Essen/Gunde Ahsan. Im Irak haben Schulkinder Bäume gepflanzt. Der Schulleiter erklärt, warum das in der Region so wichtig ist. Möglich machen das auch Spendengelder aus NRW.

Dieser sonnige Januartag ist wieder ein guter Tag für die kleine Schule in Gunde Ahsan. Hazem Kajo schaut zu, wie die Kinder die kleinen Granatapfelbäume pflanzen, er lächelt. Wer Bäume pflanzt, glaubt an eine Zukunft, und dieser Glaube ist wichtig für die Jesidinnen und Jesiden in der Shingal-Region im Nordwesten des Irak. Es ist eine Aktion, die Hoffnung spendet, und möglich haben sie auch die Leserinnen und Leser der NRZ gemacht, die bei unserer Weihnachtsaktion gespendet haben.

Gunde Ahsan ist eine kleine Siedlung am Fuß des Shingal-Gebirgszuges, nach dem die gesamte Region benannt ist. Es ist eine unwirtliche Gegend. Weite baumlose Flächen, über oft ein kräftiger Wind weht.

Hunderttausende Jesidinnen und Jesiden flohen vor dem IS

Viele der Dörfer und Kleinstädte tragen noch immer die Narben des Krieges, die der sogenannte Islamische Staat (IS) vor zehn Jahren in die Shingal-Region getragen hat. Damals fliehen Hunderttausende Jesidinnen und Jesiden vor der grimmigen Wut der islamistischen Fanatiker. Für die Kämpfer des IS sind die Angehörigen der religiösen Minderheit Teufelsanbeter. Sie töten Tausende Menschen, entführen Tausende Frauen und Kinder. Es ist ein grausames Verbrechen, dass der deutsche Bundestag neun Jahre später als Völkermord anerkennt.

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Bis heute leben viele der Flüchtlinge von damals in Camps in der rund 150 Kilometer östlich gelegenen autonomen Region Kurdistan, häufig in Zelten, die Glücklicheren in einfachen Wohncontainern. Sie fühlen sich dort sicherer als in der alten Heimat.

Der Iran nutzt die Shingal-Region als Nachschubroute

Die Region ist strategisch wichtig, weswegen verschiedene Kräfte um die Kontrolle ringen - die kurdische Regionalregierung, die irakische Zentralregierung, Milizen, die dem Iran oder der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahestehen. Regelmäßig kommt es zu Gewalt. Die Türkei bombardiert die Region, um gegen die PKK-nahen Kräfte vorzugehen, dabei sterben auch Zivilisten; der Iran nutzt Shingal als Nachschubroute, um Waffen nach Syrien und in den Libanon zu transportieren.

Südlich des Gebirgszuges sind viele der Siedlungen Geisterstädte voller Sprengfallen und Minen. Hierhin sind nur wenige Menschen zurückgekehrt. Nördlich des Berges gibt es mehr Sicherheit. In einige der Städte dort ist das Leben wieder zurückgekehrt.

 Zwei Mädchen pflanzen einen Granatapflebaum ein.
 Zwei Mädchen pflanzen einen Granatapflebaum ein. © NRZ

Die kleine Siedlung Gunde Ahsan liegt in direkter Nachbarschaft zu Sherfedin, dem zweitwichtigsten Wallfahrtsort der jesidischen Gemeinschaft. Eine jesidische Miliz hat dieses Heiligtum vor zehn Jahren gegen die anstürmenden IS-Terroristen verteidigt und es vor der Zerstörung bewahrt. Es ist ein Symbol für den Überlebenswillen der Jesidinnen und Jesiden.

Caritas-Flüchtlingshilfe aus Essen hat eine Schule gebaut

Die Essener Caritas-Flüchtlingshilfe hat in Gunde Ahsan eine Schule gebaut. „Wir versuchen den Menschen eine Perspektive zu geben und somit Fluchtursachen zu bekämpfen“, sagt der Vorsitzende Markus Kampling.

Leiter der Schule ist der 51-jährige Hazem Kajo, ein gedrungener Mann mit freundlichen Augen. Die Schule ist ihm ein Herzensanliegen. Er stammt aus Borek, einer Kleinstadt ganz in der Nähe von Gunde Ahsan.

Im August 2014 flieht auch er mit seiner Familie, vier Jahre später kommt er nach Deutschland. Noch bevor über seinen Asylantrag entschieden wird, kehrt er wieder in die Heimat zurück. Ihm ist in Deutschland klar geworden, dass er den Kindern in der Shingal-Region helfen muss. Also unterrichtet Kajo zusammen mit einigen Mitstreitern, jungen, engagierten Leuten. Erst in Zelten und einem Rohbau.

Seit Oktober 2022 in der Schule, die die deutsche Hilfsorganisation gebaut hat. In den vergangenen Wochen haben die 170 Kinder die Kajo und sein Team unterrichten, neue Jacken und Taschen von der Caritas-Flüchtlingshilfe bekommen, außerdem neue Möbel für das Lehrerzimmer, das sie als letztes eingerichtet haben.

Kinder pflanzen Granatapfelbäume

Besonders stolz ist Hazem Kajo aber auf das Baum-Projekt. Jedes Kind hat einen Baum gepflanzt und eine Patenschaft für ihn übernommen. „Damit wollen wir den Kindern zeigen, wie wichtig die Umwelt ist. Es ist ein Zeichen der Hoffnung. Wenn die Bäume wachsen, ist das ein Symbol für das Leben“, erzählt Kajo am Telefon.

Er hofft darauf, dass seine Schule somit zu einer Art kleinen Oase wird und dass das Projekt auch eine Anregung für andere Bewohner der Shingal-Region ist. „Wir haben uns für Granatapfelbäume entschieden, weil die irgendwann Früchte tragen“, erklärt der Schulleiter. „Dann werden die Kinder auch als Erwachsene kommen, um zu sehen, wie sich ihre Bäume entwickelt haben, und sie können sie dann ernten. Das wird das Zugehörigkeitsgefühl zur Schule und zum Dorf stärken“, hofft Hazem Kajo.