Am Niederrhein. Das Fahrrad wurde zwar nicht am Niederrhein erfunden. Doch zumindest versuchte ein Tüftler aus einer Emmericher Familie das Rad zu optimieren.
Der Niederrhein ist bekanntermaßen eine wunderschöne Gegend für Radfahrerinnen und Radfahrer. Sein flaches Relief lässt die Pedalritter und -innen gerne durch die Gegend rollen – egal ob mit elektrischer Unterstützung oder mit purer Muskelkraft. Einheimische und Auswärtige nutzen die gut ausgebauten und hervorragend ausgeschilderten Radwege – die Übernachtungszahlen in den letzten Jahren wiesen einen deutlichen Anstieg bei den Radtouristen in der Region aus.
Für die Unvorbereiteten hält die Niederrhein Tourismus GmbH das grüne Niederrhein-Rad bereit, das man landauf, landab an vielen Stellen ausleihen und zurückgeben kann. Da wäre es natürlich eine tolle Geschichte, wenn das Fahrrad auch am Niederrhein erfunden worden wäre. Leider ist das aber nicht der Fall. Das erste Zweirad, bei dem Räder hintereinander und nicht nebeneinander auf einer Achse angebracht waren, rollte im Juni 1817 zwischen Mannheim und Schwetzingen.
Am Anfang war der Reiter
Auf den Weg gebracht vom Reichsfreiherrn von Drais, weswegen die ersten Räder dieser Art auch nicht Fahrräder, sondern Draisinen hießen. Genau genommen waren es auch noch keine Fahrräder, sondern Laufräder, da der Reiter – wie der Fahrer damals noch hieß – sich abwechselnd mit den Beinen vom Boden abstieß und damit die Sache erst ins Rollen brachte. Die ersten 15 Kilometer für den Weltenruhm hätte er natürlich auch am flachen Niederrhein hinter sich bringen können, sagen wir mal von Moers nach Rheinberg, aber der Reichsfreiherr wohnte nun mal im Badischen – hätte, hätte, Fahrradkette!
Spätestens seit Hanns Dieter Hüsch wissen wir aber, dass der Niederrheiner – und natürlich auch die Niederrheinerin – sich mit gewissen Gegebenheiten nicht so einfach zufrieden gibt. Und so hielt es auch im Jahre 1821 ein gewisser Ludwig Gomperz, der aus der weit verzweigten jüdischen Familie mit Stammsitz in Emmerich kam.
Laufrad mit Handkurbel
Wie er im Dinglerschen Polytechnischen Journal schrieb, sah er bei der Draisine noch einen gewissen Optimierungsbedarf, „durch welche die Geschwindigkeit derselben vermehrt und die Mühe des Reiters vermindert wird“. Da man bei einem Laufrad nur auf eine Geschwindigkeit von etwa sechs bis neun km/h kommt und einem – in Baden wie am Niederrhein – in aller Regel der Wind ins Gesicht bläst, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Gomperz’ Vorschlag zur vereinfachten Beschleunigung des Gefährts durchaus seine Berechtigung hatte.
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Wie auf der Zeichnung zu sehen, wollte er dies mit einer Kurbel erreichen, die per Hand über einen Viertel Zahnkranz das Vorderrad zusätzlich antreiben sollte. Der Fahrer respektive Reiter lag dabei in Vorlage auf einer gepolsterten ledernen Lehne, um das Körpergewicht abzufangen und das Vehikel weiter manövrieren zu können. Gomperz versichert, dass „die Geschwindigkeit der Draisine durch meine Vorrichtung um vieles vergrößert wird“.
Perfektion des Fahrrades
Nach einer eingehenden technischen Beschreibung seines Verbesserungsvorschlags beendete Gomperz seinen Aufsatz mit einem Seitenhieb auf die Fahrradkritiker und den prophetischen Worten: „Nur durch Einführung und Vervollkommnung dieser Maschinen kann der Mensch von einem der langsamsten Thiere in der Schöpfung durch wohlthätige Ausübung eigener Kraft zu einem der schnellsten erhoben werden. Das lächerliche Licht, das einige Müssiggänger und Caricaturen-Krämer auf sie geworfen haben, wird vor den Strahlen der Vortheile verschwinden, die die Draisinen der Welt noch einst gewähren werden.“
Wenn man sich die aktuellen Diskussionen zu Klimawandel und Verkehrswende anschaut, in denen der Radnutzung ja eine prominente Rolle zugeschrieben wird und wo die „Strahlen der Vortheile“ hell erleuchten, dann muss man Gomperz einen gewissen Weitblick zugestehen. Allerdings diente sein eigener Verbesserungsvorschlag leider nicht als Meilenstein auf dem Wege zur Perfektion des Fahrrades. Seine Idee setzte sich nämlich nicht durch und verschwand wieder in der Versenkung.
Dann kam die Gangschaltung
Der nächste Schritt zur Weiterentwicklung der Draisine fand erst durch die Montage von Pedalen an der Vorderradachse statt, die der Franzose Michaux vornahm. Eine erhöhte Beschleunigung wurde dann durch immer größere Vorderreifen erzielt, wobei die dabei entstehenden Hochräder durchaus nicht ungefährliche Abstände zum Boden erreichten.
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Als sich an der Wende zum 20. Jahrhundert dann der sogenannte Diamantrahmen mit gleich großem Vorder- und Hinterrad durchsetzte und insbesondere der Pedalantrieb unterhalb des Sattels am Rahmen angebracht wurde, konnte die Geschwindigkeit jetzt dadurch „vermehrt“ werden, dass der Antrieb über eine Kette zum Hinterrad erfolgte. Mit dem anschließenden Einbau einer Gangschaltung waren dann bereits vor über 100 Jahren alle Grundlagen geschaffen, die das Fahrrad heute zu einem Hoffnungsträger für den Verkehr des 21. Jahrhunderts werden lassen.
>>> Wanderausstellung im LVR-Niederrheinmuseum Wesel
Die 1700-jährige jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland wird derzeit bundesweit in einer Wanderausstellung gezeigt. Ab dem 24. August (bis 15. Oktober) ist „Menschen, Bilder, Orte – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ im LVR-Niederrheinmuseum Wesel zu sehen. Die Ausstellung wirft anhand von persönlichen Geschichten, Bildern, Filmen und Fakten sowie zahlreichen Ereignissen an verschiedenen Orten in NRW und Deutschland Schlaglichter auf das jüdische Leben seit dem Jahr 321 bis heute.
Der Besuch ist nur mit einem Ticket und einem vollständig ausgefüllten Kontaktformular möglich. Es gilt medizinische Maskenpflicht. Eine vorherige Terminbuchung und die Vorlage eines Corona-Tests sind aktuell nicht erforderlich. Tickets können an der Museumskasse erwerben oder vorab im Webshop des Museums Webshop LVR-Niederrheinmuseum Wesel gebuchtwerden. www.niederrheinmuseum-wesel.lvr.de