Reise

Das Ökodorf am Ende der Welt

Raphaela aus Dresden absolviert mit ihrer Freundin Josie ein Praktikum in der „Schapenboerderij de Zeekraal“.

Foto: H. Buschmann

Raphaela aus Dresden absolviert mit ihrer Freundin Josie ein Praktikum in der „Schapenboerderij de Zeekraal“. Foto: H. Buschmann

Terschelling.   Oosterend auf Terschelling, 120 Einwohner, schmückt sich mit dem Siegel „Waddengoud“

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Oosterend auf Terschelling, 120 Einwohner, ein Siegel: Das Ökodorf am Ende der Welt schmückt sich mit dem Siegel „Waddengoud“. Das Prädikat gibt es hier in der Region, auf den friesischen Inseln und am niederländischen Festland, für besonders umweltbewusstes, nachhaltiges Handeln. Normalerweise werden nur einzelne Projekte mit „Wattgold“ dekoriert, dass eine ganze Community ausgezeichnet wird, ist eher selten. „Die Leute in Oosterend haben erkannt, dass sie sich mit ihrem Angebot vom touristisch besser erschlossenen Westterschelling etwas abheben, etwas besonderes bieten müssen“, weiß Friedrike Liebmann.

Die Biologin von „Pure matters“ arbeitet eng mit den kleinen Unternehmern in Oosterend zusammen. Zwölf Kilometer entfernt vom Hafen in Westterschelling setzen Betriebe wie der „Vakantiepark Tjermelan“, der Bauernhof „Puur Terschelling“ oder der Bioladen „de Zeekraal“ konsequent auf Ökotourismus beziehungsweise lokale organische Produkte.

Erste Anlaufstelle für Urlauber

Erste Anlaufstelle für Urlauber, die auf Terschelling mehr suchen als das Meer, ist der Ferienpark Tjermelan. 35 Bungalows und ein Haupthaus bieten Platz für Familien oder andere Gäste, die genau hierher kommen, um dem Himmel auf Erden – zumindest gefühlt – einmal näher zu kommen. „Dark Sky Park“ heißen diese Orte, es sind die dunkelsten der Erde. Etwa 40 gibt es weltweit, einer davon steht am hintersten Ende Terschellings: der Bosplats in den weiten Dünen von Oosterend. In klaren, wolkenlosen Nächten bietet sich hier eine spektakuläre Aussicht aufs Firmament, wie es sie in Europa sonst nur an zwei anderen Stellen gibt: in Belgien und Norwegen.

Der „Vakantiepark Tjermelan“ setzt das Thema Dunkelheit, sparsamen Umgang mit Licht und energiebewusstes Wohnen konsequent um. Die Ferienhäuschen haben alle Solardächer und die Laternen, die die kleinen Wege zwischen den Gebäuden säumen, sind extra mit grünen Leuchten ausgestattet, die wenig Licht abgeben und dieses sogar noch nach unten abstrahlt. Geführte Exkursionen führen die Gäste zum Boschplat, wo das unfassbare Sternespektakel inklusive faszinierender Nordlichter am intensivsten ist.

Etwa 200 Meter weiter sind Daniele und Anne Bierema zu Hause. Sie betreiben einen Pferdestall und haben von zwölf Jahren damit angefangen, für die Gäste auf Terschelling Planwagenfahrten anzubieten. „Dies ist ein Bauernhof, keine Manege“, betont Anne. Er, ja, Anne ist männlich und ein launiger Entertainer, der sein eigenes Reich liebt. Seine Friesländer stehen im Herbst und Winter in den Dünen, wo sie reichlich natürlichen Weidegrund finden.

Im November ist keine Saison

Jetzt, im November, ist keine Saison, da kümmert sich Anne Bierema eben um seinen Hof – und die nächsten Projekte. „Jedes Jahr etwas anderes“, betont er. Ein paar frische Garnelen oder Krabben gefällig? Dann fährt Anne Bierema mit den Urlaubern im Planwagen an den Strand, hinten dran ein Fischernetz, in dem sich die Schalentiere sammeln. „Die werden dann abends bei uns am Lagerfeuer gegessen“, verrät der Bauer mit dem Talent zur Show. Wer seinen Urlaub gleich hier verbringen will, muss entweder ein Zelt mitbringen oder kann das neue Apartment mieten. Ganz in Holz oder mit anderen Naturmaterialien ausgestattet, hat im Anbau des Bauernhauses eine vierköpfige Familie Platz – auf dem Vorplatz eine Holz-Sauna und wahlweise eine Infrarot-Sauna mit Glasdach für das „Dark Sky“ -Erlebnis inklusive.

Gehobene regionale beziehungsweise lokale Küche

Wenn dann der große Hunger kommt, können die Nachbarn Anuschka und Arno van Veen helfen. Sie führen das Restaurant „De Heeren van Der Schelling“, gehobene regionale beziehungsweise lokale Küche bestimmen die Speisekarte. Ihre Spezialitäten sind unter anderem die Kojente, die hier im Osten Terschellings aufgezogen wird. Wer nur zum Kaffee und Kuchen in die gemütliche Stube samt großzügiger Terrasse kommen möchte, muss unbedingt die selbst gemachte Cranberry-Torte probieren.

Ebenfalls nur ein paar Schritte weiter sind Jolanda und Gerben Bakker mit ihren plüschigen Freunden zu Hause. In der „Schapenboerderij de Zeekraal“ wird nach traditioneller ökologischer Weise Schafskäse hergestellt. Im November ist die Herde geschrumpft, etwa 80 Schafe kommen zweimal täglich an die Melkmaschine, im Sommer sind es bis zu 250, ehe sie über den Herbst und Winter kleine Lämmer machen. Josie und Raphaela legen nun Hand an, die beiden jungen Dresdnerinnen absolvieren auf der Schafsfarm ein zweimonatiges Praktikum. Nach dem Abi machen sie eine Europatour der etwas anderen Art.

Erst mit dem Flieger nach Norwegen

Erst ging es mit dem Flieger nach Norwegen, die Fahrräder im Sondergepäck. Von Oslo aus touren Josie und Raphaela nun innerhalb eines Jahres bis nach Frankreich, Oosterend auf Terschelling ist die dritte Station auf ihrer Reise über verschiedene Ökohöfe, auf denen sie gegen Kost und Logis arbeiten. Die „Schapenboerderij de Zeekraal“ bietet nicht nur verschiedene Schafskäsesorten, sondern auch Eis und verschiedene Kosmetikprodukte aus Schafsmilch. 25 Prozent der Erzeugnisse – darunter ein Schafskäse, der im „Bunker Tiger“ gereift ist! – werden hier vor Ort verkauft, der Rest wird exportiert, bis nach Berlin, London und sogar New York.

Das kleine Ökodorf Oosterend, so kommt es rum bis ans andere Ende der Welt.

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