Geschichte am Niederrhein

Der heilige Willibrord hat den Niederrhein geprägt

Museumsleiter  Dr. Veit Veltzke.

Museumsleiter Dr. Veit Veltzke.

Foto: Markus Joosten / FUNKE Foto Services

Am Niederrhein.  Der heilige Willibrord hat vielfältige Spuren am Niederrhein hinterlassen. Dr. Veit Veltzke, Leiter des LVR Niederrheinmuseums in Wesel, erzählt.

In den Tagen des drohenden Brexit lohnt ein Rückblick auf die Anfänge der angelsächsischen Mission im 7. Jahrhundert auf dem europäischen Kontinent. Damals wirkten die englischen Mönche hier für die Verbreitung des christlichen Glaubens und für die geistige Einheit Europas – auch in der Begründung von romverbundenen Landeskirchen. Gleichzeitig betonten sie die weltliche Kirchenhoheit des Landesherrn.

Damit unterschied sich diese Missionsbewegung von der vorangegangenen irofränkischen Mission. Die irischen Mönche strebten in ihrer typischen Eigenwilligkeit nach Unabhängigkeit von geistlichen und weltlichen Instanzen. Anders verhielt es sich mit den angelsächsischen Missionaren: Den Anfang machte der Engländer Willibrord, der um 658 im südlichen Northumbrien als Sohn eines angelsächsischen Adligen geboren wurde. Bereits im Kindesalter übergab sein Vater ihn dem Kloster Ripon bei York.

690 brach Willibrord auf

Mit neunzehn Jahren wechselte Willibrord an das irische Kloster Rathmelsigi (heute: Cloumacnoise), an dem wohl auch die römische Liturgie galt. Sein Abt Egbert beschloss, die Missionierung Frieslands zu versuchen, nachdem der christliche Frankenherrscher Pippin der Mittlere 689 den Friesenherzog Radbod bei Dorstadt besiegt hatte. So brachen denn Willibrord und elf Gefährten 690 zur Mission nach Friesland auf und landeten mit ihrem Schiff wohl bei Katwijk an. Damals umfasste das friesische Siedlungsgebiet die Küste zwischen Schelde und der Weser.

Die heutigen niederländischen Provinzen Groningen, Friesland, Holland, Zeeland, Utrecht und die friesischen Inseln gehörten dazu.

Zum Erfolgsrezept ihrer Missionsarbeit gehörte, erst die Stammesfürsten zu gewinnen, um so auch ihre Gefolgschaft nachzuziehen. Allerdings versuchte Willibrord vergeblich, den Friesenfürsten Radbod zu bekehren.

Die Legende überliefert, Radbod habe gesagt, er wolle lieber mit seinen Vorfahren das Feuer der Hölle teilen, als ohne sie die Himmelsfreuden genießen. Willibrord verfolgte das herrschaftsgestützte Modell der Mission weiter und wandte sich nun an den fränkischen Herrscher Pippin, der sein Bekehrungswerk nach Kräften förderte. Pippin diente damit auch seinen politischen Interessen und konsolidierte so seine Expansionspolitik. Der papsttreue Benediktiner Willibrord wollte sich jedoch nicht von weltlichen Autoritäten vereinnahmen lassen und reiste nach Rom. Papst Sergius l. gewährte ihm den Segen für seine Mission und stattete ihn mit Reliquien für die Weihe der neuen Altäre aus.

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Willibrord war in seiner Missionsarbeit bald so erfolgreich, dass eine friesische Kirchenprovinz eingerichtet werden konnte, für die ihn der Papst 695 als Bischof/bzw. Erzbischof einsetzte. Bischofssitz wurde Wiltaburg (Utrecht), wo Willibrord in einer benediktinischen Klostergemeinschaft lebte, wenn er nicht, was häufig der Fall war, seine ausgedehnten beschwerlichen Missionsreisen unternahm. Hier führten ihn die Wege weit über seinen Sprengel hinaus: bis ins Seine-Marne-Gebiet, ins Elsass und nach Dänemark, ja selbst bis nach Thüringen.

Die Willibrordiarche in Emmerich

Neben der Wortverkündung setzten Willibrord und die Missionare seiner Zeit auf die Überzeugungskraft des Gottesurteils. Die heidnischen Heiligtümer wurden sichtbar entweiht: heilige Bäume gefällt und heilige Tiere geschlachtet, um deren Verehrer von der Machtlosigkeit ihrer Götter zu überzeugen. Die christlichen Apostel im Heidenland gingen hier hohe Risiken ein.

Auf seiner Rückfahrt von Dänemark verschlug es Willibrord auf eine nach der Göttin Fositas benannten Insel (Texel, Ameland oder Helgoland). Hier tötete er die heiligen Rinder der Fositas und taufte in ihrem heiligen Quell. Dem Tod konnte er nur mit knapper Not entrinnen. Das Los, das über ihn geworfen wurde, fiel dreimal zu seinen Gunsten aus. Weniger Glück beim Losentscheid hatte einer seiner Mitbrüder, der hier sein Leben einbüßte.

In den Niederlanden sind dem heiligen Willibrord mindestens 56 Pfarrkirchen geweiht

Willibrords Wirken ist tief in den kirchlichen Traditionen der Niederlande und des Niederrheins verankert. In den Niederlanden sind ihm wenigstens 56 Pfarrkirchen geweiht. In der Schatzkammer der Emmericher Martinikirche befindet sich die „Willibrordiarche“ aus dem 11. Jahrhundert, die laut Inschrift die von Papst Sergius übergebenen Reliquien enthalten soll. Die klevischen Landesherrn hatten seit dem 13. Jahrhundert auf diesem Reliquienschrein den Eid auf die Privilegien der Stadt Emmerich abzulegen.

In Kleve-Rindern steht ein Willibrordaltar, dessen Korpus ein dem keltisch-römischen Gott Mars Camulus gewidmeter Weihestein (1. Jhdt.n.Chr.) bildet – mit eingefügten Willibrordreliquien. Der Xantener Dom zeigt in einem Fenster der Nordwand eine Willibrordfigur von 1535 und auch der ev. Weseler Willibrordidom ist dem Heiligen gewidmet, wenn auch die Schenkung der Weseler Kirche um 730 an Willibrord umstritten ist.

Vor 1280 Jahren: am 7. November 739 verstirbt Willibrord in seinem Eigenkloster Echternach: eine seiner überlieferten Altersnotizen lautet: „in nomine dei feliciter“ – „in Gottes Namen glücklich“. Ausgehend von Kloster Echternach findet die Buchmalerei der Iren und Northumbrier weite Verbreitung auf dem europäischen Kontinent.

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