Unterwegs in Zeeland

Wo man die Nordsee fühlt und schmeckt

Am Kai entlang flanieren oder einsteigen und losschippern_Zu einem Nachmittag in Goes gehört in jedem Fall der Blick aufs Wasser.

Am Kai entlang flanieren oder einsteigen und losschippern_Zu einem Nachmittag in Goes gehört in jedem Fall der Blick aufs Wasser.

Foto: Maike Schober

Zeeland.  In einer vierteiligen Serie berichten wir über die Region Zeeland. Teil 1 zeigt eine Stadt wie aus dem Holland-Bilderbuch...

Es dauert seine Zeit, bis das wohl berühmteste zeeländische Produkt reif für die „Ernte“ ist. Gut zwei Jahre braucht eine Miesmuschel, um heranzuwachsen. Doch das Schalentier ist so beliebt, dass in niederländischen Gewässern seit dem 19. Jahrhundert danach gefischt wird. Ich bin in Yerseke, dem Miesmuschel-Hotspot Nordwest-Europas. In dem hübschen Fischerort an der Oosterschelde reiht sich ein Familienbetrieb an den nächsten.

Etwa 90 Millionen Kilo Miesmuscheln werden hier jährlich verarbeitet und versteigert. Über eine Muschel-Auktion am Hafen – übrigens die Einzige weltweit – gelangt die Delikatesse in den Handel. Besucher wie ich können zwischen den bunten Fischkuttern spazieren gehen und bis zur „Oesterij“ am Havendijk schlendern. Auf dem historischen Betriebsgelände lädt mich Gästeführer Jac Manders zu einer Reise in die Welt der Miesmuschelfischer ein.

Schwarzes Gold

„Gezüchtet wird im Wattenmeer und direkt vor unserer Haustür, in der Oosterschelde“, erklärt Manders während wir über eine lange Holzbrücke laufen. Die meisten Zuchtparzellen gibt es im Wattenmeer, lerne ich. Hier sorgen Ebbe und Flut für reichlich Nahrung. Es lauern aber auch Gefahren. Gefräßige Wattvögel, Krebse und Seesterne zum Beispiel. Und kräftige Stürme, bei denen Miesmuscheln verloren gehen. Das Sturmflutwehr bietet Schutz und macht den Muschelertrag in der Oosterschelde vorhersehbarer. In Yerseke landen Miesmuscheln aus Wattenmeer und Oosterschelde, einem insgesamt etwa 7000 Hektar großen Gebiet.

An Land werden die randvollen Kisten der Fischer einer strengen Qualitätskontrolle unterzogen. In einem als Ausstellungsraum hergerichteten Schuppen zeigt Manders mir, welchen Prozess die wertvolle Fracht durchläuft. Gegenüber liegt die „Proeverij“, wo viele Urlauber sich zur Kostprobe eingefunden haben. Den Miesmuschel-Topf, den der Koch stolz vor mir abstellt, betrachte ich nach diesem Vormittag mit anderen Augen. Ein Gaumenschmaus, in dem Tradition und zeeländische Leidenschaft steckt.

Wer die „Oesterij“ besucht, kann übrigens nicht nur der Muschelfischerei auf den Grund gehen. Schautafeln informieren auch über verschiedene Austernarten, die hier seit Ende des 19. Jahrhunderts gezüchtet und heute mit einem Spritzer Zitrone serviert werden. Den Start der neuen Austern-Saison feiert der Betrieb alljährlich mit einem Food-Festival – in diesem Jahr vom 20. bis 22. September. Köche bereiten die salzigen Schätze dann an kleinen Ständen auf unterschiedliche Art zu.

Von Yerseke aus zieht es mich weiter westlich, ins etwa 14 Kilometer entfernte Goes. Die Stadt ist über einen Kanal mit der Oosterschelde verbunden und wurde einst reich durch Salzgewinnung und den Handel mit Fisch. Am historischen Hafen schaukeln heute kleine Jachten und Segelboote im Wasser. „Manchmal gesellt sich eine Bühne hinzu, auf der Konzerte stattfinden“, erzählt Stadtführer Alan Cartlegde, mit dem ich hier verabredet bin. „In Goes stehen um die 220 Gebäude unter Denkmalschutz.

Die werden wir heute nicht alle schaffen“, sagt er augenzwinkernd mit Blick auf meine Kamera. Die glüht, so viel möchte ich von der besonderen Atmosphäre für zuhause einfangen. Links und rechts alte Backsteinhäuser, Stufengiebel, Innenhöfe mit Cafétischen. Plötzlich stehen wir auf dem zentralen Marktplatz und lauschen dem Glockenspiel, das vom Rathausturm zu uns herüberweht. Direkt dahinter ragt die imposante Grote Kerk empor. Die Straße zu ihrem Eingang wird von kleinen Boutiquen und Blumengeschäften gesäumt. Besonders ausgefallene Lädchen finden sich im schmalen Papegaaistraatje. Passend zum Namen baumeln hier dekorative Vogelkäfige über den Fußgängern.

100 % Cotton

Unser Rundgang endet am Rande des historischen Kerns auf dem sogenannten Bleekveld. „Dieser Platz heißt so, weil die Bewohner hier früher ihre Wäsche zum Trocknen auf das Gras gelegt haben“, weiß Cartledge. Und damit erklärt sich auch der Name des Hotels Katoen (zu Deutsch „Baumwolle“), das genau hier auf mich wartet.

In dem denkmalgeschützten Gebäude gibt es 23 Zimmer, die alle unterschiedlich eingerichtet sind. Über einen Holzweg zwischen den Dächern gelange ich zu meinem. Dort steht überaus einladend ein weiches Bett, doch zum Abendessen zieht es mich noch einmal hinaus, in die hauseigene Brasserie Katoen. Dort lasse ich gerne wieder die Nordsee auf meinen Teller. Es gibt Fisch mit knackig frischen Quellern – noch so eine salzige Köstlichkeit, um die man in Zeeland nicht herum kommt.

Weitere Infos: Oesterij, Havendijk 12, 4401 NS Yerseke, www.oesterij.nl/de; Hotel & Brasserie Katoen, Bleekveld 9, 4461 DD Goes, www.katoengoes.nl. Viele zusätzliche Infos zur Region zur Region auf
www.vvvzeeland.nl/de.

Essen wie ein Zeeländer: Muschel-Paella oder -Pizza, Muscheln vom Grill oder hochprozentig mit Pastis: Zeelands Köche erfinden immer wieder neue Zubereitungsarten für die populären Schalentiere. Traditionell gehören in einen zeeländischen Miesmuschel-Topf aber nur wenige Zutaten. Zwiebeln, Knollensellerie, Lauch, Lorbeerblätter, Butter und ein Schuss Weißwein: Smakelijk eten!

Ein Tipp vom Stadtführer: Kein Goes-Besuch ohne ein Bier im „Slot Oostende“! Zwischen dicken Backsteinmauern und Braukesseln würde man sich nicht wundern, wenn gleich ein paar Ritter zur Tür hereinkämen. Die Brauerei mit angeschlossenem Restaurant liegt im Zentrum von Goes. Wer mag, kann hier auch an einer Führung teilnehmen und mehr über den Gerstensaft und die Geschichte des Hauses erfahren.

Unterwegs in Hollands Süden: Wasser soweit das Auge reicht. 650 Kilometer Küste mit unberührten Dünen und Stränden, die zu den schönsten der Niederlande gehören. Und nicht zuletzt lebendige Städte und eine reich gefüllte Vorratskammer mit kulinarischen Köstlichkeiten. Das alles ist Zeeland. Maike Schober macht einen Roadtrip durch die Provinz, immer dem Meeresrauschen nach. In den nächsten Wochen berichtet sie hier von ihren Erlebnissen.

Adressen / Webseiten: Oesterij: Havendijk 12, 4401 NS Yerseke, www.oesterij.nl/de; Hotel & Brasserie Katoen: Bleekveld 9, 4461 DD Goes, www.katoengoes.nl.

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