Unterwegs in Zeeland, Teil 2

Eine Insel mit fünf Sternen

In Zeeland geht es immer dem Wellenrauschen nach. Hier erstreckt sich im Hintergrund die Zeelandbrug von Noord-Beveland zur Nachbarinsel Schouwen-Duiveland.

In Zeeland geht es immer dem Wellenrauschen nach. Hier erstreckt sich im Hintergrund die Zeelandbrug von Noord-Beveland zur Nachbarinsel Schouwen-Duiveland.

Foto: Maike Schober

Noord-Beveland.  Im zweiten Teil unserer Entdeckungsreise in Zeeland sind wir auf Noord-Beveland unterwegs – immer fest im Sattel.

Von oben betrachtet liegt Zeeland nicht am, sondern im Meer. Bei der Wettervorhersage der Tagesschau ist die Provinz immer sofort zu erkennen. Ihre (Halb-)Inseln ragen spitz in die Nordsee hinein. Umgekehrt könnte man auch sagen, dass die See sich Wege ins Land gesucht hat. Mehrere Wasserarme leuchten tiefblau auf dem Fernsehbildschirm. Mittendrin: Noord-Beveland. Die Insel – eingerahmt von Oosterschelde und Veerse Meer – ist die Kulisse für meine erste Fahrradtour auf zeeländischem Boden. Von Kortgene im Süden fahre ich bis zum Sturmflutwehr im Nordwesten und zurück.

Im Juli 2019 wurde die Region von der Landelijke Fietsplatform, vergleichbar mit dem ADFC, zum wiederholten Male mit Bestnoten ausgezeichnet. Neben Zeeland durfte sich in diesem Jahr nur Friesland über das Prädikat „5 Sterne-Fahrradprovinz“ freuen. Von zwei zentralen Pluspunkten darf ich auch gleich profitieren: Ein ausgeklügeltes Radwegenetzwerk und ausgewiesene, besonders schöne Stellen für Pausen.

„Im Grunde ist es ganz einfach“, erklärt der Fahrradverleiher in Kortgene und faltet meine große Fahrradkarte auseinander. Er zeigt auf einen Weg, der am Veerse Meer entlangführt. „Hier siehst du überall nummerierte Knotenpunkte. Die gleichen wirst du auch an den Fahrradwegen finden. Schreib dir einfach die Zahlen deiner Route auf und fahre den passenden Schildern nach.“ Was wie eine knifflige Schnitzeljagd klingt, stellt sich tatschlich als kinderleicht heraus. Ich kann den Zahlentafeln folgen, Kreuzung für Kreuzung, ohne ständig Karte oder Smartphone aus dem Rucksack zu holen.

Von Punkt zu Punkt

Ein ganzes Stück lang bin ich direkt am Ufer unterwegs. Ich versuche, mit den Segelbooten um die Wette zu fahren, doch trotz Rückenwind und E-Bike bin ich natürlich chancenlos. Deshalb trete ich lieber leichter in die Pedale und genieße die Sicht auf Wasser und Deich. Kurz vor Kamperland geht der schnurgerade Radweg in eine Rechtskurve über. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zu meinem ersten Zwischenstopp.

Statt einer Zahl steht nun „Fietscafé“ auf dem Schild – der Hinweis auf einen Ort, an dem hungrige Radfahrer willkommen sind. Trotzdem stutze ich kurz, denn vor mir steht eine kleine Kirche. Im Vorraum stapeln sich einige Ausgaben des „Amabelse Bode“; eine Zeitung, die sich bei genauerem Hinsehen als Speisekarte entpuppt. Ich trete ein und staune: Das ehemalige Gotteshaus wurde zu einer Gaststätte umgebaut. Wo einst Kirchenbänke standen, ist jetzt die Bar. Was für ein Ambiente für ein Stück Apfelkuchen!

Etwa 200 Meter neben der Brasserie Amable hat Carola Klop ihren Laden. Sie feiert ihr zehnjähriges Jubiläum und reicht mir eine ihrer Spezialitäten über die Theke: Eine Muschel aus Schokolade, gefüllt mit Karamell und Meersalz. „Dafür kommen viele Kunden immer wieder hierher. Sogar, wenn sie in einem ganz anderen Teil der Region Urlaub machen“, sagt sie stolz.

In ihrem klitzekleinen, nostalgisch eingerichteten Chocoladewinkel Nr. 15 stellt ein Chocolatier alles selbst her. Bis unter die Decke reichen die Regale mit den süßen Souvenirs. Pralinen, Trüffel, Lutscher oder ein „Noord Bevelandertje“ in der Form der Insel: Bevor ich den Rest des Tages mit köstlichem, aber schwerem Gepäck unterwegs bin, schaue ich lieber auf meinen Zettel mit den nächsten Knotenpunkten, denen ich noch folgen will.

Raststätte für Strandläufer

Ich radle zurück zum Veerse Meer-Ufer und komme nach einigen Kilometern am Strand De Banjaard aus. Ab hier führt der Fahrradweg auf der Düne entlang. Die Aussicht könnte „zeeländischer“ nicht sein: Wehendes Seegras, ein unendlicher Streifen heller Sand und dahinter die Nordsee. Immer wieder führen kleine Sandwege hinunter zum Strand. Einen davon suche ich mir aus, um mich zu den Spaziergängern zu gesellen, die von hier oben nur kleine, bunte Punkte sind. Wie ich dieses Gefühl vermisst habe … mit Sand unter den Füßen in die Ferne gucken. Allein für diese Pause würde auch ich Zeeland zur Sterne-Fahrradregion erklären.

Rechts am Horizont glitzert das Sturmflutwehr in der Sonne. Die imposante Anlage reicht bis zur neun Kilometer entfernten Nachbarinsel Schouwen-Duiveland und besteht zum Teil aus Deich, zum Teil aus Betonpfeilern und Tafelschützen, die bei drohendem Hochwasser geschlossen werden. Ringsum ragen mehrere Windräder in den Himmel. Unmittelbar neben einem dieser weißen Riesen liegt die letzte Station meiner Etappe: Die Seafarm.

Wie der Name vermuten lässt, fischt und exportiert das Unternehmen verschiedenste Meeresfrüchte. Außerdem wird hier Steinbutt gezüchtet. Mein Ziel ist das angeschlossene, frisch umgebaute Restaurant. Panoramafenster geben den Blick auf die Oosterschelde frei. Auf der Karte findet sich die Nordsee in allen Variationen. Wer mag, kann hier sein Essen sogar direkt in einem der Wasserbecken aussuchen. Ich entscheide mich für eine Bouillabaisse: sehr schmackhaft und genau das richtige bevor es wieder raus in den Wind geht.

Der Rückweg nach Kortgene führt mich mehrere Kilometer an der Oosterschelde entlang und dann quer durch das Inselinnere. Insgesamt lege ich an diesem Tag gut 40 Kilometer zurück. Trotz E-Bike bin ich froh, als ich in Kortgene den Schlüssel für mein Nachtquartier entgegennehme. Ich freue mich auf einen ruhigen Abend im Ferienpark De Paardekreek, direkt neben dem Jachthafen. Dort beziehe ich ein Ferienhaus, das an einem idyllischen Wasserlauf liegt. Von der Holzterrasse aus kann ich meine Füße ins kühle Nass baumeln lassen. Theoretisch hätten in der großzügigen Unterkunft sechs Personen Platz – beim nächsten Mal bringe ich meine Freunde mit. Im Wohnzimmer liegt ein Gastgeschenk, das in den Rucksack wandert und mich an dieses Vorhaben erinnern wird: Ein Päckchen Pfannkuchenmehl aus der Mühle im Ort.

Weitere Infos zur Region auf www.vvvzeeland.nl/de.

Zeeland-Wissen: Es gibt sechs (Halb-)Inseln, die mit Brücken, Tunneln und Fähren verbunden sind und alle zur „5 Sterne-Fahrradprovinz“ Zeeland gehören: Noord-Beveland, Zuid-Beveland, Walcheren, Tholen, Schouwen-Duiveland und Sint Philipsland. Außerdem zählt mit Zeeuws-Vlaanderen ein Stückchen Festland dazu.

Zum Nachradeln: Die Noord-Beveland-Route unserer Redakteurin umfasste folgende Fahrrad-Knotenpunkte: 23 (findet sich in Kortgene an der Kreuzung Kaaidijk/Kaaioprit/Torendik) – 28 – 10 – 18 – 19 (Brasserie Amable und Schoko-Lädchen) – 18 – 17 – 01 – 02 – 03 – 04 – 05 (Seafarm) – 13 – 25 – 21 – 20 – 23.

Wer schreibt denn da? Maike Schober

liebt es, neue Orte zu entdecken. Regelmäßig packt sie das Fernweh. Dann findet man sie in Südeuropa, Südamerika oder Neuseeland. Aber auch Holland hat einen festen Platz in ihrem Reise-Kalender. Für die NRZ hat sie die Provinz im Südwesten des Landes genauer unter die Lupe genommen. Auf ihrem viertägigen Roadtrip tauscht sie ihr Auto – wie sollte es in den Niederlanden anders sein? – auch mal gegen das Fahrrad.

Adressen / Webseiten: Brasserie Amable: Veerweg 76, 4493 AT Kamperland, www.amablekamperland.nl/; Chocoladewinkel Nr. 15: Veerweg 15, 4493 AL Kamperland, http://chocoladewinkelnr15.nl/willkommen-im-schokoladen-laden-nr-15; Seafarm: Jacobahaven 4, 4493 ML Kamperland, www.seafarm.nl; Ferienpark De Paardekreek: Havenweg 1, 4484 NT Kortgene, https://paardekreek.ardoer.com/de

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