Textilkunst

Da hängt die Kunst am Faden

Ausschnitt aus triple WARP 4, eine Arbeit von Barbara Esser und Wolfgang Horn.

Ausschnitt aus triple WARP 4, eine Arbeit von Barbara Esser und Wolfgang Horn.

Foto: Claudia Posca

Am Niederrhein.  Barbara Esser und Wolfgang Horn, das Künstlerehepaar aus Düsseldorf, interpretieren die traditionelle Handwerkskunst des Webens völlig neu.

Textilkunst kann mehr als bloß Klamotte sein. Von wegen nur angewandte Kunst! Die das Gegenteil praktizieren – meisterlich! – heißen Barbara (*1968) und Wolfgang Horn (*1967). Als Künstlerpaar, - sie studierte an der Hochschule Niederrhein in Krefeld Textildesign, er an der Hochschule Düsseldorf Architektur-, sind die Eltern dreier Kinder auf internationalem Parkett zwischen Europa, Kanada und den USA für eine kühne Ästhetik des Textilen unterwegs.

Beispiellos, wie atemberaubend fein ziseliert, noch dazu in sich farblich changierend, die beiden Gewebtes in geometrisch-konstruktiver Coolness ins Bild schicken.

Und man staunt, was so ein komplexer, elektromagnetisch gesteuerter, 24-schäftiger Webstuhl unter künstlerischer Regie tut. Und wie vielgestaltig sich eine Philosophie des Textilen zwischen Faser und Stofflichkeit in Fläche, Raum und Zeit zwischen zwei Menschen, die an einem Strang ziehen auffächert.

Frau Esser, Herr Horn, warum machen Sie Textilkunst?

Das ist schwer zu erklären. Ganz bestimmt ist es aber die Freiheit der Kunst, die uns umtreibt. Und dass das Textile, so phantastisch facettenreich wie es ist, einfach unser Medium ist.

Hängt an Ihrer Textilkunst eine Botschaft?

Viele unserer Arbeiten sind namenlos. Der Betrachter soll die Freiheit haben, das Stoffliche und dessen Haptisches, trotz Flächenkonstruktion zu entdecken.

Das Publikum soll buchstäblich auf Tuchfühlung mit dem gehen, was zu sehen ist.

Ohne dirigiert zu werden. Am Textilen hängt eine ganze Welt. Wobei der Begriff einer Textilkunst, wie wir sie zwischen Fläche und Raum betreiben, schwer fixierbar ist. Wir kämpfen uns da seit einem Vierteljahrhundert durch.

Das bedeutet was?

Wir halten die Fahne hoch für eine autonome, nicht-funktionale Textilkunst. Wir möchten zeigen, dass gewebte Bilder als freie Kunst an der Wand hängen können.

Und dass man mit einem umfassend verstandenen Begriff des Textilen sogar große, ortsspezifische Außen-Installationen oder auch Animationen projektieren und umsetzen kann.

Viele Menschen haben ja ausschließlich den Gedanken im Kopf: Was kann aus diesem Stoff, was kann aus diesem Gewebe für ein Kleidungsstück, ein Kissen, ein Vorhang werden? Denn Textiles, insbesondere Web-Stoff, wird meist als Gebrauchsmaterial betrachtet. So gesehen leistet unsere Kunst vielleicht einen kleinen Beitrag, die Macht der Gewohnheit auszuhebeln.

Deshalb auch arbeiten Sie als Team, verknüpfen die Profession des Architekten mit der Profession der Weberin?

Ja. Wir erkunden das Textile auf breiter Basis. Es geht nicht nur um eine autonome Bild-Webkunst auf der Grundlage konstruktiv-analytischer Experimente. Daneben gibt es digital inspirierte Videos und Fotografien, Lichtinstallationen, diverse Interventionen im urbanen Raum, mit denen wir Stadtteile, aber auch Innenräume umgestaltet haben.

Die Arbeit des Einen inspiriert die Arbeiten des Anderen?

Auf jeden Fall. Für die Installationen arbeiten wir von Beginn an zusammen. Das passt. Schließlich leben wir ja unter einem Dach. Da ist Dialog programmiert.

Und es gibt eine basale, große Übereinstimmung: Dass wir in und mit unserer Kunst bewusst gegen die Schnelllebigkeit wirken, auf handwerkliche Perfektion setzen. Das schließt Analyse und Studium traditioneller Handwerkstechniken ein, aber nicht um sie zu imitieren, sondern um sie weiter zu entwickeln und dadurch zu aktualisieren.

Weben 2.0, auch im Sinne eines sparten-verknüpfenden Konzepts, aber ohne tatsächliche Digitalisierung.

Haben Sie ein Wunsch-Projekt?

Wir arbeiten anders. Wir entwerfen keine Projekte am Schreibtisch, die wir dann umsetzen. Erst, wenn wir für einen bestimmten Ort oder für eine Ausstellung angesprochen werden, entwickeln wir ganz speziell für die dortige Situation ein Konzept des Textilen.

Hängt bei Ihnen zu Hause eigene Textilkunst an der Wand?

Nee, da hängt fast nichts. Den Kopf frei zu haben für Neues ist enorm wichtig. Oder sagen wir mal: Da hängt sporadisch immer mal ‘was. Das sind dann die neuesten Arbeiten, die wir diskutieren. Nicht jedes gewebte Bild, nicht jedes C-Print oder jede Grafik ist gelungen.

Und nur starke Arbeiten haben die Chance auf Öffentlichkeit. Haben wir aber entschieden, dass ein bestimmtes Werk auf Ausstellungstournee gehen kann, wird es bis dahin wieder abgehängt. Wie gesagt: Leere Wände geben Raum für Neues.

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