Fußball

Das Schicksal von 212 toten Bundesliga-Profis

Foto: NRZ

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Am Niederrhein. Erschossen, erfroren und verschollen: Der Straelener Finanzbeamte Peter Plum archiviert die verstorbenen Spieler aus der Fußball-Bundesliga. Jetzt fahndet er nach Peter Lechermann.

Irgendwann ist der Fußballer Peter Lechermann einfach von der Bildfläche verschwunden. „Ich habe gehört, dass er noch einen Coffieshop in Holland betrieben haben soll, aber dann verliert sich die Spur”, erzählt Peter Plum, dem diese Lücke zu schaffen macht. Lechermann, der zwischen 1969 und 1971 für den MSV Duisburg aktiv war und anschließend für die San Diego Soccers in der nordamerikanischen Soccer League spielte, ist in der deutschen Fußball-Geschichte zwar nur eine Randnotiz.

Doch Plum hält nahezu lückenlos nach, was aus den ehemaligen Profis, die seit 1963 in der Bundesliga spielten, geworden ist und hat im niederrheinischen Straelen ein Archiv über alle verstorbenen Bundesliga-Fußballer angelegt.

Nicht auf Verdacht

Es ist eine bemerkenswerte Sammlung, die der 55 Jahre alte Finanzberater zusammengestellt hat. Denn Plum trägt keinen Toten auf Verdacht in sein Archiv ein. Er bemüht sich, an Belege, wie Sterbeanzeigen, Zeitungsartikel, Totenbilder oder persönliche Mitteilungen der Angehörigen zu kommen.

„Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass mein Mann am 14. 6. 1992 an einem Herzinfarkt auf dem Sportplatz verstorben ist”, steht in einem Brief der Ehefrau des 1963/64 für den 1. FC Saarbrücken aktiven Dieter Haßdenteufel, der 50 Jahre alt wurde.

Lütkebohmert und Mannebach

Dass Herbert Lütkebohmert (45 Jahre/Schalke) an Krebs und Manfred Mannebach (44/St. Pauli) an Herzversagen verstarben, kann in Plums dicken Aktenordnern nachgelesen werden. Ebenso Geschichten über das Ableben von Weltmeister Helmut Rahn (74/Duisburg) oder Werner Greth (Saarbrücken), der im Alter von 31 Jahren 1982 in den Stickstoff-Bottich eines Chemiewerks stürzte und bei Minustemperaturen von 170 Grad erfror.

Frei zugänglich ist ein solches Archiv sonst nicht, auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) führt keine Nachweise über das Ableben seiner ehemaligen Spieler. Im Gegensatz zu Plum, der zudem alle Toten alphabetisch in einer Excel-Tabelle von Toni Allemann (72/Nürnberg) bis Dieter Zorc (69/Bochum) aufgelistet hat.

Neulich musste er mit Christoph Budde (46/Mönchengladbach) den 212. Verstorbenen eintragen. „Alles ist minutiös recherchiert, es gibt nur rund 20 Spieler, deren Spur verloren ging”, sagt Plum. 5000 Fußballer kamen seit 1963 in der Bundesliga zum Einsatz.

Exzessiver Autogrammsammler

Um an die Informationen zu gelangen, hat Plum ein regelrechtes Netzwerk aufgebaut. In allen Vereinen kennt er Archivare, die ihn bei Todesfällen sofort benachrichtigen. Hinzu kommt der Austausch mit einem halben Dutzend Autogramm-Sammlern, die wie Plum regelmäßigen Kontakt zu den Ex-Profis pflegen.

Für den Straelener sind die Todesanzeigen gewissermaßen nur ein Nebenprodukt. Plum nennt sich einen „exzessiven Autogramm-Sammler”, der auf Börsen und im Internet ständig alte Fußball-Bilder kauft, um diese dann mit dem Wunsch um ein Autogramm an die Ex-Profis zu schicken. Manche Sätze hat er in zehnfacher Ausführung. Über 200.000 Autogramme bewahrt Plum in seinem Keller auf, den er wie eine Schatzkammer hütet.

Zwei Stunden täglich

Rund zwei Stunden täglich investiert er in sein Hobby, recherchiert Adressen, schreibt Briefe und führt Telefonate. Die Zeit braucht er auch, denn die meisten Fußballer stehen nicht im Telefonbuch oder antworten einfach nicht. „Stefan Effenberg hat sich immer gefreut, wenn er in den USA Post von mir bekommen hat, aber es gibt viele Problemfälle”, meint Plum.

Raoul Tagliari, 1964 der erste Brasilianer des MSV Duisburg, hat er nur mit Hilfe von Dietmar Sukop von der Deutsch-Brasilianischen Handelskammer ausfindig machen können. Sukop fuhr mit dem Taxi nach Porto Alegre, um in Tagliaris Zahnarzt-Praxis die gewünschten Autogramme zu besorgen.

Vladimir Durkovic wurde ermordet

Der allererste Bundesliga-Brasilianer ist bereits tot. Zeze, der 1964 für den 1. FC Köln auflief, starb 2006. Manche Schicksale bewegen Plum. Um möglichst viel zu erfahren über das Ableben des Gladbacher Fußballers Vladimir Durkovic, der 1972 mit 33 Jahren von einem offenbar betrunkenen Polizisten in Sion erschossen wurde, reiste Plum zur Recherche in die Schweiz. Auch der Mord an Heinz Bonn beschäftige ihn. Der ehemalige Profi des Hamburger SV wurde 1991 mit mehreren Messerstichen aufgefunden. Guido Erhard (32/1860 München) warf sich indes wie Robert Enke (32/Hannover) vor einen Zug.

Plum will die verstorbenen Bundesliga-Profis weiterhin vor dem Vergessen bewahren und auch seine Autogramm-Sammlung ausbauen. „Das ist eine echte Herausforderung", sagt er. Vielleicht taucht ja auch irgendwann der verschollene Peter Lechermann wieder auf.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben