nach London habe ich keine Minute mehr geguckt. Beim Fußball ist der Intellekt willig, aber die Leidenschaft für diesen Sport schwächt meinen Verstand noch immer. Ich fürchte, ich schaue hin, wenn sie wieder kicken, nächstes Jahr, da unten in Katar. Auch wenn ich weiß, dass es kein Wintermärchen wird - allem Flickwerk zum Trotz.

Der Sommer 2006 übrigens war, nach einem sonnigen Juni und Juli, einer der regenreichsten. Nach der WM kam im August die Sintflut.

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