Hilfsorganisation

60 Jahre Kindernothilfe: Es gibt noch immer viel zu tun

Katrin Weidemann leitet seit 2014 die Kindernothilfe mit dem Hauptsitz in Duisburg. Die Organisation feiert in diesem Jahr 60-jähriges Jubiläum.

Katrin Weidemann leitet seit 2014 die Kindernothilfe mit dem Hauptsitz in Duisburg. Die Organisation feiert in diesem Jahr 60-jähriges Jubiläum.

Foto: DANIEL ELKE / FUNKE Foto Service

Duisburg.  Die Organisation mit Sitz in Duisburg setzt sich weltweit für Kinder ein. Erstmals unterstützte sie 2018 mehr als zwei Millionen Menschen.

Die Kindernothilfe ist eine der größten christlichen Kinderhilfsorganisationen in Europa. Im vergangenen Jahr unterstützte sie weltweit erstmals über zwei Millionen Kinder. Über die Bedeutung dieser Zahl und die Arbeit der Kindernothilfe sprach Lucas Bayer mit der Vorstandsvorsitzenden Katrin Weidemann.

Erstmals hat die Kindernothilfe im vergangenen Jahr über zwei Millionen Kinder unterstützt, was sagt diese Zahl aus?

Auf der einen Seite sind wir froh, dass wir zusammen mit unseren Partnerorganisationen so viele Kinder erreichen und ihnen bessere Startchancen ins Leben ermöglichen können. Auf der anderen Seite zeigt es, dass der Bedarf immer noch sehr groß ist. Die Situation von Kindern weltweit ist nicht so, dass wir uns jetzt nach 60 Jahren Arbeit zur Ruhe setzen können. Es werden weiterhin viele Kinderrechte verletzt.

Wie würden Sie die Arbeit der Kindernothilfe beschreiben?

Unser Ziel ist es, die Lebenssituation von benachteiligten Kindern zu verbessern. Heißt, sie zu schützen, zu fördern und zu beteiligen. Grundsätzlich haben wir vier Schwerpunktbereiche für die Arbeit mit Kindern: 1. Recht auf Bildung, 2. Schutz vor Gewalt, 3. Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung, 4. Recht auf Beteiligung.

Wie werden denn die Projekte genau umgesetzt?

Wir arbeiten in unseren 32 Projektländern mit lokalen Partnerorganisationen zusammen. Davon gibt es weltweit insgesamt 340. Mit diesen entwickeln wir die entsprechenden Projekte. Die Umsetzung geschieht vor Ort durch unsere Partner. Hier in der Geschäftsstelle in Duisburg arbeiten 166 Personen, diese koordinieren und besuchen die Projekte immer wieder.

Wie wählen Sie die einzelnen Projekt aus?

Die Länderauswahl orientiert sich am IHDI (Inequality-adjusted Human Development Index) einem Entwicklungsindex, der die Ungleichheit in einem Land feststellt. Zweites großes Kriterium ist die Situation von Kindern und Jugendlichen in den Ländern. Werden dort zum Beispiel besonders viele Kinderrechte verletzt? Zusätzlich gibt es für jeden Kontinent eine Kontinentalstrategie. In Afrika liegt der Schwerpunkt zum Beispiel auf Armutsreduzierung. Basierend auf diesen Themen gehen wir auf die Suche nach Partnerorganisationen, die uns dort unterstützen.

Wie sieht der Weg von der Spende bis hin zum Projekt aus?

Wenn es eine zweckbestimmte Spende für ein bestimmtes Projekt oder ein bestimmtes Land ist, dann wird es auch dafür verwendet. Und zwar nach den Vorgaben des DZI – von dem Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen werden wir seit 1992 mit dem Spendensiegel ausgezeichnet. 82,7 Prozent der Spende gehen direkt in die Projekte, das heißt in die Arbeit vor Ort sowie in die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Thema. Die restlichen 17,3 Prozent sind für Werbe- und Verwaltungskosten vorgesehen.

Die Höhe der Spenden für die Kindernothilfe ist im vergangenen Jahr zurückgegangen. Woran könnte das liegen?

Auf der einen Seite gab es 2018 keine humanitäre Katastrophe, die große mediale Aufmerksamkeit fand. Katastrophen, über die in den Medien viel berichtet wird, fördern die Spendenbereitschaft der Menschen. Insgesamt gibt es heutzutage auch einfach mehr Organisationen und Institutionen in Deutschland die Spenden sammeln. Auf der anderen Seite haben wir die Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung verstärken und die Einnahmen erhöhen können.

In den Ländern, in denen die Kindernothilfe tätig ist, gibt es oft keine stabilen Regierungsverhältnisse. Führt das manchmal zu Problemen?

Der Handlungsspielraum unserer Partnerorganisationen ist in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden. Oft beschränken neue Gesetze die Meinungs- oder Versammlungsfreiheit. Jede Selbsthilfegruppe oder eine lokale Organisation, die sich für Kinderrechte einsetzt, bewegt sich am Rande der Illegalität.

Sie arbeiten viel mit so genannten Selbsthilfegruppen, was sind das für Projekte?

Es ist der erfolgreichste Ansatz, den wir zur Armutsreduzierung kennen. Bei dem Modell der Selbsthilfegruppen laden unsere Partner die Ärmsten der Armen zu regelmäßigen Gruppentreffen ein. Meistens nehmen Frauen diese Einladung an. Die Teilnehmer der Gruppen werden von Mentoren begleitet, bekommen Angebote zu Fortbildungen und entwickeln eigene kleine Geschäftsmodelle. Gespartes wird in eine Gruppenkasse eingezahlt, aus dieser sich die Frauen dann Mini-Kredite leihen können. So stärken sich die Frauen gegenseitig in diesen Gruppen, so dass sie enorm an Selbstvertrauen gewinnen.

Gibt es Projekte, die ihnen besonders am Herzen liegen?

Mich persönlich begeistern die Besuche bei Selbsthilfegruppen am meisten. Ich höre dort immer wieder von Frauen: „Mein Besuch bei der Gruppe war das erste Mal, dass ich, außer zu einer Beerdigung, das Haus verlassen habe. Es hat mir eine Tür ins Leben geöffnet.“

Sind das Momente, die diesen Job ausmachen?

Unbedingt! Ich versuche jedes Jahr, mindestens zwei bis drei Projekte zu besuchen. In diesem Jahr werde ich nach Bangladesch reisen, nach Kutupalong. Das ist momentan das weltgrößte Flüchtlingslager, in dem die Rohingya aus Myanmar leben. In Kutupalong haben wir von der bangladeschischen Regierung den Auftrag bekommen, alle Organisationen in diesem Flüchtlingslager, die mit Kindern zu tun haben, zum Thema Kinderschutz zu schulen.

Warum befindet sich der Hauptsitz der Kindernothilfe in Duisburg?

Die Gründer der Kindernothilfe kamen aus Duisburg. Hier haben sie den ersten Standort etabliert. Am Anfang wurden alle Patenschaften ehrenamtlich vermittelt, schon 1959. Viele unserer Mitarbeitenden kommen aus Duisburg. Wir fühlen uns in der Region tief verwurzelt.

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