Kultur

Das Fähnlein im Winde

Wilhelm von Oranien im Jahre 1575. Erst spät entwickelte er eine Passion für die niederländische Freiheit. Aron Brouwer und Marthijn Wouters haben eine neue Biografie über ihn verfasst. Foto:Adriaen Thomasz Key

Wilhelm von Oranien im Jahre 1575. Erst spät entwickelte er eine Passion für die niederländische Freiheit. Aron Brouwer und Marthijn Wouters haben eine neue Biografie über ihn verfasst. Foto:Adriaen Thomasz Key

Kleve/Delft.   Wilhelm von Oranien war kein Kämpfer für eine niederländische Nation, sondern ein pragmatischer Prinz, dem es um eigene Interessen ging

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Wenn eine Nation sich gründet, braucht man Helden. Menschen mit übernatürlichen Kräften und erhabenen Idealen. Personen, zu denen man aufschauen kann, die Völker einigen und Kriege gewinnen können. Die Niederlande bilden da keine Ausnahme. Als im 16. Jahrhundert der Kampf gegen die spanische Vorherrschaft begann, gab es viele, die sich gegen das Joch der Habsburger stellen wollten. Doch eine Person wurde in der Geschichtsschreibung besonders hervorgehoben: Wilhelm von Oranien. Er wurde im 19. Jahrhundert zu einem nationalen Helden idealisiert, ein Vorkämpfer für Toleranz und Glaubensfreiheit. Ein Mann, der für alles Niederländische stand und der unerschrocken das Schwert gegen die mächtigen Spanier erhob. Wilhelm von Oranien wurde zum „Vater des Vaterlandes“.

Wenn man die neue Studie von Aron Brouwer und Marthijn Wouters liest, dann bleibt nicht viel übrig von diesem Ideal. Die beiden jungen Historiker, 26 und 24 Jahre alt, stoßen den Nationalhelden unerschrocken vom Sockel. Anhand zahlreicher Belege weisen sie nach: Wilhelm von Oranien war kein Befreier oder Idealist, sondern ein Mensch, der seine Fürsten, Freunde und Frauen verriet. Mehrmals wechselte er seine Religionszugehörigkeit, wenn es ihm nützte. „Der pragmatische Prinz hat alles dafür getan, seine eigenen Besitztümer zu mehren und seine Macht- und Familienposition auszubauen“, schreiben die Autoren.

Religion als Spielball

Die Religion war für Willem von Oranien ein Spielball seiner Machtinteressen. Bereits bei seiner Taufe am 4. Mai 1533 hatte man es mit der reinen Lehre nicht so genau genommen. Willem wurde im nordhessischen Dillenburg katholisch getauft, aber der Pfarrer zelebrierte eine Messe mit lutherischen Einflüssen. Mutter Juliana von Nassau-Dillenburg unterhielt engen Kontakt zu Martin Luther und Vater Wilhelm „der Reiche“ wechselte 1536 zum Luthertum – und mit ihm die ganze Familie. Eine Entscheidung von großer Tragweite, denn fortan machte sich das Haus Nassau-Dillenburg dem mächtigen Kaiser Karl V. zum Feind, dem Hüter der Kirche.

Im Sommer 1544 fiel der Familie ein glückliches Erbe zu. René van Chalon, Neffe Wilhelms des Reichen, starb und hinterließ seinem Onkel das französische Fürstentum Orange und die Statthalterschaft von Holland, Zeeland und Utrecht. René van Chalon wusste um das schwierige Verhältnis zwischen Kaiser und Wilhelm dem Reichen. In seinem Testament setzte er daher nicht seinen Onkel, sondern seinen Cousin Wilhelm ein, der jetzt Herr von Oranien werden sollte. Karl V. willigte ein, verfügte aber, dass der Elfjährige nie mehr nach Dillenburg zurückkehren durfte und in Brüssel katholisch erzogen wurde.

Das Haus Nassau-Dillenburg stimmte zu, denn hohe Schulden ließen dem Grafen keine andere Wahl. Als er starb, erntete Wilhelm von Oranien nicht nur die Stammburg der Familie, sondern eine enorme finanzielle Last. Sein ganzes Leben lang versuchte er, den Stammsitz zu halten und die Schuldenlast zu tilgen.

Dafür ging er ziemlich weit: Als 1546 der Schmalkaldische Krieg zwischen den deutschen Fürsten und Karl V. ausbrach, schlug sich Wilhelm auf die Seite der Habsburger. Er verriet damit die Ideale seines Vaters, der den protestantischen Bund mitgegründet hatte, und signalisierte dem Kaiser: Im Ernstfall kannst Du auf mich zählen. Für die deutschen Fürsten war Wilhelm fortan ein Verräter.

Oranien pflegte eine gute Beziehung zu Karl V. Der Kaiser betrachtete ihn stets mehr wie einen Sohn, mit ihm besprach er politische Lagen und persönliche Dinge. Mit seinem eigenen Sohn Philipp pflegte er ein sehr viel distanzierteres Verhältnis. Und so wundert es nicht, dass Karl der Heirat zwischen Willem und Anna van Buren zustimmte. Damit wurde der 18-jährige Wilhelm zum wichtigsten Edelmann in den Niederlanden.

Loyal zum Kaiser

Karl V. hat Willem von Oranien großgemacht und dies wusste der junge Mann nur zu gut: „Er hat stets versucht, dieses Vertrauen nicht zu beschädigen“, schreiben Brouwer und Wouters.

Doch in Zeiten der religiösen Unruhen wurde die Loyalität zu seinem Herrn auf die Probe gestellt. Karl war auf die Einheit seiner Lande bedacht und Wilhelm zeigte sich Anfang der 1550er Jahre als frommer, katholischer Habsburger, der für Karl V. auch den Krieg gegen Frankreich führte.

1555 trat eine entscheidende Wende ein. Karl legte sein Kaisertum aus gesundheitlichen Gründen nieder und gab Spanien und die Niederlande an seinen Sohn Philipp. Der neue Herrscher hatte ein schlechtes Verhältnis zu Wilhelm. Als Oranien am 3. April 1559 einen Friedensvertrag mit Frankreich unterzeichnen konnte, zog sich Philipp II. nach Madrid zurück. Wilhelm wurde zum Statthalter in Holland, Zeeland und Utrecht ernannt.

Nachdem seine erste Frau 1558 gestorben war, ging Oranien nach dem Tod seines Vaters eine Liaison mit Anna von Sachsen ein. Die Tochter aus reicher, protestantischer Familie schien eine gute Partie. Die religiösen Unterschiede spielten für ihn keine Rolle. In mehreren Briefen redete er August von Sachsen und Philipp II. nach dem Mund, um die Hochzeit zustande zu kriegen. Zum Teil formulierte er in seinen Briefen völlig widersprüchliche Inhalte: „Wilhelm hatte von Kindesbeinen an gelernt, Religion als politisches Mittel einzusetzen“, so Brouwer und Wouters. Er heiratete Anna am 25. August 1561 in Leipzig.

Bis dato hatte er sich überhaupt nicht für die niederländische Einheit interessiert. Im Gegenteil: Als in Folge der verschärften Spannungen viele Protestanten aus den südlicheren Niederlanden nach Holland emigrierten, war dies Wilhelm gar nicht recht. Er ließ die „Ketzer“ sogar unterdrücken. „Der Prinz erweckte nicht den Eindruck, dass er mit der Verfolgung Skrupel hatte“, so Brouwer und Wouters. Vielmehr sei der Protestantismus eine Krankheit, die ausgelöscht werden müsse. Wilhelm schrieb dies alles im Juli 1561, am Vorabend des niederländischen Aufstandes.

Zeitgleich gewährte er den Hugenotten, die sein Fürstentum Orange in Frankreich besetzt hatten, zusätzliche religiöse Freiheiten, um seine Besitztümer zu retten. Oranien sprach fortwährend mit einer gespaltenen Zunge.

Über die religiöse Freiheit

Nur ein Jahr später äußerte er sich wieder ganz anders. Nachdem die Protestanten vom spanischen König scharf verfolgt wurden, protestierten die tonangebenden Grafen gegen dieses Vorgehen. Im Raad van State hielt Wilhelm daraufhin eine seiner berühmtesten Reden, in der er sich für religiöse Freiheit aussprach. Trotzdem war ihm nicht zu trauen. Als Graf Egmond 1564 für mehr Religionsfreiheit beim spanischen König in Madrid vorsprach, fiel Wilhelm von Oranien ihm in den Rücken. Gegenüber Philipp erklärte er, dass die vorgetragenen Punkte nicht im Interesse der Niederlande seien. Auch im Februar 1568, als der spanische Herzog Alva seine Schreckensherrschaft ausübte, sah sich Wilhelm von Oranien, der im hessischen Dillenburg weilte, nicht gezwungen, für die Niederlande Partei zu ergreifen. Der Prinz schrieb Alva sogar einen Willkommensbrief und betonte darin seine „gute Gesinnung“.

Doch Alva ließ sich nicht blenden. Er unterdrückte nicht nur die Protestanten, sondern beschlagnahmte Wilhelms Besitztümer und ließ seinen Sohn Philipp Wilhelm festnehmen. Erst jetzt musste der Prinz endlich Farbe bekennen: Mit Hilfe deutscher Unterstützung wagte er im April 1568 den ersten Angriff. Wilhelm war jetzt fest entschlossen, die Tyrannei Alvas zu beenden. Und konnte so zum nationalen Helden aufsteigen.

Literatur zum Thema

Das spannende Buch von Aron Brouwer und Marthijn Wouters ist leider nur auf Niederländisch erhältlich: Willem van Oranje. De opportunistische vader des vaderlands. Nieuw Amsterdam. 240 Seiten. 19.99 Euro.

Eine sehr lesenswerte Einführung in die Thematik bietet auch das Buch von Anton van der Lem: Die Entstehung der Niederlande aus der Revolte. Erschienen im Verlag Klaus Wagenbach. 272 Seiten. 28 Euro.

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