Annexion

Als Elten niederländisch war

Straßenschilder aus Elten

Straßenschilder aus Elten

Foto: NRZ

Münster.   Die Ausstellung „Einmal Niederlande und zurück“ in Münster erinnert an die holländische Besatzung einiger Grenzdörfer von 1949 bis 1963

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

„Ich habe das selbst miterlebt.“ Sagt Johannes Rocks und sieht sich interessiert die Karte mit den annektierten Gebieten an: „Es ist hier alles so, wie ich die Hollandzeit noch erlebt habe.“ Als junger Meister war er 1960 nach Süsterseel im Selfkant gezogen, um in der Textilindustrie zu arbeiten. Der Selfkant (bei Aachen), Elten und Suderwick standen von 1949 bis 1963 unter niederländischer Auftragsverwaltung. Die territorialen Abtretungen waren eine Folge des Zweiten Weltkrieges. Die Niederländer hatten sich viel mehr Landgewinn erhofft als Entschädigung für 200 000 Tote, darunter 104 000 ermordete Juden. Am Ende gestanden ihnen die Alliierten nur ein paar Grenzflecken zu, gerade mal 69 Quadratkilometer mit 10 000 Einwohnern. Wie das war, als Königin Juliana Staatsoberhaupt von ein paar deutschen Ortschaften wurde und wie die Grenzstreifen nach 14 Jahren wieder deutsch wurden, davon handelt die Wanderausstellung „Einmal Niederlande und zurück“ im Haus der Niederlande in Münster. Rund 100 Exponate werden in Holzvitrinen und mit Hörstationen anschaulich und zweisprachig präsentiert.

Schützenfahne von Karl Arnold

Einige Eltener Zeitzeugen haben Leihgaben zu dieser kleinen, aber sehenswerten Ausstellung beigetragen. Zu sehen sind der Pass von Clemens Roelevink aus dem Jahr 1951 mit dem Stempel „Wordt als Nederlander behandeld“, die von NRW-Ministerpräsident Karl Arnold 1951 gestiftete Schützenfahne, Straßenschilder aus den Partykellern von Köbi Daams und Gerd Dörning, Souvenirs wie ein Porzellan-Klompen mit Vitus-Motiv von Marlies Axmacher und Postkarten mit „Groeten uit Elten“. Kaufmann Theo Beltermann von der Schmidtstraße köderte auf einem Werbezettel die Kunden so: „Deutsche sehr erwünscht! Kauft Eure Freimengen in Elten ein! Bei einem Einkauf dieser Freimenge erhalten Sie in unserem Geschäft eine Tüte Bonbons gratis.“ Die Freimengen damals: 250 Gramm Kaffee, 50 Gramm Tee, 20 Zigaretten oder 10 Zigarren, 100 Gramm Schokolade.

Fortuna spielte in der niederländischen Liga

Die Verhältnisse normalisierten sich, doch ein Identitätswechsel vollzog sich nicht. Man blieb Deutscher unter Niederländern. Die Kicker von Fortuna Elten spielten zwar in den niederländischen KNVB-Ligen, wurden aber als Deutsche betrachtet.Die holländische Zeit brachte auch neue Bräuche nach Elten. Die Marechaussee organisierte alljährlich das Nikolausfest a la Nederland.

Beim letzten Mal 1962 gab es für die Bewohner zum Abschied einen Erinnerungsbecher. Marlies te Wildt: „Das war ja typisch holländisch. Wir trafen uns an der Schule und zogen dann mit Sinterklaas und vier oder fünf swarte Pieten durch ganz Elten. In einem großen Saal fand anschließend die Nikolausfeier statt. Jedes Kind bekam eine Tüte mit Süßigkeiten und ein Geschenk. Dann waren da immer irgendwelche Vorführungen. Mal ein Zauberer, mal ein Film. Das ging über den ganzen Nachmittag. Da hatte sich die Marechaussee jede Menge Arbeit mit gemacht. Das fand ich ganz große Klasse.“

An den Tag der Rückgliederung (31. Juli/1.August 1963), der im Selfkant wie in Elten als „Butternacht“ in die Annalen einging, kann sich der heute 82-jährige Johannes Rocks noch gut erinnern: „Das ganze Selfkant stand voller Lkw mit Kaffee, Butter und anderen Waren, die in Holland viel billiger waren.“ Um Mitternacht wurden die Schlagbäume verschoben, und die Lebensmittel konnten zollfrei zu D-Mark-Preisen verkauft werden. Die Händler, die Tage zuvor ihre Waren gehortet hatten, strichen fetten Reibach ein.

Viele wären lieber Niederländer geblieben

Die deutsche Politik wurde zwar nicht müde, das Unrecht der Annexion anzuprangern, doch die meisten Menschen im Selfkant wären lieber Niederländer geblieben, so Rocks; das trifft auch auf Elten zu. Die Vorteile überwogen. Die jungen Männer mussten nicht Soldat werden, Häuslebauer erhielten Unterstützung von beiden Staaten. Im Selfkant kursierte der Reim: „Tulpen, Rosen, Nelken, der Selfkant will zwei Kühe melden.“

Besonders in Elten boomten der Einzelhandel und das Hotel- und Gaststättengewerbe. Täglich steuerten 100 Reisebusse Elten mit seinem Berg an. Der von der Königin ernannte Landdrost Dr. Blaauboer, der anfangs wie ein Alleinherrscher schalten und walten konnte, berichtete, dass 1949 Hunderttausende nach Elten strömten.

Auch die Ausstellungsmacher kommen zu dem Fazit, dass die Menschen in der Rückschau die holländische Zeit vielfach positiv bewerteten: „In erster Linie ist dies dem wirtschaftlichen Aufschwung geschuldet.“ Das Zusammenleben habe sich konfliktfreier gestaltet als erwartet.

Die Ausstellung

Einmal Niederlande und zurück - Deutsche Gebiete unter niederländischer Auftragsverwaltung 1949-1963“, bis 9. Februar 2014, Haus der Niederlande, Münster, Alter Steinweg 6/7, geöffnet Mo.-Fr. 12-18 Uhr, Sa./So. 10-16 Uhr, Eintritt frei. In dem Backsteinbau wohnten während des Westfälischen Kongresses 1646/48 die acht Gesandten der Generalstaaten.


Nächste Stationen sind Sittard (Niederlande), Bocholt und vielleicht auch noch Emmerich.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben