Gottesdienst

Corona-Verstöße in mehreren Freikirchen – bloß Einzelfälle?

Viele Gottesdienste fanden an den Weihnachtsfeiertagen in kleinerem Rahmen statt oder wurden abgesagt. (Symbolbild)

Viele Gottesdienste fanden an den Weihnachtsfeiertagen in kleinerem Rahmen statt oder wurden abgesagt. (Symbolbild)

Foto: MATTHIAS RIETSCHEL / dpa

An Rhein und Ruhr  In Herford und Essen mussten Polizeibeamte Gottesdienste zweier Freikirchen auflösen. Die Gläubigen missachteten die Corona-Auflagen.

Die Polizei in Herford hatte am Samstag alle Hände voll zu tun: Mehr als 100 Mitglieder der freikirchlichen Kirchengemeinde „Jesu Christie“ hatten sich zum Gottesdienst getroffen – ohne Hygienekonzept und ohne Atemschutz. Bereits im Dezember war die Polizei in Essen zu einem ähnlichen Fall mit über 80 Gläubigen ausgerückt. Auch dort wurden Auflagen nicht eingehalten, auch dort handelte es sich um Mitglieder einer Freikirche. Ein Zufall? Oder kommt es vor allem in freikirchlichen Kirchengemeinden regelmäßig zu Corona-Verstößen?

„Pauschal zu sagen, der freikirchliche Gottesdienst sei riskanter oder die Anhänger würden sich weniger an die Corona-Regeln halten, ist falsch und überzogen“, sagt Andrew Schäfer vom Landespfarramt für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Rheinland. Insgesamt werde in Freikirchen genauso vorsichtig mit der Pandemie umgegangen wie in anderen religiösen Gemeinden.

 

Freikirchen: Einige Mitglieder wiegen sich in „falscher Sicherheit“

Auch Michael Gruber, Sprecher der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), betont: „Die Mitgliedskirchen der VEF haben ebenso wie die katholische oder evangelische Kirche unmittelbar nach Ausbruch des Coronavirus jeweils umfangreiche Schutz- und Hygienekonzepte entwickelt.“ Zahllose Gemeinden hätten ihren Präsenz-Gottesdienst angepasst oder ganz eingestellt. „Gottesdienste und gemeinsames Singen haben in unseren Freikirchen einen sehr hohen Stellenwert“, betont Gruber. „Doch der Schutz des Lebens steht an erster Stelle.“

Dennoch gebe es laut Schäfer kleinere freikirchliche Kirchengemeinden, die einen eher fundamentalistischen Glauben hätten und deren Anhänger sich abschotten würden. „Diese Gemeinden sind oft keinem Dachverband zuzuordnen. Dort hat die gottesdienstliche Gemeinschaft nicht nur sozial, sondern auch theologisch einen großen Stellenwert.“ Mitglieder einer solchen Gemeinde könnten sich nach Auffassung des Landespfarrers innerhalb ihrer Religionsgemeinschaft in „falscher Sicherheit“ wähnen und glauben, dass sie durch ihren Glauben vor dem Coronavirus geschützt seien.

Die meisten Ordnungsämter kontrollieren nur bei Beschwerden

„In Gemeinschaften, die geprägt sind von einer starken Bindung nach innen und zunehmender Abschottung nach außen, habe ich es erlebt, dass in einigen Fällen sehr fahrlässig mit der Corona-Pandemie umgegangen wird“, sagt Schäfer. „Hier kam hinzu, dass versucht wurde, die Gläubigen durch die gemeinsamen Treffen in enger Bindung an die Führung zu halten und so Macht zu sichern.“

Wie häufig es in Freikirchen oder anderen Gotteshäusern zu Corona-Verstößen kommt, lässt sich statistisch kaum erfassen. Von neun anfragten Städten am Niederrhein und im Ruhrgebiet – darunter Wesel, Duisburg, Mülheim und Düsseldorf – gab lediglich die Verwaltung in Kleve an, stichprobenartige Kontrollen durchzuführen. „Beschwerdeunabhängige Überprüfungen erfolgen in diesem grundrechtlich in besonderer Weise geschützten Bereich nicht“, so Michael Buch, Sprecher der Stadt Düsseldorf. Religionsgemeinschaften müssen laut aktuell gültiger Corona-Schutzverordnung lediglich ein eigenes Hygienekonzept vorzulegen.

Gottesdienste: Vier von fünf Corona-Verstößen in Freikirchen

In den von der NRZ angefragten Kommunen wurden neben dem Fall in Essen lediglich drei weitere Verstöße registriert: Im November seien Räumlichkeiten einer Oberhausener Freikirche untervermietet worden. „Bei der dann durchgeführten Messe wurden die geforderten Corona-Schutzmaßnahmen nicht eingehalten“, so Oberhausens Stadtsprecher Martin Berger. Im Dezember löste das Ordnungsamt einen Gottesdienst in Duisburg auf. Auch dort handelte es sich laut Stadtangaben um eine Freikirche. Zudem hatten sich bereits im Oktober über 200 Gäste am Ezidischen Zentrum in Emmerich zu einer Totenwaschung versammelt.

„Dass sich Menschen oder Gruppen abschotten und Corona-Vorgaben missachten, lässt sich aber nicht nur auf das Christentum oder andere Religionen und Weltanschauungen begrenzen“, betont Landespfarrer Schäfer. Auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens gebe es Gruppierungen, die gegen Corona-Regeln verstoßen. „Das ist nicht zwingend ein religiöses, sondern auch ein soziales Problem.“

>>> Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh reduziert Gästezahl

Auch die muslimische Gemeinde hat während der Corona-Pandemie eigene Hygienekonzepte und Schutzmaßnahmen entwickelt. „Die Mehrheit der Muslime, mit denen wir zusammenarbeiten, nimmt das Virus sehr ernst“, so Thomas Nagel, Kontaktbeamter für muslimische Institutionen bei der Duisburger Polizei. Die Polizei stehe mit den meisten muslimischen Gemeinden in engem Austausch. „Wir haben die Vereine angehalten, besondere Vorsicht walten zu lassen.“

In der Merkez-Moschee im Stadtteil Marxloh seien Markierungen an den Böden angebracht worden. Zudem sei die Zahl der Besucher von 1200 auf rund 250 begrenzt worden. Insbesondere der Verzicht auf Freitagsgebete sei einigen Muslimen schwergefallen. „Gerade für die ältere Generation ist der soziale Kontakt und regelmäßige Austausch sehr wichtig“, so Nagel. Dennoch seien viele Gebete ausgefallen. „Auch zum Fastenbrechen wurden alle größeren Veranstaltungen komplett abgesagt.“

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