Volkskrankheit

Depressionen: „Ich konnte beim Sport keinen Ball annehmen“

Im dunklen Loch: Auch junge Leute sind nicht vor Depressionen gefeit (Symbol). Der 19-jährige Max hat nach einem Klinikaufenthalt einen neuen Berufswunsch.

Im dunklen Loch: Auch junge Leute sind nicht vor Depressionen gefeit (Symbol). Der 19-jährige Max hat nach einem Klinikaufenthalt einen neuen Berufswunsch.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Am Niederrhein.  Volkskrankheit Depressionen: Ein junger Mann (19) erzählt, wie er bei einem Klinikaufenthalt in Mönchengladbach gelernt hat, auf sich achten.

Gleich in den ersten Wochen der Lehre war die Krankheit wieder ausgebrochen, und Max (Name von der Redaktion geändert) brauchte Zeit für sich. Die Ausbilder hatten großes Verständnis gezeigt, gerade auch weil der junge Mann sehr offen war. Doch dann brachten die Eltern einen Brief der Firma mit in die LVR-Klinik Mönchengladbach, wo Max zur Therapie war – „Kündigung“ stand da, fristgerecht vor Ende der Probezeit. „Ich war zuerst echt geschockt“, erinnert sich der junge Mann.

Diagnose Depression: Der 19-Jährige berichtete an diesem Donnerstag (23. Januar 2020) am Rande einer Fachtagung in Mönchengladbach von seinen Erfahrungen mit der Krankheit. 180 Fachleute aus ganz Deutschland diskutierten auf Einladung des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) neue Therapieansätze. Dr. Stephan Rinckens, der Ärztliche Direktor der LVR-Klinik dort, sieht aber auch durch die neueren Forschungen vor allem eines bestätigt: „Es kommt in der Therapie sehr darauf an, dass es Begegnungen gibt und eine Atmosphäre, die neue Erfahrungen ermöglicht.“

Lernen für Prüfungen? Undenkbar

Für den jungen Max war das vergangene Jahr eine Achterbahnfahrt. Depressionen waren nichts Neues, er war früher schon mal erkrankt, aber ausgerechnet vor den Abi-Prüfungen meldeten sie sich zurück. „Mir ging es nicht gut“, sagt Max. Niedergeschlagenheit, kreisende Gedanken, Einsamkeit, gute Freunde fort - im Ausland.

„Ich konnte mich keine zehn Minuten konzentrieren“, erinnert sich der junge Mann. Lernen für die Prüfungen? Undenkbar.

Max kam zu einem ersten mehrwöchigen Aufenthalt in die Klinik, stabilisierte sich. Die Prüfungen konnte er im September nachmachen. Die Firma, bei der der junge Mann dann schon einen Ausbildungsplatz für „etwas Kaufmännisches“ sicher hatte, spielte mit. Weil man nicht gleichzeitig noch Schüler und Auszubildender sein kann, wurde Max den ersten Monat pro forma als Praktikant geführt, bis er das Abi in der Tasche hatte (Notenschnitt: beachtliche 2,2). Alles schien gut.

„Somit hatte ich keinen Druck mehr“

Der neuerliche Krankheitsausbruch nebst Kündigung gleich zu Beginn der Lehrzeit brachte die Dinge nochmal ins Wanken. Max bereut es nicht, offen zu den Ausbildern gewesen zu sein. Er sagt: „Ich hätte ja auch sagen können, dass ich die Abi-Prüfungen wegen Pfeifferschem Drüsenfieber hätte nachholen müssen...“ Max ist sicher, dass die Kündigung auf eine Entscheidung in der Firmenleitung zurückgeht: „Die Ausbilder haben top hinter mir gestanden.“

Max ging es schlecht, sehr schlecht. Ein Beispiel, das alles sagt: „Ich konnte beim Sport in der Klinik keinen Ball annehmen“, erinnerte sich der junge Mann. Dabei hatte er zuvor viele Jahre im Verein Fußball gespielt, die Bewegungsabläufe hat er verinnerlicht, eigentlich. Zum Glück gelang es ihm, die Kündigung rasch abzuhaken. „Somit hatte ich keinen Druck mehr“, sagt der junge Mann.

Tagesablauf in der Klinik ist strukturiert, aber stressfrei

Der strukturierte, stressfreie Tagesablauf in der Klinik tat Max gut – die Ergotherapie, die Gruppengespräche, vor allem das reichliche Sportangebot. Mit einem Therapeuten ging der junge Max joggen; in den langen Gesprächen dabei erfuhr er, dass auch der Therapeut „eine schwere Phase“ durchgemacht hat und erst mit 27 sein Studium aufnahm. „Das Leben hält manchmal Umwege bereit“, sagt Mediziner Rinckens.

Wichtig auch: die Erfahrung, nicht allein zu sein. „Auf der Station waren wir ja alle irgendwie aus ähnlichen Gründen da“, erzählt der junge Mann. Ein Gemeinschaftsgefühl ist entstanden, man fühlt sich verstanden. Arzt Rinckens erinnert sich, dass ausgerechnet Max einmal den Anstoß zu einem Spieleabend auf der Station gab, bei „Phase 10“ und anderen Gesellschaftsspielen wurde ausgelassen gelacht.

Arzt: „Erfahrungen prägen die Menschen“

„Du hast an diesem Abend zu den anderen Patienten gesagt: ‘Dann lasst uns mal den Tag retten’“, sagt Rinckens – und Max nickt. Der Tag war zuvor völlig verkorkst gewesen und die Laune unter den Patienten am Boden, mehrere Therapieangebote waren wegen Krankheit ausgefallen. Max hatte die Stimmung gedreht. Der junge Mann hat das aufmerksam registriert – ebenso seine Fortschritte beim Sport und beim sich Konzentrieren.

Aufmerksam gegenüber sich selbst sein, „achtsam“, wie die Therapeuten sagen – das war eine ganz wichtige Botschaft der Klinikwochen. Medikamente, sprich: Antidepressiva, dienen bei der Behandlung von Depressionen lediglich als „Situationsöffner“, betont Medizinier Rinckens. Es gehe darum, dass die Patienten Erfahrungen machen. „Es sind die Erfahrungen, die den Menschen prägen.“

Neuer Berufswunsch: Grundschullehrer

Und heute? „Ich achte auf mich, auf Sport und gesunde Ernährung“, sagt Max. Der Klinikaufenthalt liegt etwas zurück, der junge Mann kommt noch regelmäßig zu Gesprächen vorbei. Im nächsten Monat will er jobben, dann für etwas längere Zeit ins Land, ein Studium soll folgen. „Ich könnte mir vorstellen, Grundschullehrer zu werden“, sagt Max.

Der Wunsch kommt nicht von ungefähr – während des Klinikaufenthaltes hatte Max lange Gespräche mit einer älteren Mitpatientin geführt, wie Dr. Rinckens berichtet. Diese ist Grundschullehrerin und traut dem jungen Mann absolut zu, dass er in diesem Beruf seinen Weg macht.

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