Fußball-WM

Boykott? Kneipen in Düsseldorf zeigten deutsches WM-Spiel

| Lesedauer: 6 Minuten
Die Gesichter je zur Hälfte deutsch und japanisch geschminkt: Für die vielen Japaner in Düsseldorf war es gestern – wie hier am Rheinufer – ein großartiger Fußballtag. Ihr Team gewann überraschend mit 2:1.

Die Gesichter je zur Hälfte deutsch und japanisch geschminkt: Für die vielen Japaner in Düsseldorf war es gestern – wie hier am Rheinufer – ein großartiger Fußballtag. Ihr Team gewann überraschend mit 2:1.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Düsseldorf.  Viele Kneipen in der Düsseldorfer Altstadt zeigten doch den WM-Auftakt. Auch im Japanviertel wurde das Spiel geschaut. So waren die Reaktionen.

Haruhiko Saeki klebt einen nach dem anderen Zettel an die Außenfassade seines Düsseldorfer Takumi-Restaurants. Viel Zeit, um auf sein Rudelgucken aufmerksam zu machen, bleibt ihm eine Stunde vor dem WM-Spiel Deutschland gegen Japan allerdings nicht mehr. „Es ist eine ganz kurzfristige Entscheidung, ein Public Viewing zu veranstalten“, sagt der japanische Geschäftsführer und klebt die nächsten Zettel an die Wände, die normalerweise die Außenterrasse von der vielbefahrenen Immermannstraße im Düsseldorfer Japanviertel trennen. 40 Zettel hängen schon. Mindestens.

Auch die eigentlich schon für den Winter einquartierten Stühle werden provisorisch hingestellt, die Markise ausgefahren, die Heizstrahler eingeschaltet. Der Beamer läuft. Pünktlich zum Anpfiff am Mittwochnachmittag sitzen etwa 15 Japaner, überwiegend Mitarbeiter von Haruhiko Saeki, vor der Leinwand. Der Wind peitscht. Es ist kalt. Egal. Hier wird den Japanern jetzt die Daumen gedrückt. Von einem WM-Boykott ist nichts zu spüren. „Die Japaner sehen die WM in Katar nicht so kritisch“, erzählt Saeki.

Deutsche und Japaner schauten WM-Spiel im Düsseldorfer Hotel Nikko

Der erste Jubel im japanischen Block ist dann nur von kurzer Dauer. Das Tor, das Japaner Ito in der achten Minute schießt, zählt nicht. Abseits. Die Enttäuschung ist den japanischen Fans sichtlich anzumerken. Albert Reichenbach atmet hingegen auf. Er hat sich als einziger Deutscher dem Public Viewing angeschlossen. „Ich war im Takumi essen und habe das hier zufällig gesehen. Als Fußball-Fan gucke ich gerne mit“, erzählt Reichenbach.

Auch im gegenüberliegenden Hotel Nikko läuft das Spiel auf mehreren Fernsehern in der Lobby. Im vorderen Hotelbereich scheint das aber niemanden zu interessieren. Geschäftsleute sitzen hier, sind in ihre Gespräche vertieft. Etwas weiter hinten ein anderes Bild: Etwa 20 Fußballfans – Deutsche wie Japaner – sitzen bei Bier oder Kaffee in den großen Lounge-Sesseln. Doch so richtige WM-Stimmung kommt noch nicht auf. Keiner trägt ein Trikot, keiner hat eine Fahne dabei.

Robert und Svenja haben sich mit ihren deutschen und japanischen Freunden unter die Zuschauer gemischt. „Es ist ein wichtiges Spiel. Das muss man sich ansehen“, findet Robert. „Bisher ist es auch sehr spannend“, ergänzt Svenja. Die Gruppe hat es bewusst ins Hotel im „Little Tokyo“ verschlagen. „In der Altstadt wollen die Kneipen das Spiel ja nicht zeigen“, sagt Svenja. Im Vorfeld hatten einige Lokale angekündigt, die WM in Katar zu boykottieren.

Viele Kneipen in der Düsseldorfer Altstadt zeigen doch das Spiel

Doch die Realität sieht am Mittwoch anders aus: In fast allen Kneipen läuft das WM-Spiel. Auf der Bolkerstraße hat man sogar die Qual der Wahl, ob es die Kneipe links oder rechts sein soll. Auf beiden Seiten gibt es nur ein Fernsehprogramm: Fußball.

So richtig gut angenommen wird das erste Spiel bei den deutschen Fans aber nicht, nirgends hängen schwarz-rot-goldene Fahnen. Ist es der WM-Boykott oder liegt es an der Uhrzeit der Partie um 14 Uhr? Überlaufen ist die Altstadt nämlich nicht, schätzungsweise 20 bis 30 Gäste pro Lokal tummeln sich vor den Bildschirmen. In einigen Kneipen ist sogar gar nichts los, der Fernseher ist trotzdem an.

„Wir haben extra früher Feierabend gemacht, um das Spiel zu sehen. Die Stimmung ist aber sehr verhalten. Leider“, sagen Mike und Britta, die das Spiel in der Kneipe Uerige schauen. Ziemlich emotionslos wird hier auf die Leinwand geblickt. Einzig beim Führungstreffer in der 33. Minute bricht kurzer Jubel aus. Das war’s.

Im Vergleich zur Bolkerstraße wirkt die Ratinger Straße in der Altstadt fast schon etwas verwaist. Die Kneipe „Retematäng“ war die erste Kneipe in der Düsseldorfer Altstadt, die angekündigt hatte, die WM zu boykottieren – und daran hat sich auch beim Auftaktspiel der deutschen Elf am Mittwoch nichts geändert. Statt des aktuellen Turniers in Katar flimmert das WM-Spiel Deutschland gegen England aus dem Jahr 2010 auf den Bildschirmen der Kneipe. „Wir ziehen das konsequent durch – auch wenn Deutschland es ins Finale schaffen sollte“, sagt Mitarbeiter Philipp Kinzler.

In der Kneipe Retematäng laufen auch weiterhin alte Fußballspiele

Viel los ist allerdings nicht. An zwei, drei Tischen sitzen ein paar Stammgäste. „Wir nehmen die Umsatzeinbußen in Kauf. Es geht uns ums Prinzip und um die Menschenrechte“, betont Kinzler. Bei den nächsten Spielen laufen wieder alte WM-Klassiker, Fortuna-Spiele oder Football.

Acht von zehn Kneipen auf der Ratinger Straße zeigen das Spiel hingegen. Viel los ist im Meilenstein, im Ohme Jupp und in der Brauerei Zur Uel aber trotzdem nicht. Ein paar Männer verfolgen in den kleinen Lokalen das Spiel. Ein Fluchen geht durch diese als Japan in der 75. Minute den Ausgleich erzielt. Die Stimmung ist angespannt. Das spürt man. „Was machen unsere Jungs denn da?“, hört man einen deutschen Fan entsetzt rufen. Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Die Japaner gehen in der 83. Minute schließlich in Führung. Es bleibt kaum Zeit, um das Spiel noch zu drehen. Das wissen auch die sichtlich enttäuschten Fans. Die Deutschen verlieren ihr erstes Spiel 1:2 gegen Japan. Bei den japanischen Fans auf der Immermannstraße hält der Jubel dieses Mal sicherlich länger an als in der achten Minute...

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Niederrhein