Kriegsveteran erinnert sich

Soldaten, die auf Ziegen starren

Fallschirmspringer landen in der Ginkeler Heide bei Ede. So war es am 17. September 1944. Heute findet die Veranstaltung jährlich in Erinnerung an die Operation Market Garden statt

Fallschirmspringer landen in der Ginkeler Heide bei Ede. So war es am 17. September 1944. Heute findet die Veranstaltung jährlich in Erinnerung an die Operation Market Garden statt

Foto: Heiko Buschmann

Ede/Arnheim/Oosterbeek.   Als vor 74 Jahren britische Fallschirmjäger bei Arnheim landen, hoffen die Niederländer auf die Befreiung von den Deutschen. Es kommt anders...

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„Deutsche kriegen hier keinen Kaffee!“ Willkommen in Hartenstein: Vor fast einem Dreivierteljahrhundert war die Villa in Oosterbeek das Hauptquartier der britischen Division im Kampf gegen die deutschen Besatzer der Niederlande. Heute hält hier das Airborne-Museum die Erinnerungen an die Schlacht von Arnheim wach.

Der Mann, der dem Besucher von jenseits der Grenze anscheinend nicht das Schwarze in der Bohne gönnt, grinst – er meint den Spruch nicht ernst. Lang ist es her, seit Hitlers Truppen hier einmarschierten. Natürlich sind die Gräueltaten von damals nicht vergessen, aber längst haben ja Niederländer und Deutsche ihren Frieden mit sich gemacht.

Auf den Spuren der Liberation Route

Die Zeitzeugen, die im zweiten Weltkrieg für den Frieden kämpften, sterben langsam aus, nur noch die wenigsten können ihren Nachfahren persönlich von damals erzählen.

Damit sich aber auch die dritte und vierte Generation dafür interessieren, sind Veranstaltungen wie diese am vorigen Wochenende so wichtig: ein Konzert an der berühmten Brücke von Arnheim und vor allem die jährlichen Fallschirmsprünge von Nato-Soldaten in der Ginkeler Heide bei Ede.

In dem weitläufigen Gebiet etwa 20 Kilometer nordwestlich von Arnheim landen am 17. und 18. September 1944 tausende britische Fallschirmjäger. Einer von ihnen ist Les Fuller. „Ich bin 1938 in die Armee eingetreten. Als der Krieg begann, war ich zunächst im Nachschub eingesetzt, aber dann kam der Befehl nach Holland zu fliegen“, erinnert sich der 96-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung. Er gehört zur ersten Fallschirmspringer-Brigade der British 1st Airborne Division. „Wissen Sie, was ich als erstes gesehen habe, als wir in hier gelandet sind? Eine Ziegenherde!“, sagt der Kriegsveteran und lacht.

Dass die Operation Market Garden trotz des massiven Einsatzes von US-amerikanischen, englischen, kanadischen und polnischen Boden- und Landetruppen kein Erfolg wird, hat viele Gründe. Die Alliierten unterschätzen die deutsche Gegenwehr, ihre Kommunikation ist gestört, weil Funkgeräte und Radiotransmittoren nicht funktionieren. Schon die Vorbereitung ihrer Angriffe auf die Stellungen der Nazis ist der Bedeutung der Mission vollkommen ungenügend. Die Polen unter dem Kommando von Major General Stanislaw Sosabowski springen in Driel ab, etwa vier Kilometer südwestlich von Arnheim. Das nur mit einer kleinen Einheit von etwas mehr als 50 Soldaten, das zweite Bataillon findet den Ort erst gar nicht. Später, als die Schlacht von Arnheim historisch aufgearbeitet wird, gilt allerdings der englische Oberbefehlshaber Bernard Montgomery wegen seiner schlechten Planung und seiner die Wehrfähigkeit des Gegners unterschätzende Kriegsführung als Urheber für die letzte Niederlage gegen die Deutschen. „Wir dachten, es sind acht bis neun Meilen bis Arnheim“, berichtet Les Fuller und fügt an: „Dabei waren es mindestens 15!“

Noch vor dem Morgengrauen des 18. September 1944 rücken die Engländer nach Arnheim vor. In den folgenden Tagen gewinnen sie Gefechte und Boden, doch ihr Ziel – die Eroberung der Rheinbrücke, um den strategisch wichtigen Weg über den Niederrhein in die deutschen Waffenschmieden im Ruhrgebiet frei zu machen – erreichen sie letztlich nicht.

Les Fuller verliert während der Kämpfe unzählige Kameraden – und seinen rechten Arm. „Da war plötzlich neben mir eine verdammt laute Explosion. das Klingeln in meinem Ohr habe ich noch ewig gehört“, erzählt er. Hauptsache überleben, lautet in den Stunden danach die Devise. Wer ihn aus dem Kriegsgetümmel in Arnheim rettet? „Ein deutscher Militärarzt“, verrät Les Fuller.

Erst gut ein halbes Jahr später wird die Niederlande dann tatsächlich von den deutschen Besatzern befreit und ist der Krieg zu Ende – die Erinnerungen an damals aber müssen sorgsam bewahrt werden.

Flüchtlinge willkommen!

Die Einwohner Arnheims haben aus ihrer eigenen Geschichte eine besondere Beziehung zu Flüchtlingen. Als die Deutschen im September 1944 die Schlacht um Arnheim gewinnen, muss die Bevölkerung die Stadt in zwei Tagen verlassen.

Auf der Suche nach Verwandten wandern die Arnheimer vor allem in nördlicher und westlicher Richtung aus, ehe sie nach Ende des zweiten Weltkriegs nach Hause, aber in eine völlig zerstörte Stadt zurückkehren können.

Als im Jahr 2015 hunderttausende Flüchtlinge aus Kriegsgebieten wie Syrien auch in der Niederlande um Asyl ersuchen, werden sie in Arnheim besonders willkommen aufgenommen.

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