Hugenotten am Niederrhein

Das Leben der Hugenotten am Niederrhein

 Detailansicht vom Sarg des Herrn de Briquemault.

Detailansicht vom Sarg des Herrn de Briquemault.

Foto: LVR-Niederrheinmuseum Wesel

Am Niederrhein.  In unserer Serie „Augenblick Geschichte“ beleuchtet Dr. Veit Veltzke das fast vergessene Wirken der Hugenotten am Niederrhein.

Zu dem historischen Fragmenten des Weseler Willibrordidoms gehört ein beeindruckendes Relikt, das an die Geschichte der „Hugenotten“ – der reformierten Glaubensflüchtlinge aus Frankreich – erinnert und an die Tage von Wesels Zerstörung 1945. Wie ein geschundener Leib mutet dem Betrachter das korrodierte und geborstene Oberteil eines metallenen Sarges an, der einst in einer eigenen Gruft dieses Gotteshauses stand.

Er enthielt die sterblichen Reste von Heinrich Baron de Briquemault de St. Loup. Der 1692 in Wesel verstorbene Generalleutnant hatte seine hugenottischen Glaubensbrüder im Auftrag des Großen Kurfürsten in dessen westlichen Gebieten in Empfang genommen, mit Kollektengeldern unterstützt und sich um ihre Ansiedlung bemüht.

Jeder Dritte floh in die Fremde

Ihm war so die Gründung der Hugenotten-Kolonien in Lippstadt, Hamm, Soest, Minden, Kleve, Wesel, Emmerich und Duisburg zu verdanken. Was der Feuersturm des Zweiten Weltkrieges von seinem Grab übrig ließ, eben die Reste dieses Sarkophages, sind ein rührendes Bild für die weitgehend verschüttete Geschichte der Hugenotten in Preußens Westen.

Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. hob 1685 das Toleranzedikt von Nantes (1598) auf und zwang sie massenhaft zur Auswanderung. Zwar war ihnen genau dies bei Todesstrafe untersagt. Aber da ihnen in ihrer Heimat nur die Wahl blieb zwischen dem Übertritt zur katholischen Kirche oder dem Erleiden erdrückender Zwangsmaßnahmen, zog mehr als jeder Dritte den gefährlichen und beschwerlichen Weg in die Fremde vor.

Wer blieb und nicht den Glauben wechselte, dem drohte Berufsverbot, Beschlagnahmung seines Besitzes, Trennung von seinen Kindern und sogar Galeerenhaft. Noch im gleichen Jahr 1685 gewährte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg seinen bedrängten Glaubensbrüdern mit dem Edikt von Potsdam Zuflucht in seinen Landen.

170.000 Hugenotten verließen Frankreich

Die Mehrheit der etwa 170.000 Hugenotten, die Frankreich verließen, wandten sich jedoch den wirtschaftlich gut entwickelten Regionen der Niederlande und Englands zu.

https://niederrheinmuseum-wesel.lvr.de

Nach Brandenburg-Preußen kamen eher die weniger Vermögenden. Gerade für sie waren die wirtschaftlichen Anreize besonders attraktiv, die der Landesherr einräumte: Zollfreiheit für alle mitgeführten Güter, zeitlich begrenzte Steuerfreiheit und Hilfen für neue Existenzgründungen. Mehr als 18.000 französische Glaubensflüchtlinge zog es so bis 1740 in die Lande unter dem Zepter der Hohenzollern. Der eindeutige Schwerpunkt der sog. Hugenotten- Kolonien lag in der Mark Brandenburg und vor allem in Berlin , wo um 1700 jeder vierte Einwohner französischer Herkunft war.

Der preußische Niederrhein nahm zur gleichen Zeit um die 600 und damit etwa 4,2 Prozent der damaligen französischen Kolonisten auf. In Kleve entstand 1685 die früheste Hugenottenkolonie, die 1700 47 Personen zählte und das Privileg besaß, ihre Gottesdienste in der Residenz des Landesherren, der Schwanenburg, abzuhalten.

Die Kolonie in Emmerich folgte 1686 und besaß im Jahr 1700 42 Mitglieder, die Duisburger Niederlassung, 1696 gegründet, bestand 1700 aus 38 Kolonisten.

Besonders mitgliederstark war die 1686 gegründete Kolonie in Wesel, die es im Jahr 1700 auf 472 Kolonisten brachte. Die Zuwanderer betätigten sich in verschiedenen Wirtschaftszweigen.

In Kleve und Duisburg arbeiteten französische Parfümeure

Dabei bedienten sie auch die Bedürfnisse ihrer einheimischen Nachbarn, sich als Damen und Herren von Welt zu erweisen – was zu jener Zeit nichts anderes hieß, als das französische Vorbild zu kopieren.

Im Jahre 1700 waren so französische Parfümeure in Kleve und Duisburg bemüht, die Geruchsqualität der eleganten Welt zu heben.

Hugenotten, die als Strumpf-Fabrikanten in Duisburg und Wesel wirkten, als Schuhmacher in Wesel und Emmerich, als Friseure und Perückenmacher in Duisburg, Emmerich und Wesel, arbeiteten ähnlichen Zielen entgegen: der Verbreitung französischer Lebensart.

Strumpf-Fabrikanten, Parfümeure

Auch bei den vier in Wesel nachgewiesenen französischen Bäckern darf man Ähnliches vermuten. Unter dem Einfluss der Hugenotten wurde die Wissenschaftslandschaft im frühen Preußen für die Aufnahme des Gedankenguts der Aufklärung und französischen Wissenschaft weit geöffnet.

Auch am Niederrhein finden sich hierzu Parallelen. So lehrte etwa der seit 1699 in Duisburg amtierende Pastor David Huguenin gleichzeitig an der Duisburger Universität. In Wesel schrieb der 1707 zugezogene Paul de Rapin de Thoyras (1661-1725), ein Historiker von europäischem Rang, seine Geschichte Englands, die das europäische Englandbild bis in das 19. Jahrhundert prägen sollte.

Freilich waren Einfluss und privilegierte Stellung der Hugenotten einer Integration in die sie umgebende Gesellschaft eher abträglich. Noch ein Jahrhundert nach dem Edikt von Potsdam lebten ihre Enkel als exklusiver Personenkreis in einer gewissen Distanz zu ihrer alteingesessenen Umgebung.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben