Kita-Alltag

Wickelverbot in einigen Kitas für männliche Erzieher

Erzieher haben in Kitas oft einen schweren Stand. Sie müssen mit Vorbehalten der Eltern rechnen. (Symbolbild)Foto:dpa

Erzieher haben in Kitas oft einen schweren Stand. Sie müssen mit Vorbehalten der Eltern rechnen. (Symbolbild)Foto:dpa

An rhein und ruhr.   Fabian macht eine Ausbildung zum Erzieher. Dabei achtet er sehr darauf, wie er die Kinder anfasst - damit es kein Missverständnis gibt.

Fabian (Name geändert) ist ein gewöhnlicher Erzieher: geduldig, engagiert, empathisch. Der 25-Jährige Azubi aus Bochum genießt das Vertrauen seiner Kolleginnen. Und dennoch – in einem Punkt unterscheidet sich Fabian vom Rest der Belegschaft. Er ist ein Mann. Der einzige in seiner Kindertagesstätte. Wie stark ihn das bei der täglichen Arbeit einschränken würde, war Fabian vor seiner Ausbildung nicht bewusst. Doch das sollte sich schnell ändern.

„Im ersten Jahr gab es in meiner Klasse einen Azubi, der vorher Dachdecker war“, erzählt Fabian. Eine Verletzung habe ihn zum Jobwechsel gezwungen. „Also entschied er sich für eine Umschulung.“ Nach kurzer Zeit seien jedoch Gerüchte aufgekommen. „Ein Bauarbeiter, der mit Kindern arbeiten will? Das ist wohl verdächtig“, mutmaßt Fabian. Das Tuscheln der Nachbarn, die Blicke an der Supermarktkasse – das alles sei dem Familienvater zu viel geworden: „Er hat die Ausbildung hingeschmissen und ist umgezogen“, sagt Fabian. „Dabei hatten die Gerüchte weder Hand noch Fuß.“

Ein Einzelfall? Oder haben männliche Erzieher tatsächlich mit Vorurteilen zu kämpfen? „Von einem Generalverdacht würde ich nicht sprechen“, sagt Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. „Aber von Vorbehalten, denen männliche Erzieher vermutlich häufiger begegnen.“ Bernd Lösken vom Kita Zweckverband Essen kommt zu einem ähnlichen Urteil: „Ich glaube schon, dass es eine latente Skepsis gibt. Auf jeden Fall eher als bei Frauen.“

Einige Kitas haben ein Wickelverbot für Männer

Fabian wollte verhindern, dass auch über ihn geredet wird. Dass Gerüchte aufkommen, die ihn den Job kosten könnten. Deshalb suchte er vor seinem Praktikum im U3-Bereich das Gespräch mit der Kita-Leitung: „Mir war wichtig, dass die Eltern vorher Bescheid wissen, dass ich ihre Kinder wickle.“ Einige Eltern seien aber strikt dagegen gewesen. „Das war schon ein Dämpfer“, sagt Fabian. „Keiner reißt sich darum, vollgeschissene Windeln zu wechseln – aber es gehört nun mal dazu.“ Fabian akzeptierte die Meinung der Eltern und wickelte nur die Kinder, bei denen er die Erlaubnis hatte. „Auch wenn meine Chefin das extrem schade fand“, erzählt der 25-Jährige.

Dass die Erzieher selbst entscheiden können, ob sie Windeln wechseln, ist nicht überall so: „Es gibt Einrichtungen, die ihren männlichen Mitarbeitern das Wickeln verbieten“, sagt Stephan Höyng von der Koordinationsstelle Männer in Kitas. Der Grund: Immer wieder würden Eltern Bedenken äußern. Um die Diskussion schnell aus der Welt zu schaffen, greife ein Teil der Kitas zu einfachen Lösungen. „Es gibt Versuche, die Nähe gegenüber Kindern bei männlichen Erziehern stärker zu kontrollieren als bei ihren Kolleginnen“, bestätigt Rörig.

Mit fatalen Folgen: „Geschlechterspezifische Verbote und Arbeitsaufteilungen sind für kleine Kinder ein falsches Signal“, meint Höyng. Sie verfestigen den Eindruck, bestimmte Aufgaben könnten nur von Frauen übernommen werden. So werde ein Geschlechterbild gefördert, das längst überwunden sei. Lösken vom Kita Zweckverband ist ebenfalls gegen Wickelverbote: „Es kann doch nicht sein, dass wir die wenigen Erzieher, die es gibt, auch noch unter einen Generalverdacht stellen.“ Schließlich wünsche sich jede Kita mehr Männer.

Seine Chefin stärkte Fabian den Rücken

Statt diskriminierender Schnellschüsse müsse es Schutzkonzepte geben, fordert Rörig: „Sie geben Handlungssicherheit bei Fragen rund um das Thema Missbrauch.“ Auch ein Verhaltenskodex, der für alle Mitarbeitenden verbindliche Regeln enthält, sei unverzichtbar: „Darin können sich Vereinbarungen finden, dass Kinder nicht geküsst werden“, sagt Rörig. Oder dass Zärtlichkeiten von Kindern, die erogene Zonen betreffen, grundsätzlich zurückzuweisen sind.

Zudem sei es wichtig, dass Kitas die Sorgen der Eltern ernst nehmen. Dazu gehöre aber auch, dass Vorgesetzte „eine klare Haltung haben und männliche Erzieher unterstützen, wenn sie auf Vorbehalte stoßen“, sagt Rörig. Auch bei Anschuldigungen dürfe die Kita-Leitung keine voreiligen Schlüsse ziehen: „Es gab einen Fall, wo ein Kind behauptet hat, Paul hätte ihm die Hose runtergezogen“, erzählt Höyng. Sofort hätten die Eltern Anklage erhoben. Erst später sei herausgekommen: Mit Paul war nicht der Praktikant, sondern ein anderes Kind gemeint. „Die Leitung war aber nicht in der Lage, den Praktikanten zu rehabilitieren. Er wurde versetzt.“

Fabian hatte Glück: Als er für sein Anerkennungsjahr in eine neue Einrichtung kam, stärkte ihm die Kita-Leitung sofort den Rücken: „Es gab einen Elternabend, wo wir die Wickelsituation besprochen haben.“ Erneut habe es Vorbehalte von einigen Eltern gegeben. „Aber meine Chefin hat gesagt: ‘Wir arbeiten alle hier. Wem das nicht passt, der soll sich eine andere Kita suchen oder selbst zum Wickeln vorbeikommen.’“ Damit sei die Diskussion vom Tisch gewesen. „Trotzdem achte ich auch heute noch darauf, wie ich die Kinder anfasse“, erzählt Fabian.

Fabian ist vorsichtiger geworden

Das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen; die Blicke der Eltern, wenn ein Erzieher ihr Kind auf den Arm nimmt. Diese Erfahrungen prägen sich ein, sagt Fabian. Und sie zeigen Wirkung: „Vor allem während der Ausbildung gibt es viele Fachwechsel“, erzählt der 25-Jährige. Er kenne einige Azubis, die sich im zweiten Lehrjahr lieber für die Arbeit in einem Kinderheim entschieden hätten.

„2016 gab es in den Fachhochschulen in NRW einen Männeranteil von 15,8 Prozent“, sagt Höyng, In den Kitas habe der Anteil jedoch nur bei 4,2 Prozent gelegen: „Männer arbeiteten eher in Heimen und Schulsozialarbeit. Die Statistik zeigt: Je jünger die Kinder und je körpernäher die Arbeit, desto weniger männliche Erzieher sind vertreten“, so Höyng. Das sei zwar kein Beleg, aber ein Hinweis darauf, dass pauschale Verdächtigungen einige Azubis abschrecken.

Fabian hat aus seinen Erfahrungen gelernt. Er ist vorsichtiger geworden: „Die anderen Erzieherinnen fassen den Kindern an den Po, um zu prüfen, ob die Windel voll ist. Das traue ich mich nicht.“ Er sei der einzige in der Kita, der die Kinder auf Verdacht wickelt. Auch beim Hochheben will Fabian kein Risiko eingehen. Statt den U3-Kindern mit der Hand zwischen die Beine zu greifen, versucht er, sie an den Armen zu sich zu ziehen. „Das ist zwar für das Kind und mich unbequemer, aber so kann kein falscher Eindruck entstehen.“

Trotz der Vorbehalte einiger Eltern sei ein Fachwechsel für Fabian jedoch nie eine Option gewesen. Er ist stolz auf seinen Job, sagt er: „Erzieher geworden zu sein war die absolut richtige Entscheidung. Das habe ich nie bereut.“

>>> SEXUELLER KINDESMISSBRAUCH IN NRW

2017 wurden in NRW laut Polizeilicher Kriminalstatistik insgesamt 2337 Fälle des sexuellen Kindesmissbrauchs erfasst.

74 der 2803 Opfer (2,6 Prozent) waren in einer „formellen sozialen Beziehung in Institutionen“ zu dem Täter. Darunter fallen laut Landeskriminalamt Kitas, Schulen, Vereine oder auch Arztpraxen.

71 der 73 Tatverdächtigen, die in einer formellen sozialen Beziehung zu ihren Opfern standen, waren männlich (97,3 Prozent).

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