Ausstellung

Wohl und Wehe einer Luxus-Dame aus dem Mittelalter

In Nijmegen im Museum het Valkhof können die kostbar ausgemalten Buchseiten unter Glas mit Lupen genau studiert werden. Im Hintergrund die vergrößerte Buchseite, die Maria von Geldern als Herzogin im Garten zeigt.

In Nijmegen im Museum het Valkhof können die kostbar ausgemalten Buchseiten unter Glas mit Lupen genau studiert werden. Im Hintergrund die vergrößerte Buchseite, die Maria von Geldern als Herzogin im Garten zeigt.

Nimwegen.   Prachtvolles Hofleben, kostbar verzierte Gebete: In Nimwegen blättert das Museum Het Valkhof Gebetbuch und Leben der Maria von Geldern auf

Marie d’Harcourt wird 1380 als Nichte des französischen Königs in höchste Adelkreise hineingeboren, dessen Hof galt um 1400 herum als das kulturelle Zentrum Europas. Als Marie 25 Jahre später heiratet, damit Frankreich seinen Einfluss immer weiter nach Westen ausdehnen kann, wird aus ihr Maria von Geldern und Jülich, Gräfin von Zutphen. Ihr Mann Rainald IV. herrscht über ein Herzogtum, das von Arnheim im Norden bis hinunter nach Bad Münstereifel reicht, Venlo, Roermond und Jülich gehören auch dazu, ebenso wie der halbe Niederrhein und das Quartier Nimwegen, das fast bis an die Nordsee reicht.

Ein Raufbold und Turnierritter

Damit dieses Jülich-Geldern an den französischen Hof gebunden wird, spendiert der König der Braut eine Mitgift, die nach heutigem Wert rund 70 Millionen Euro beträgt. Rainald VI. kann das Geld gut gebrauchen. Als zweiter Sohn der Familie war er für das Amt gar nicht erzogen, nicht ausgebildet worden. Doch sein regierender Bruder Wilhelm, ein echter Raufbold und Turnierritter, der gleich vier Kreuzzüge mitgemacht hatte, starb früh und hinterließ einen Berg von Schulden. Zumal er aufwändige Luxushobbys pflegte wie die Haltung eines echten Löwen in seinem Garten bei Rosendael.

Auch Rainald IV. war kein Kind von Traurigkeit. Er allerdings hatte es mehr mit der Pferdezucht und schönen Frauen, mit Wein und Würfelspiel, bei dem er mitunter auch ein ganzes Schloss verzockte. Herrscher wie Rainald, der ständig im Sattel saß und selten irgendwo länger als eine Woche blieb, mussten auch am Ende des Mittelalters noch herumreisen, um immer wieder ihre Macht abzusichern, zumal die Bürger in den Städten mehr und mehr mitreden wollten. Maria wiederum muss man sich als kapriziöse Dame vorstellen, die Luxus und Verschwendung als normal ansah und sich ständig von einem Hof-Tross von 30 bis 40 Frauen und Männern bedienen ließ.

Rainald IV. und Maria von Geldern waren ein ganz normales Herrscherpaar ihrer Zeit, und deshalb würde sich heute niemand mehr für sie interessieren – hätte nicht eines Tages Maria ein Gebetbuch in Auftrag gegeben. Das über 1200 Pergamentblätter starke, von Mönchshand geschriebene und kostbar illustrierte („illuminierte“) Buch, das ganz im Stil der legendären Stundenbücher des Duc du Berry gehalten ist, wurde 1415 einen Tag vor Marias 35. Geburtstag fertig. Lauter Gebete für jeden Tag, abgefasst auf Ripuarisch, einen Dialekt, der von Köln bis zum Niederrhein verbreitet war und den Maria sehr bald nach ihrer Hochzeit neben ihrer französischen Muttersprache beherrschte.

Das Buch zählt heute zu den größten Kostbarkeiten der Berliner Staatsbibliothek. Auf der Kassette, in der die Blätter lagern, prangt ein dicker Aufkleber: „Für die Benutzung gesperrt!“ Die Gefahr, dass die Seiten Schaden nehmen, für immer zerfallen, ist einfach zu groß. Das heißt: Sie war es.

Jahreseinkommen: 23 Millionen Euro

Denn Mittelalter-Forscher wie der Literaturprofessor Johan Oosterman von der Radboud-Universität in Nimwegen dürfen sich immer noch zu wissenschaftlichen Zwecken über die mehr gemalten als geschriebenen, reich verzierten Buchstaben beugen. Oosterman, der sich vor einigen Jahren beim Anblick der einzigartigen Seiten schockverliebte in das Buch, gelang es, durch Spendensammeln (unter anderem bei der Ernst-von-Siemens-Stiftung, aber auch bei Privatleuten), Geld für eine Restaurierung zusammenzubekommen.

Und so sind nun in der Ausstellung „Ich, Maria von Geldern“, die das Museum Het Valkhof gemeinsam mit der Radboud-Universität eingerichtet hat, zwanzig der kostbaren, inzwischen restaurierten der Seiten zu betrachten. Lupen liegen in dem abgedunkelten Raum bereit – und die Ausstellung drumherum erweckt mit sorgfältig ausgewählten knapp 100 Gegenständen ein eindringliches, gut nachvollziehbares Bild der Zeit.

Das reicht von der Steinzeug-Kanne (aus Siegburg), die für Marias Hof Einweg-Geschirr war und zu Hunderten nach den Gelagen einfach in die Grachten geworfen wurden, bis zu ihrem Hochzeitsvertrag mit Rainald IV. (der ihr ein Jahreseinkommen von umgerechnet 23 Millionen Euro garantierte), vom gigantischen Kronleuchter der Kirche von Zutphen bis zu den Papageienkäfigen und einer nachgeschneiderten „Houppelande“-Überkleid, wie Maria es auf einem der größten Bilder des Buches trägt.

Denn das Besondere des Buches liegt darin, dass sich die stolze Regentin darin in voller Pracht hat malen lassen – ein Ausdruck ihres nicht eben kleinen Selbstvertrauens. Deshalb haben sich die Mittelalter-Forscher auch von der Vermutung verabschiedet, die kinderlos gebliebene Maria habe mit dem Buch doch noch Nachwuchs herbeiflehen wollen.

an Oosterman glaubt inzwischen, dass sich Maria mit den Gebeten entweder vom Schicksal ihrer Kinderlosigkeit ablenken wollte – oder sich schon voll und ganz auf die Rettung ihres Seelenheils (und das ihres Mannes) konzentrieren wollte.

Der stirbt übrigens lange vor ihr, Maria heiratet dann an ihrem 46. Geburtstag in Köln auf Vermittlung des Erzbischofs Dietrich von Moers den 20-Jährigen Ruprecht von Berg – aus politischen Gründen. Dann verliert die Geschichte Maria aus den Augen. Man weiß nur noch, dass sie Ende 1428 starb oder Anfang 1429. Wo ihr Grab liegt, ist bis heute ein Rätsel.

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