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Grugahalle: Ein Schmetterlingsbau beflügelt die Generationen

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Die Grugahalle im Jahr 1983.

Die Grugahalle im Jahr 1983.

Foto: Marga Kingler-Busshoff / WAZ FotoPool

Essen.  Im Herbst 1958 wurde in Essen die Grugahalle eröffnet. Legendäre Konzerte prägten ihren Ruf – heute hat sie ihre Spitzen-Stellung verloren.

Auf dem Reißbrett war sie schon mal weg, abgerissen, einfach so. Ein Architekturbüro ausgerechnet aus Essen war so frei, stutzte dem Schmetterlingsbau erst seine markanten Tribünen-Flügel und machte ihn dann dem Erdboden gleich – tabula rasa, um damit mehr Platz für einen kühnen Entwurf zum Messe-Neubau nebenan zu gewinnen.

In der Stadtspitze, so wird erzählt, hatte man für diese Freveltat nur ein verständnisloses Kopfschütteln übrig. Und vom damaligen Stadtdirektor ist die Warnung überliefert, er höchstpersönlich werde das Bürgerbegehren anzetteln, sollte da irgendjemand der Grugahalle an die Grundpfeiler gehen.

Denn die Grugahalle ist Kult, eine echte Institution, seit hier kurz nach der Eröffnung im Frühherbst 1958 die Kometen einschlugen: „Gruga-Halle steht noch!“ – so beruhigte NRZ-Redakteur Günter Streich augenzwinkernd die Leserschar am Tag nach jenem Konzert, mit dem Bill Haley und seine Comets den Rock’n’Roll nach Essen brachten. Bei Lichte besehen war zwar nur eine Glastür und, nun ja, allerlei Gestühl zu Bruch gegangen.

Nichts prägte den Ruf der Grugahalle so wie die Konzerte

Aber das ist womöglich den 300 Polizisten zu verdanken, die eine Veranstaltung sicherten, bei der doch tatsächlich „erst einige und dann viele Paare versuchten, in den Gängen zu tanzen und zum Podium vorzudringen“. Unerhört! Dabei musste man sich um die Standhaftigkeit der Flügel-Konstruktion mit ihren 72 Metern Spannbreite noch nie Sorgen machen, im Gegenteil: Gerade weil Bauarbeiter im Umfeld auf fließsandgefährdete Bodenschichten gestoßen waren, ging die Stadt einst auf Nummer sicher und nutzte die Fundamente der im Krieg zerstörten Messe- und Kongresshalle von 1926/27 als Baugrund.

Die beiden Tribünen, die die Architekten Ernst Friedrich Brockmann und Gerd Lichtenhahn eher als Notlösung aus dem Sockelgeschoss sprießen ließen – 26 Meter hoch im Norden, 15 Meter im Süden – sie bescherten der Halle jene Optik, die sich keiner mehr aus dem Stadtbild wegdenken mag. Zum Denkmal wurde die Grugahalle erst im Jahr 2000, ihren Ruf wie Donnerhall erarbeitete sie sich aber in den über vier Jahrzehnten davor: als Multitalent für alles, was eine Bühne braucht und ein großes Publikum sucht.

Der Moskauer Staatszirkus und der 3-D-Kinofilm „Windjammer“, Boxkämpfe und Tennis-Turniere, das berühmte Sechs-Tage-(Rad-)Rennen und Kleinwagen-Flitzer unterm Hallendach, dazu Politisches von Willy Brandt zum 1. Mai und Erbauliches von der Christlichen Radio-Mission. Oder die Pillen-Proteste beim Katholikentag.

Die Grugahalle, sie vereint ganze Generationen zwischen Uschi Obermaier und Angela Merkel. Die eine traf hier 1968 als freizügiges Groupie bei den Essener Songtagen den Kommunarden Rainer Langhans und predigte die sexuelle Revolution. Die andere erklomm hier anno 2000 den Vorsitz der Bundes-CDU und wurde Bundeskanzlerin. Der Rest ist Geschichte, hier wie dort. Doch bei aller Vielfalt zwischen Schenkelklopfer-Comedy, Mallorca-Partys und den Hauptversammlungen großer Konzerne – nichts prägte den Ruf der Grugahalle so wie die Konzerte: Rüstige Rentner bekommen heute noch glasige Augen, wenn sie ihr Ticket für den Auftritt der Rolling Stones 1965 herzeigen.

Ein Jahr später kamen die Pilzköpfe zu zwei Kurz-Konzerten von nicht mal einer halben Stunde, bei denen die Halle zum Kreischsaal mutierte: Paul McCartney schwärmte hernach vom „fantastischen Publikum“ und verriet Endzeit-Visionen: „Wir dachten, jeden Augenblick explodiere der Schauplatz.“ Der Fotograf Robert Whitaker konservierte da andere Erinnerungen: Er fand das Publikum, zu dem übrigens auch Marius Müller-Westernhagen gehörte, „rüpelhafter als gewöhnlich“.

Schmetterlingsbau beflügelt die Erinnerungen an glorreiche Zeiten

Über Geschmäcker lässt sich halt nicht streiten: Deutschrocker Heinz-Rudolf Kunze rechnete in seinem Lied „Ich glaub es geht los“ mit dem Grugahallen-Publikum ab: „Einmal Vollbedienung. Alkohol und Rock. 7000 Geißlein und ich der Blaue Bock“ – das ging gegen die Rockpalast-Nächte, die Größen wie Rory Gallagher, The Who, ZZ Top oder The Police nach Essen brachten – und dank der Live-Übertragung in Radio und Fernsehen die Stadt für ein Jahrzehnt zu einem musikalischen Mittelpunkt von Millionen machten, zwischen Italien und dem Nordkap.

Heute beflügelt der Schmetterlingsbau vor allem die Erinnerungen an seine glorreiche Zeit. Andere Hallen sind größer – und bei der Bespielung effektiver, weil man dort das Equipment mit dem Lastwagen direkt in die Halle fahren kann. Aber die Halle findet ihr Publikum, wirbt mit Variabilität und bringt es mit ihrem Slogan auf den Punkt. „Alles ist möglich“. Nur der Abriss nicht.

Hintergrund zur Grugahalle: Was die Protagonisten sagen

Krikelkrakel, Herzchen, der eigene Karl-Wilhelm und ganz doll viel Liebe: Da sammelt sich was an in über sechs Jahrzehnten mit Grugahallen-Gästebüchern: Johnny Cash pries den „großartigen Ort“, Muhammad Ali zählte seine Erfolge auf, Joan Baez zeichnete sich selbst, und Frank Zander klagte: „Die Halle ist zu klein!“

Annie Lennox von den Eurythmics wünschte „Love“, Freddie Mercury erhöhte auf „Love & Tits“, und während Placido Domingo Beistand von oben anforderte („Gott segne Krugerhalle“), lobte Rudolf Scharping einen „guten Abend nach einem guten (SPD-Partei-)Tag“. So viele kamen für ihn dann ja nicht mehr.

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