Drückjagd

Auf Jagd nach Wildschweinen im Hiesfelder Wald in Dinslaken

Revierförster Michael Herbrecht (2.v.l.) verteilt Karten und weist die Ansteller ein.

Foto: Lars Fröhlich

Revierförster Michael Herbrecht (2.v.l.) verteilt Karten und weist die Ansteller ein. Foto: Lars Fröhlich

Dinslaken.   Bei einer überregionalen Drückjagd im Naturschutzgebiet standen Wildschweine im Vordergrund – auch auf Hirsche und Rehe wurde aber geschossen.

Das Wetter meint es gut mit den vielen neonorange-olivgrün Gekleideten, die sich an diesem frühen Wintermorgen auf einem Parkplatz am Hiesfelder Wald versammeln: Kalt ist es zwar, dabei aber nicht klirrend; der Himmel ist noch tiefblau, aber schon klar. Etwas Nebel schlummert zwischen den Bäumen, bald aber schon wird er sich verzogen haben. „Ein so gutes Wetter hatten wir bei dieser Drückjagd hier im Staatswald noch nie“, sagt Otto Pöll. Die bald 20 Männer und eine Frau starke Gruppe um den Regionalforstamtsleiter lacht. Für alle hier ist diese jährlich stattfindende Jagd nicht die erste in diesem Revier.


7.52 Uhr. Regionalforstamtsleiter Otto Pöll, der Chef der hiesigen Jagd, ergreift das Wort. Mit einem lauten Waidmannsheil begrüßt er die Jäger, erklärt, welche Tiere zum Abschuss freigegeben sind. Viele Arten von Schalenwild, also Hirsche, Rehwild – mit Ausnahme von Böcken – und vor allem Schwarzwild, also Wildschweine – sofern sie nicht erkennbar führende Bachen, also weibliche Wildschweine mit Frischlingen sind. „Füchse und Hasen sind nicht frei“, sagt Pöll und mahnt, „durchaus beherzt, aber mit der nötigen Rücksichtnahme“ zu agieren. Die Jäger nicken.


8.03 Uhr. Regionalforstamtsleiter Pöll und Revierförster Michael Herbrecht beginnen, die Ansteller – revierkundige Jäger – einzuweisen. Für jeden gibt es Karten, darauf sind die Routen markiert, Bäche und freie Wiesenflächen. Die große Gruppe wird zu mehreren kleinen, die Ansteller teilen den Jagdgästen ihre Leitern zu, von denen sie auf das Wild schießen dürfen. Für die Durchgeher heißt es erstmal warten. In zwei Gruppen werden sie gleich aufbrechen zur Drückjagd: Ihre Aufgabe ist es, die Tiere aus ihren Verstecken aufzuscheuchen und zu den Jägern zu treiben.


Die Durchgeher oder Drücker scheuchen das Wild auf. Dafür sollen sie mit mehreren Metern Abstand, aber auf gleicher Höhe durch den Wald laufen. Foto: Lars Fröhlich 8.27 Uhr. Die Jäger haben ihre Leitern besetzt. Sie warten auf das Wild. Die Durchgeher hingegen sind die Franzosenstraße in südliche Richtung hinabgelaufen. Mit mehreren Metern Abstand zueinander stellen sie sich mit dem Rücken zur Straße in gleicher Höhe auf: Von hier aus werden sie hineingehen in den Hiesfelder Wald. Die Sonne ist fast ganz aufgegangen, der Verkehr auf der Straße an der Stadtgrenze zu Oberhausen hat längst zugenommen. „Wir starten absichtlich von der großen Straße aus, um möglichst zu verhindern, dass die Tiere in diese Richtung laufen und Autofahrer gefährden“, erklärt Förster Michael Herbrecht. Wildunfälle gibt es hier regelmäßig, noch viel regelmäßiger seit die Population aller drei Wildarten zugenommen hat. „Wir schätzen, dass wir 600 bis 1000 Hirsche und deren Rudel hier zwischen Dinslaken und Gladbeck haben“, führt der Förster aus. „Ursprünglich sollten es 50 sein, inzwischen wollen wir auf 200 hinunter.“


Carolin Schlechter mit Hündin Lotta. Foto: Lars Fröhlich 8.30 Uhr. Pünktlich gibt Förster Michael Herbrecht seinen vier Durchgehern und Jagdhund Lotta das Kommando zum Aufbruch – der Zeitplan ist straff, um 10 Uhr soll das erste Drücken beendet sein, das zweite Drücken etwas weiter nördlich von 10.30 bis 12 Uhr anschließen. „Wir imitieren bei dieser Jagd die Wolfsmeute, die morgens ins Revier eindringt und bis zum Mittag für Unruhe sorgt“, sagt Herbrecht. So seien die Tiere ein paar Stunden immensem Stress ausgesetzt, hätten anschließend aber ein ganzes Jahr lang Ruhe. Ein Sprung über den kleinen Bach, der nach den zahlreichen Regentagen noch viel Wasser führt. Die schweren Stiefel versinken im tiefen Schlamm, schmatzen. Die Drücker stapfen durch Dickicht und Matsch, über Stöcke und Stämme. Westfalenterrier Lotta begleitet die Gruppe, rennt umher und schnuppert, schnuppert, schnuppert. Immer wieder rufen die Durchgeher laut „Hopp“: um die Tiere aufzuscheuchen, auch aber um sich im Wald nicht weiter voneinander zu entfernen, als die Stimme schallt. Lotta hingegen bellt, sobald sie etwas entdeckt hat. „Das war ein Wildschwein“, sagt ihr Frauchen Carolin Schlechter, als die achtjährige Terrierdame das erste Mal an diesem Morgen im Hiesfelder Wald bellt. Carolin Schlechter, die einzige Frau bei dieser Jagd, arbeitet ebenfalls im Regionalforstamt Niederrhein, ist dort Fachgebietsleiterin „Hoheit“ – setzt sich hier unter anderem für die Erhaltung und Vermehrung der Waldflächen ein. Sie könne anhand des Bellens sofort erkennen, welche Wildart Lotta entdeckt habe, sagt Schlechter. Das Wildschwein allerdings sieht weder Schlechter noch jemand anderes aus dieser Gruppe der Durchgeher.


9.13 Uhr. Ein Knall. Ein Hall. Der erste Schuss ist gefallen. „Das war bestimmt der Chef“, kommentiert Herbrecht den Schuss. „Der trifft eigentlich immer was.“ Dass Herbrecht recht haben wird mit dieser Aussage, werden die Durchgeher erst nach dem ersten Drücken erfahren. Wild hingegen werden sie noch nicht sehen, weder lebendig noch tot.


9.15 Uhr. Ein weiterer Knall. Ein weiterer Hall. Die Schüsse fallen nun regelmäßiger. Bald klingt es, als stünde der Jahreswechsel an. Manche Schüsse scheinen ganz nah abgegeben worden zu sein, andere kommen von weiter weg. „Wir sind nicht die einzigen hier, die heute in einer überregionalen Drückjagd unterwegs sind“, klärt Förster Herbrecht auf. Auch der Regionalverband Ruhr jage heute in seinem Revier, ebenso wie weitere Gruppen. „Es ist oft so, dass nicht nur ein Revier jagt“, sagt Herbrecht. Schließlich hielten sich die Wildtiere nicht an Reviergrenzen, sondern würden diese auch überlaufen und könnten dann von anderen Jägern geschossen werden. „So profitiert der eine vom anderen.“ Heute ist es zum Leidwesen dieser Gruppe der RVR. „Wir haben etwas Ostwind, deshalb laufen die Tiere nach Osten, in Richtung des RVR“, erklärt Herbrecht. Wie zur Bekräftigung fallen dort weitere Schüsse.


10 Uhr. Mit den Autos geht es ein Stück weiter nach Norden. Hier ist Zeit für eine kurze Pause. Für Kaffee oder Kippe, für Brötchen oder Butterbrot, für Wasser und Wildtier-Fachsimpelei. Das Durchschnaufen dient auch dem Austausch mit den Kollegen. Die Anzahl gesehener Wildtiere ist gering – und für viele Jäger enttäuschend: Ein Jagdgast hat einen Hirsch entdeckt, allerdings einen „Falschen“, einen, der nicht geschossen werden darf. Ein paar andere haben Rehe gesehen, eines davon hat der Chef zur Strecke gebracht. Michael Herbrecht nutzt die Pause, um es mit einem Helfer abzuholen und in seinen Anhänger zu laden. Danach geht es weiter. Die Durchgeher laufen nun durch das „Schlafzimmer“ der Wildtiere, durch das noch dichtere Gebüsch. „Hier können sich die Tiere gut verstecken und haben ihre Ruhe“, erläutert Herbrecht den Begriff.


11.41 Uhr. In dem „Schlafzimmer“ der Wildschweine sind mehrere Schüsse gefallen, mit Erfolg. Lotta kläfft, rennt los, springt eine Böschung hoch, wedelt aufgeregt mit ihrem Schwanz. Nach dem Schützen hat die Terrierdame das am Boden liegende Wildschwein als erste entdeckt, nun beutelt sie es, beißt freudig in die Borsten. Frauchen Carolin Schlechter muss Lotta schließlich von dem Frischling abhalten, damit Herbrecht das erlegte Wildschein mit einer Ohrklemme markieren kann. Die Drücker gehen ein paar Meter weiter, finden ein erlegtes Reh. Es wird ebenfalls markiert.


11.53 Uhr. Die Drücker durchlaufen nun das „Badezimmer“ der Wildschweine, eine riesige Matschgrube. Es riecht nach Maggi. „Ein Indiz für Wildschweine“, sagt Herbrecht. Prompt laufen mehrere davon durch den Wald, mit Rufen informieren die Drücker den Jäger auf seinem Sitz. Weitere Schüsse fallen. Die Tiere sind nun in Aufruhr: Bis die Jagd endgültig beendet ist, werden der Drücker-Gruppe noch einige Rehe begegnen, werden noch ein paar Schüsse fallen. Um 12 Uhr kehrt Ruhe ein, die Jagd ist beendet. Während die einen durchschnaufen und pausieren, bereiten andere Jäger einen Teppich aus Fichtenzweigen für die Streckenlegung vor.


Eine von vielen Wildschweinspuren im Hiesfelder Wald. Foto: Lars Fröhlich 13.13 Uhr. Die Jäger haben die drei Wildschweine aufgebrochen, haben sie und acht Rehe auf dem Teppich aus Fichtenzweigen drapiert. Nun folgt der zeremonielle Teil. „Auch wenn wir die Tiere schießen, um dafür zu sorgen, dass wir einen artgemäßen Tierbestand im Wald haben, so sind das alles Individuen, die ein Anrecht darauf haben, als Individuen gewürdigt zu werden“, sagt Herbrecht. Jeder erfolgreiche Schütze wird von Regionalforstamtsleiter Otto Pöll mit Fichtenzweig und Waidmannsheil bedacht, anschließend ertönt für jede erlegte Wildart ein Signal aus dem Jagdhorn. „Unser kurzes Auftreten im Hiesfelder Wald war erfolgreich“, sagt Regionalforstamtsleiter Otto Pöll.

>> GESAMTSTRECKE ÜBERREGIONALE DRÜCKJAGD

  • Das Land NRW hat bei der überregionalen Drückjagd im Hiesfelder Wald insgesamt elf Tiere geschossen, darunter drei Wildschweine und acht Rehe.
  • Der Regionalverband Ruhr (RVR) war erfolgreicher. In seinem Revier wurden 24 Wildschweine und 18 Rehe zur Strecke gebracht. Ebenfalls Tiere geschossen haben die Jäger von Hiesfeld 1 (sechs Wildschweine, zwei Rehe), Aschenbruch (ein Hirsch, drei Wildschweine, ein Reh), Gem. J Kirchhellen (fünf Wildschweine), VU Postweg (ein Wildschwein) und HVG (ein Hirsch).
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