Coronavirus

Coronavirus: Wie die Krise unsere Welt verändern wird

Foto: Kai Kitschenberg / FFS

Essen  Die Corona-Krise umfasst alle Bereiche unseres Lebens. Und deswegen wird sie unser Leben in vielen Bereichen umgestalten. Das ist eine Chance.

Manchmal möchte man in diesen Tagen vorspulen zum Jahresrückblick 2020 und sich in Ruhe anschauen, wie wir die Corona-Krise überstanden haben. Denn Corona – das ist nicht der GAU, es ist die GAU. Nicht der größte anzunehmende Unfall, sondern die größte anzunehmende Unsicherheit. Kanzlerin Merkel hat von der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gesprochen, Corona also ist größer als Flüchtlingskrise, Wiedervereinigung, Ölpreisschock, Bankenpleite, Berlin-Blockade oder Tschernobyl.

Das uns Erschütternde ist das allumfassende dieser Krise. Bei jeder Krise gibt es sonst Bereiche, die unverändert scheinen. Veränderungen schaffen immer Stress. Normalerweise fokussieren wir uns dann auf etwas anderes: Sport und Shoppen, Konzert und Kino, Gottesdienst und Gaststätten, vor allem Familie und Freunden. Die menschliche Reaktion auf Krise heißt: Zusammenstehen. Und genau jetzt wird soziale Distanzierung von uns gefordert.

Den sozialen Netzwerken kommt eine neue Rolle zu

Wobei: gefragt ist nur die physische Distanz. Den sozialen Netzwerken, die weiß Gott oft genug auch Quelle und Medium von ziemlich viel asozialem Kram sind, kommt eine neue, beinahe therapeutische Rolle zu. Und: Täuscht der Eindruck oder lernen wir dort gerade, endlich einigermaßen höflich miteinander umzugehen?

Wir wissen noch nicht, wie lange sie dauert, wie wir aus dieser Krise wieder herauskommen. Doch fest steht, dass unsere Welt danach nicht mehr die gleiche sein wird. Ein Tsunami in Japan hat gereicht, die Atomindustrie in Deutschland wegzuspülen. Was erst wird dann eine alles umgreifende Krise mit unserer Gesellschaft machen?

Was, wenn nach Covid-19 Covid-24 oder 37 auftaucht?

Es gilt der alte Grundsatz: „Not macht erfinderisch“. Der Ausbau der digitalen Infrastruktur wird sich massiv verstärken. Nicht noch einmal werden sich Schulen, Universitäten, Behörden und Firmen so schlecht vorbereitet sehen wollen, wenn nach Covid-19 irgendwann Covid-24 oder 37 auftaucht. Digitale Klassenzimmer, Homeoffice, digitale Bürokratie – das waren bislang halbherzig angegangene Pilotprojekte. Jetzt zeigt sich: dort sind wirtschaftlich lebensnotwendige Strukturen zu schaffen.

Die Just-in-Time-Wirtschaft und die Globalisierung wird mindestens hinterfragt werden, sogar die Wirtschaftsordnung in Gänze steht in Frage. Ein Virus irgendwo auf der Welt ist nur dann für alle gefährlich, wenn die Welt insgesamt miteinander verbunden ist. Der Traum der globalen Gesellschaft hat sich in einen Alptraum verwandelt.

Enkel werden fragen, warum wir Klopapier bunkern

Wer vom ständig funktionierenden Warenstrom abhängig ist, merkt, wie schnell er gefährdet ist, wenn der Warenfluss auch nur stockt. Wir haben unsere Großeltern bespöttelt, weil sie immer noch Vorräte im Keller hatten, wo doch Supermärkte fast rund um die Uhr aufhaben. Jetzt hamstern wir Klopapier und werden dereinst von unseren Enkeln gefragt werden, warum wir immer zwei Dutzend Rollen auf Vorrat haben. Und wer Kliniken und Gesundheitswesen auf nackte Effizienz trimmt, hat keine Reserven für Katastrophen.

Das Klima indes könnte der große Gewinner der Krise sein. Wir bewegen uns kaum mehr. Flieger bleiben am Boden, Kreuzfahrtschiffe im Hafen, Warenströme stocken an den Grenzen. Wir schaffen derzeit vermutlich eine CO2-Reduktion wie nie zuvor.

Der Preis dafür ist hoch, viele Menschen verlieren ihre Arbeit, bangen um ihre Jobs. Und dennoch bietet das Runterfahren die Chance zu überlegen, ob bei einem Neustart der reduzierten Weltwirtschaft nicht direkt ein paar Updates installiert werden können, was unseren Umgang mit der Natur angeht.

Wir werden eine Neubewertung von Berufen erleben

Wir werden eine neue Wertedebatte erleben. Sprach Kanzlerin Merkel in der Bankenkrise noch von einer „marktkonformen Demokratie“, so steht nun der Schutz des Lebens der meist Gefährdeten oben auf der Agenda. Wenn dieser Gedanke weitertragen soll, wird auch über die Wertigkeit von Berufen in Pflege, Pädagogik, Erziehung, Versorgung, Produktion und Handwerk anders gedacht werden.

Angesichts des Umstands, dass in der Krise Telefondaten genutzt werden, um (noch) anonymisierte Bewegungsprofile zu erstellen und angesichts der Drohnenüberwachung von Ausgangssperren in China, gehört nicht viel Science Fiction dazu, sich einen umfassenden, digitalen Überwachungsstaat vorzustellen. Was im Dienste der Gesundheit noch heilsam sein mag, könnte im Falle des Machtmissbrauchs das größte totalitäre Unheil bringen. Wie können wir da verlässlich Sicherungen einbauen?


Wir erleben die verzichtreichste Fastenzeit unseres Lebens. Nach der Krise werden wir dankbar wie nie unsere Freunde in überfüllten Kneipen und Kirchen treffen, wieder gemeinsam musizieren, Sport treiben und Tanzen gehen, sogar langweilige Konferenzen unerwartet interessant finden. Wenn die alte Phrase von der Krise als Chance wahr ist, dann bietet diese allumfassende Krise eine Chance zur Zeitenwende.

Ob sie gelungen ist, werden wir im Rückblick auf das Jahrzehnt sehen. Es wird spannend.

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