Am Niederrhein. Natürlich war das nicht so geplant, aber dennoch: In Sonsbeck wurde einer der berühmtesten Zirkusdirektoren geboren: Adolf Althoff.

„Hereinspaziert, hereinspaziert!“, so muss es am 25. Juni 1913 geklungen haben. Der Zirkus Althoff gastierte im Ort und Adolf Althoff, der zur niederrheinischen Linie der weit verzweigten Zirkus- und Artistendynastie zählte, gab später Auskunft über die Umstände seiner Geburt: „Also, ich bin im Wohnwagen meiner Eltern mit Musik auf die Welt gekommen, während die Nachmittagsvorstellung lief.“ So geschehen in Sonsbeck an besagtem Datum.

Der junge Althoff schnupperte von Kindesbeinen an Manegenluft und ging bereits mit fünf Jahren mit dem Circus auf Reisen. Später wurde er am Geschäft seines Vaters beteiligt, bevor er dann in wechselnden Zusammensetzungen mit seinem Bruder und seinen beiden Schwestern als „Circus Geschwister Althoff“ firmierte. 1939 trennten sich aber endgültig ihre Wege und sowohl seine Schwester Helene als auch Adolf selbst gründeten ein eigenes Zirkusunternehmen.

Akrobatik und Dressuren

Der „Circus Adolf Althoff“ hatte siebzig Angestellte und legte einen Schwerpunkt seiner Vorführungen auf Tierdressuren. Auch seine Ehefrau Maria machte sich mit Pferdedressuren einen Namen. Daneben hatte die Akrobatik ihren besonderen Platz im Programm und wurde im Lauf der Zeit weiter ausgebaut.

Adolf Althoff, in Sonsbeck geboren - eher zufällig…
Adolf Althoff, in Sonsbeck geboren - eher zufällig… © CC BY-NC-ND 3.0 / | Dominique Jando Collection

Adolf selbst hatte sich darüber hinaus schon in jungen Jahren intensiv mit der Technik sämtlicher Gerätschaften eines Zirkus vertraut gemacht. Nach mehrjähriger Tüftelei revolutionierte er den Zirkusbau, in dem er einen Zirkus ohne Masten im Zuschauerraum konstruierte, damit von jedem Platz aus freie Sicht auf die Manege gewährleistet war. Das neuartige Zirkuszelt hatte einen Durchmesser von vierzig Metern und wurde wie ein Riesen-Regenschirm aufgespannt.

Der Zweite Weltkrieg brachte harte Zeiten für einen Wanderzirkus. Zwar waren weiterhin Aufführungen möglich und Althoff betonte für diese Zeit: „Das Publikum war wohl das dankbarste, das es je gegeben hat.“ Aber die Begleitumstände wurden immer schwieriger und die Einschränkungen immer spürbarer. Besonders die Transporte mit der Eisenbahn stellten ständig größere Herausforderungen dar.

Ehrung auf Yad Vashem

Die größte Herausforderung jedoch war die Sorge um seine Artisten. Denn er beschäftigte mehrere Jüdinnen und Juden in seinem Unternehmen und ließ sie weiterhin auftreten. Bei einem Gastspiel im vogtländischen Plauen 1942 erhielt Althoff einen Hinweis, dass die Gestapo anrückte. Daraufhin ging er zum Wohnwagen seiner Artistengruppe, klopfte an die Wagenwand und rief ihnen die Losungsworte zu: „Ihr müsst mal wieder angeln gehen!“

Mutig und engagiert: Zirkusdirektor Adolf Althoff

Adolf Althoff war das zweitjüngste Kind von acht Geschwistern. Er stammte aus der berühmten Althoff-Zirkusdynastie. Sein Vater Dominik übernahm bereits mit 22 Jahren den elterlichen Zirkus. Geboren wurde Adolf Althoff im elterlichen Wohnwagen während einer Zirkusvorstellung – in Sonsbeck. Adolf Althoff und seine Frau Maria retteten eine jüdische Artistenfamilie vor der Gestapo – und wurde am 20. Februar 1995 dafür vom Staat Israel in den Kreis der „Gerechten unter den Völkern aufgenommen.

Diese rückten alsbald mit Fahrrädern und Angelzeug als Tarnung aus und machten sich schleunigst aus dem Staub. Als die Kontrolle kurz danach alles auf den Kopf stellte, aber keine versteckten Juden auftreiben konnte, musste Althoff erst einmal durchatmen und den von der Gestapo verschmähten Schnaps selbst zur Beruhigung zu sich nehmen.

Auch Verwandte und Familienangehörige seiner Artisten, die gleichbleibend von der Deportation bedroht waren, ließen Adolf und Maria Althoff in ihren Wagen und Zelten Unterschlupf finden. Immer in Sorge um Aufdeckung und Denunziation ließen die beiden aber nicht ab, ihre Schutzbefohlenen zu unterstützen. Der ganze Zirkus wusste Bescheid – und hielt dicht.

Zirkusdirektor Adolf Althoff mit der 63 Jahre alten Elefantendame „Mary“ – eine Sensation im Jahr 1954.
Zirkusdirektor Adolf Althoff mit der 63 Jahre alten Elefantendame „Mary“ – eine Sensation im Jahr 1954. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Heinrich Sanden

Die Althoffs selbst machten kein großes Aufheben um ihre mutige Tat, so dass die Umstände erst in den 1980er Jahren bekannt wurden. Gleichwohl erfuhren die Althoffs noch eine späte Ehrung, denn im Jahre 1995 wurden sie von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem für ihre Rettungstat zu „Gerechten unter den Völkern“ erklärt.

Nach dem Krieg arbeitete Althoff in verschiedenen Zirkussen mit unterschiedlichen Namen. Er fungierte in den fünfziger Jahren als künstlerischer Leiter des Zirkus Hagenbeck und arbeitete in den sechziger Jahren für einige Zeit in den USA. Dabei ging er selbst noch stets mit einer speziellen Nummer in die Manege. Eine Dressurvorführung, die er schon in den dreißiger Jahren entwickelt und gezeigt hatte: „Tiger zu Pferde“. Dabei sprang ein Tiger auf den Rücken eines galoppierenden Pferdes und machte dort Männchen.

Abschied von der Zirkuswelt

Zu diesem Zeitpunkt hatte Althoff bereits einen ersten Herzinfarkt erlitten, der ihn schon zum Verkauf seines eigenen Zirkus veranlasst hatte. Doch auch nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten konnte er nicht Abschied nehmen von der Zirkuswelt.

Er half seinem Sohn beim Aufbau eines eigenen Unternehmens und engagierte sich für den Erhalt der Zirkustradition. Um die Ausbildung des Artistennachwuchses machte er sich ebenfalls weiterhin verdient. Nach einem erfüllten Zirkusleben verstarb Adolf Althoff am 14. Oktober 1998, heute vor 25 Jahren, in Stolberg bei Aachen.