Mobbing

Das können Eltern und Lehrer gegen Mobbing in der Schule tun

„Hannah ist ne hässliche Kuh“ hat jemand über WhatsApp im Schülerkreis verbreitet Das nachgestellte Bild zeigt laut  Stiftung „Mobbing stoppen! Kinder stärken!“ eine typische Mobbing-Aktion.

„Hannah ist ne hässliche Kuh“ hat jemand über WhatsApp im Schülerkreis verbreitet Das nachgestellte Bild zeigt laut Stiftung „Mobbing stoppen! Kinder stärken!“ eine typische Mobbing-Aktion.

Foto: Oliver Berg

An Rhein und Ruhr.   Wie kann man Mobbing verhindern, wie kann man die Opfer erkennen? Experten aus Schülervertretung, Medienberatung und Elternschaft geben Tipps.

Kerzen flackern vor der Grundschule in Berlin. Eine elf Jahre alte Schülerin ist an den Folgen eines Selbsttötungsversuchs gestorben. Schnell war am Wochenende von Mobbing die Rede. Wurde das Kind in den Tod getrieben, weil es von anderen Jugendlichen ausgegrenzt, beleidigt und erniedrigt worden war?

Noch hat die Polizei die Ergebnisse ihrer Ermittlungen nicht veröffentlicht, aber schon haben Eltern schwere Vorwürfe an die Schule gerichtet. Und auch in NRW wurde gestern viel über das Thema Mobbing diskutiert.

„Ein unglaublich trauriger Fall“, sagt Nikolaj Grünwald von der Landesschülervertretung in NRW. Es dürfe aber nicht bei der Traurigkeit bleiben, fordert der Bonner. „Es braucht Veränderungen im Umgang mit dem Thema. Wir fordern Personal, Schulsozialarbeiter und mehr Fortbildung für Lehrer.“

Neues Bewusstsein muss in Alltag integriert werden

Anti-Mobbing-Tage und Safer Internet Day könnten nur der Auftakt für regelmäßiges Engagement sein. „Solche Pilotprojekte nutzen nichts, wenn es nur einmalige Aktionen bleiben“, sagt der Abiturient. Ein neues Bewusstsein müsse in den Unterrichtsalltag integriert werden. Und es müsse grundsätzlich darüber nachgedacht werden, welche Rolle Konkurrenz und Leistung im Bildungssystem einnehmen. Grünwald: „Es braucht ein Bekenntnis zu Solidarität.“

Am Samstag war der Tod der elfjährigen Schülerin bekanntgeworden. Schulleiterin Daniela Walter wehrte sich entschieden gegen Vorwürfe eines Vaters aus dem Elternbeirat, dass an der Schule Probleme totgeschwiegen worden seien. Natürlich gebe es Vorfälle – beispielsweise auf dem Pausenhof. Aber: „Wir haben Konfliktlotsen an Bord“, sagte Walter. Darüber hinaus existiere eine „sehr gut ausgestattete Schulsozialarbeit“.

Es kann zu jeder Zeit an jeder Schule passieren

Solche Mobbingfälle rechtzeitig zu erkennen und die Anzeichen zu deuten, ist dabei eine pädagogische Herausforderung. „Das geht nur über Alltagsgespräche, zum Beispiel bei einer Partie am Kicker“, sagt ein Mitarbeiter des Jugendzentrums „Zoff“ in Moers. Erfolgreich seien etwa Streitschlichterprogramme an Schulen verlaufen.

Peter Sommerhalter, Leiter Prävention und Medienberatung vom „Bündnis gegen Cybermobbing“, gibt für die Arbeit an Schulen folgende Tipps: „Die Schulen müssen hinschauen, konkrete Ansprechpartner nennen und hart durchgreifen.“ Einer Studie zufolge seien in Deutschland 1,7 Millionen Kinder und Jugendliche Opfer von Cybermobbing geworden.

„So etwas wie in Berlin kann zu jeder Zeit an jeder Schule wieder geschehen“, warnt der Experte im Gespräch mit der NRZ. Besonders intensiv seien Mobbingphasen im Alter von sieben oder acht Jahren sowie in der Pubertät. „Wir stellen außerdem eine hohe Tendenz fest, dass Kinder, die bereits gemobbt wurden, anschließend selbst zu Mobbern werden — aus Angst, dass sie wieder Opfer werden.“

Sensibilisierung kann nicht groß genug sein

„Wir sehen aufgrund der Elternmeldungen, dass es ein leider existierendes, aber aus unserer Wahrnehmung nicht zunehmendes Problem ist“, sagt Dieter Cohnen von der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW. Weil es kein neues Thema sei, gäbe es kaum eine Schule, an der sich nicht mindestens ein Lehrer mit dem Thema ganz offiziell beschäftige und Präventionskonzepte betreue. „Nach unserer Wahrnehmung sind die Lehrer in der Regel sensibel, wenn sich ihnen ein solcher Fall präsentiert oder sie Kenntnis erhalten.“

Allerdings dürfe man den Alltag in den Schulen nicht außer Acht lassen. „Angesichts von Unterrichtsausfall und vielfältigen und erheblich zugenommenen Belastungen ist es gerade für Lehrer schwerer geworden, Anzeichen von Mobbing sofort zu erkennen“, so Cohnen.

Die Sensibilisierung könne nicht groß genug sein, aber es müsse auch die Gelegenheit geben, diese zu leben. „Und der Lehrer- und Schulalltag ist in Zeiten von fehenden Kollegen, mancherorts sehr großen Klassen, heterogener Schülerschaft, einer Zunahme unterrichtsferner Aufgaben, fehlender Sozialarbeiter und Verwaltungshilfen sehr, sehr dicht.“

Darauf sollten Eltern achten

Das Fatale beim Mobbing ist, dass die Opfer das „Problem“ erst einmal bei sich selbst suchen. Nur selten informiert ein Schüler einen Lehrer oder berichtet den Eltern von seinen belastenden Erlebnissen. Deswegen müssen Eltern selbst die Initiative ergreifen, wenn sie Veränderungen bei ihrem Kind wahrnehmen. Denn Mobbing vergeht so gut wie nie von allein.

Und dies können solche Anzeichen sein: Kommt das Kind nicht mehr mit dem Taschengeld aus? Fehlt Schulmaterial im Ranzen? Oder kommt das Kind mehrfach mit zerrissenen Klamotten nach Hause? All das können neben blauen Flecken, häufigem Bauch- und Kopfweh und fehlender Motivation Warnsignale dafür sein, dass ein Kind in der Schule gemobbt wird. Darauf weist die Sicher-Stark-Initiative hin, die sich für den Schutz von Kindern einsetzt.

Keine Lust, zur Schule zu gehen

Betroffene Kinder haben meist keine Lust mehr, in die Schule zu gehen. Ihnen ist ihre frühere Fröhlichkeit abhanden gekommen. Bemerken Eltern solches Verhalten, sollten sie zunächst mit dem Kind reden und ganz konkrete Fragen stellen - noch bevor sie Polizei oder Anwalt einschalten oder vertrauensvolle Gespräche mit Schulsozialarbeitern, Erziehern, Lehrkräften und Schulleitung führen.

Hilfe für Mobbing-Opfer gibt es auch beim Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer“ unter 0800 111 0 333 oder im Netz unter www.nummergegenkummer.de .

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