Tour de France

Ärgern Sie sich noch, nicht die Tour gewonnen zu haben, Herr Junkermann?

Hans " Hennes " Junkermann fährt auch heute noch mit dem Rennrad über den Niederrhein, seine Heimat.

Hans " Hennes " Junkermann fährt auch heute noch mit dem Rennrad über den Niederrhein, seine Heimat.

Foto: NRZ

Krefeld.   100 Jahre Frankreich-Rundfahrt: 1962 hätte Hennes Junkermann zum Helden werden können. Aber der damals beste deutsche Radrennfahrer aus Krefeld wurde ausgebremst. Eine Erinnerung

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Im Wohnzimmer von Hennes Junkermann, einem der größten Radrennfahrer Deutschlands, der Radsportlegende vom Niederrhein. Den Erdbeerkuchen, den seine Lebensgefährtin mit Kaffee und Sahne serviert, hat er vorhin vom Bäcker abgeholt, natürlich mit dem Rad.

Heute schon aufs Rennrad gestiegen, Herr Junkermann?

Aber ja. Ich fahre immer, wenn es nicht gerade regnet. So komme ich im Jahr auf 23 000, 24 000 Kilometer.

Unglaublich! Im nächsten Jahr werden Sie 80 Jahre alt.

Wissen Sie, ich bin mein Leben lang Rad gefahren, da kann ich jetzt nicht einfach aufhören.

Wo waren Sie heute unterwegs?

Mit ein paar Freunden bin ich wieder unsere Niederrhein-Runde gefahren. Von Krefeld über Issum bis nach Xanten. Am Dom hat mein Freund Fausto Santin ein Eiscafé. Dort gibt es immer einen Cappuccino und ein Stück Kuchen. Und dann geht es über den Tüschenwald und Kevelaer wieder zurück nach Hause.

Und zu Hause wartet der nächste Pflichttermin auf Sie: Tour de France gucken.

Ja sicher! Ich gucke jeden Tag. Zum Glück gibt es Eurosport, dort wird wenigstens noch alles gezeigt. ARD und ZDF bringen ja nichts mehr .

ARD und ZDF begründen ihren Rückzug mit dem Doping-Problem des Radsports.

Was mich ärgert ist: Es geht immer nur gegen den Radsport. In anderen Sportarten gibt es auch Doping, die werden aber noch gezeigt. Es ist doch herausgekommen, wer alles zum spanischen Arzt Fuentes gegangen ist. Auch Fußballer, aber darüber redet niemand mehr. (überlegt kurz) Aber eigentlich will ich zu dem Thema nichts mehr sagen.

Warum nicht?

Weil alles dazu gesagt ist.

Eine Frage dazu habe ich aber bitte noch: 1972 bekamen Sie bei der Tour eine zehnminütige Zeitstrafe – wegen Dopings. Was war da los?

Ich bin damals mit einem richtigen Husten und einer schweren Bronchitis gefahren. Ich wollte die Tour unbedingt zu Ende fahren. Da habe ich einen Hustensaft bekommen, in dem Ephedrin drin war. So ist das gekommen. Ich musste die Tour dann wegen meiner Erkrankung abbrechen. Das war eine große Enttäuschung für mich.

1960, heißt es, hätten sie die Tour gewinnen müssen. Haben Sie aber nicht. Seitdem gelten Sie als „der große Zauderer, dem der Mut fehlte, voll auf Angriff zu fahren“.

Quatsch! Das war schon damals Blödsinn. Mir fehlte damals eine gute Mannschaft. Alleine kann man nicht jede Lücke, die sich im Fahrerfeld bildet, zufahren. Dafür braucht man eine starke Mannschaft. Ohne eine starke Mannschaft kann niemand eine große Rundfahrt gewinnen – das ist noch heute so.

Zwei Jahre später dann die Sache mit der Fischvergiftung und ihr legendärer Satz: „Hätt ich misch doch dä Fisch nit gejesse.“ Sie galten als der große Favorit auf den Tour-Sieg.

Das lag aber nicht am Fisch. Das war Sabotage! Man hat an unserem Essen manipuliert. In unserem Hotel in Luchon waren alle davon betroffen: die Fahrer von drei Teams, die Betreuer, die Mechaniker – und ich. Mich hat es am schwersten erwischt. Ich lag morgens fast bewusstlos in meinem Zimmer, aus mir kam es oben und unten heraus. Ich denke, ich weiß mittlerweile, was damals dort los war, aber leider kann ich es nicht beweisen.

Ähnlich erging es Ihnen beim Giro d’Italia, 1961. Auch bei der Italien-Rundfahrt galten Sie als Favorit auf den Sieg. Auf der 20. Etappe hinauf zum Stilfser Joch lagen Sie in Führung…

… und dann bekam ich in der Verpflegungskontrolle meinen Beutel mit meiner Verpflegung nicht. Der italienische Fahrer, der mir mein Essen und Trinken dorthin bringen sollte, kam nicht, extra nicht. Später wurde mir eine fremde Trinkflasche gereicht, in der etwas drin war, das nicht hinein gehörte. Ich lag 20 Minuten im Schnee, konnte nicht mehr aufstehen. Ich dachte, ich muss sterben, so schlecht ging es mir. Vier Kilometer waren es bis zum Gipfel, zehn Kilometer weiter war das Ziel. Den Sieg beim Giro hätte mir niemand mehr nehmen können.

Auch diese Sache ist allgemein bekannt, auch hier fehlen aber die endgültigen Beweise.

Das ist ja das Ärgerliche. Mein Kollege Rik van Looy hat damals schon getobt und gesagt: „Beim Junkermann ist irgendetwas schief gelaufen, da ist etwas nicht in Ordnung.“ Alle Beteiligten können sich denken, was da gelaufen ist, aber beweisen kann ich es nicht. Leider.

Ärgern Sie sich eigentlich noch, dass Sie nie die Tour de France gewinnen konnten.

Natürlich. Der Sieg bei der Tour und auch der Sieg beim Giro wurde mir gestohlen!

Dennoch gelten Sie als einer der größten Radrennfahrer Deutschlands. Auch, weil sie zwei Mal die Tour de Suisse gewonnen haben, 1959 und 1962.

Die Tour de Suisse ist anders als die Tour de France oder der Giro d’Italia gewesen. Hier brauchte man keine so gute Mannschaft, hier ging es nur über Pässe – und in den Bergen war ich gut.

Haben Sie eigentlich noch die gelben Siegertrikots der Schweiz-Rundfahrt.

Sicher. Ein Trikot habe ich vor ein paar Jahren für einen guten Zweck zur Verfügung gestellt. Das andere liegt bei mir im Schrank. Es passt mir noch heute. (Anmerkung: Später holt er es aus dem Schrank, streift es über – passt!)

Apropos Sieger-Trophäen: In der Wohnung erinnert nicht viel an ihre große Radrennfahrerzeit.

Im Flur hängen meine Siegermedaillen der Deutschen Meisterschaften. In den Schränken im Wohnzimmer liegen viele alte Bilder und stehen Bücher. Die ganzen Pokale stehen im Keller.

Hört sich an, als hätten Sie mit ihrer Radrennkarriere innerlich abgeschlossen.

Ja, die ist vorbei. Ich treffe mich aber noch mit den alten Kollegen. Einmal im Jahr lädt uns Rudi Altig zu sich nach Hause ein. Das ist immer ein schönes Wiedersehen.

Unterm Strich: Sind Sie zufrieden mit ihrer Karriere?

Ja. Aber ich hätte natürlich vielmehr erreichen können.

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