Strukturwandel

Niederländisches Tilburg: Das beste Vorbild fürs Ruhrgebiet

Die beeindruckende LocHal in Tilburg war früher einmal eine riesige Eisenbahnwagoon-Werkstatt.

Die beeindruckende LocHal in Tilburg war früher einmal eine riesige Eisenbahnwagoon-Werkstatt.

Foto: ossip / architectuurfotografie

Tilburg.  Tilburg in der Region Brabant: Wer die Stadt nicht kennt, wird nicht darauf kommen, dass sich hier ein spektakulärer Strukturwandel vollzieht.

Riesige Industriehallen, die niemand mehr braucht. Weite Flächen, auf denen das Unkraut den ewigen Wettlauf mit dem Verfall der umherstehenden Gebäude – wie immer – gewinnt. Die Menschen, die hier früher Arbeit fanden und im besten Fall sogar einen Sinn des Lebens darin: nicht zu sehen, sind weggezogen oder warten zu Hause darauf, dass alles irgendwann mal besser wird.

Kommt einem das bekannt vor, etwa aus dem Ruhrgebiet? In Tilburg haben sie ähnlich schwierige Zeiten mitgemacht – und dann ihr Schicksal in die Hand genommen und es, wie so häufig bei den Niederländern, besser gemacht.

Rund um den Hauptbahnhof der fast 220.000 Einwohner zählenden Stadt in Nordbrabant, verläuft die Spoorzone. Das ist nicht etwa ein gesperrter Bereich, sondern Spoor heißt übersetzt Spur oder Gleis und meint eben die Gegend am Bahnhof. 150 Jahre ist es her, als hier hart am Zug gearbeitet wurde.

Tilburg, günstig mitten zwischen Amsterdam und Utrecht im Norden sowie Belgien im Süden gelegen, wurde zum wichtigen Standort für die staatliche Eisenbahngesellschaft NS – und zwar vor allem für die Wartung und Reparatur von Lokomotiven und Waggons.

Heute erzählt die LocHal eine ganz andere spannende Geschichte. In dem großartig restaurierten Industriekomplex ist die Bibliothek untergebracht. Wer das Gebäude in der Burgemeester Brokxlaan betritt, wird von einer fast sakralen Atmosphäre wie in einer Kirche erfasst. Die Höhe und Weite des Raumes lässt die frühere Nutzung nur noch erahnen, denn schon das Café im Eingangsbereich mit seiner aufgeräumt-modernen Gestaltung lädt bei einem Koffie verkeerd met Apeltaart dazu ein, das postindustrielle Zeitalter zu genießen.

Über eine gewaltige Treppe geht es auf die obere Ebene, die einen beeindruckenden Blick über das gesamte Gebäude erlaubt. Zwischen aufgeräumten Regalen mit Büchern und anderen Medien sitzen Menschen, die unangestrengt lesen und wünscht man sich, es möge zu Hause nur eine Bibliothek oder Bücherei existieren, die auch nur annähernd eine solche Faszination ausstrahlt wie die LocHal in Tilburg.

Tilburgs hat mehrere Vorzeigeprojekte

Die riesige Halle kann übrigens für Veranstaltungen abgetrennt werden. Dann lässt man einfach die Vorhänge runter, und das sind nicht irgendwelche riesigen Lappen, sondern von Studenten der örtlichen Uni entworfene textilen Kunstwerke mit schalldämpfenden Eigenschaften. Tilburg war früher nämlich auch ein bedeutender Standort der Textilindustrie, nachdem man ab ca. 1600 die Wolle der vielen hier gehaltenen Schafe in Manufakturen und später eben in Fabriken zu verarbeiten.

Anekdote am Rande: In der vormaschinellen Zeit wurde für den Produktionsvorgang menschlicher Urin benötigt, daher mussten die Tilburger Arbeiter ihren Harn in Krügen mit zur Maloche nehmen, was ihnen den unrühmlichen Spitznamen „Kruikenzeikers“ („Krugpisser“) einbrachte.

Lang ist’s her. Inzwischen geht hier von der Umwandlung ehemaliger industrieller Komplexe in eine zeitgemäße Nutzung ein ordentlicher Strahl aus. Das Gelände ist ein inspirierender Ort für Künstler, Genießer, Sportler und – wie früher – die arbeitende Bevölkerung. Neben der LocHal als Vorzeigeobjekt befinden sich coole Büros, hippe Cafés und Bars sowie unter anderem den „Ladybird Skaterpark“ in der so genannten „Hall of Fame“.

Tilburg gilt als das Rotterdam des Südens

Weil Stillstand in der Regel Rückschritt ist, ruhen sich Tilburgs Städteplaner nicht auf dem bisher erreichten aus. Wer heute die Spoorzone besucht, wird sicher mindestens überrascht, wenn nicht sogar von dem so kreativ entwickelten Quartier begeistert sein. Wer aber in fünf oder zehn Jahren wiederkommt, dürfte vieles von dem, was er jetzt gesehen hat, gar nicht mehr wiedererkennen. Bis zum Jahr 2028 reicht der Masterplan der Gemeinde, in ihm gehen moderne Wohngebäude wie die „Clarissentoren“ mit grüner Flächenentwicklung im kleinen Theresienpark eine weitsichtige Strategie ein.

Kein Wunder, dass Tilburg von Kennern jetzt schon das „Rotterdam der südlichen Niederlande“ genannt wird. Deutsche Städteplaner, vor allem aus dem Ruhrgebiet, sollten sich schnell mal eine Bildungsreise hierher gönnen. Tilburg macht es vor, wie man den Anschluss nicht verpasst, wenn die alte Nutzung direkt am Gleis nicht mehr benötigt wird.

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