Jahr der Orgel

Der Königin ganz nah – in der Versöhnungskirche in Kleve

| Lesedauer: 5 Minuten
Thomas Tesche und die imposante „Strutz“-Orgel. Die beiden kennen sich in- und auswendig...

Thomas Tesche und die imposante „Strutz“-Orgel. Die beiden kennen sich in- und auswendig...

Foto: Thorsten Lindekamp / Funke Foto Services

Kleve.  Die Orgel ist die Königin der Musikinstrumente. Thomas Tesche ist Kantor in Kleve. Und seine Königin ist eine echte „Strutz“ – jung an Jahren...

Die Dame überrascht – sie ist groß und imposant – aber sie ist alles andere als unnahbar. Man muss auch gar keine schwindelerregende Höhe bewältigen, um ihr nahe zu kommen – ein paar Stüfchen sind es nur – und sie ist nun wirklich ganz nah dran an ihrer Fangemeinde. „Eine Strutz“, sagt Thomas Tesche mit einer Mischung aus Verliebtheit und Respekt. Eine Strutz-Orgel, Baujahr 1968 und, für alle die, die es ganz genau wissen wollen: 29 klingende Register, zwei Manuale, ein Pedal, rund 2000 Pfeifen.

Eine Pfeifenorgel

„Ein typisches Kind der Nachkriegszeit“, sagt Kantor Thomas Tesche dann noch, setzt sich an die Spielbank, Hände und Füße fließen über die Tasten – ein Organist muss sehr gelenkig sein – und dann drehen die Register auf, die Versöhnungskirche platzt nahezu vor konzertanter Power – und dann wird plötzlich alles ganz leise, zart und hauchfein. „Königin der Musikinstrumente“ – wahrlich, diesen Titel hat sich die Orgel verdient. Und die „Königin“ in der Versöhnungskirche in Kleve, die ist sich ihrer Klangfülle vermutlich sehr bewusst.

Die Versöhnungskirche (Evangelische Kirchengemeinde Kleve) ist – für eine Kirche – auch noch recht jung an Jahren. 1967 gebaut – just an der Stelle, wo einst eine Postkutschenstation die Altstadt eröffnete. Ihre Vorgängerin, die „Große Kirche“, war in den letzten Kriegsjahren zerstört worden.

Verjüngungskur für die Lady

Thomas Tesche ist hier Kantor seit über 30 Jahren. Der Mann weiß, wann seine „Königin“ mal nicht so gut drauf ist (oft, wenn das Wetter umschwingt) und freut sich, dass die Lady gerade mal wieder eine Verjüngungskur machen durfte. Alles entstaubt, gereinigt und durchgepustet, alle Klangfarben leuchten wieder. Mindestens einmal im Jahr muss so ein Großreinemachen sein.

Eine Kirche ohne Orgel ist irgendwie wie ein Körper ohne Seele. Man kann das auch so sagen: „Die Pfeifenorgel soll (...) als traditionelles Musikinstrument in hohen Ehren gehalten werden – denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben.“(II. Vatikanum).

Wenn sich die Orgelwinde zum Sturm aufbauen...

In der Versöhnungskirche ist die Orgel vor allem ganz nah dran an der Gemeinde, am Chor, an der Liturgie, den Zuhörenden. Ein paar Meter nur sind Spieltisch und die ersten mächtigen Orgelpfeifen von den hölzernen Sitzbänken im großen Kirchenkarree entfernt – man kann die „Königin“ atmen hören, man spürt, wie sie Luft holt, die Orgelwinde in ihr sich zum Sturm aufbauen und dann die geballte Kraft der Noten nach außen pustet.

Aber sie kann eben auch leise, zart und hingehaucht – und der Mann an den Tasten koordiniert auf geheimnisvolle Weise Füße und Hände, Klaviaturen und Noten, Stimmungen und Emotionen. Die Pfeife mit den tiefsten Tönen ist acht Meter lang – schon das imponiert. „Der Klang einer Orgel kann weit tragen“, sagt Thomas Tesche.

Rankett 16’ schwächelt gern

Hat die Klever Lady aus dem Hause Strutz denn auch eine Schwachstelle? Der Organist überlegt und grinst dann. „Nun ja, Rankett 16’.“ Ein Register mit tiefem Ton, klingt fast so wie eine tiefe Schalmei. „Rankett 16 ist gerne und leicht verstimmt – aber es ist auch ein Register, das ich ganz selten spiele.“ Überhaupt – die Register.

Es gibt nix, was eine Orgel nicht auch kann: sie kann trompeten und jubilieren, flöten und posaunen, sie kann Glöckchen klingen lassen und zwischendurch wie ein Waldhorn tröten.

Tag der Orgel

Das Spannende ist, sagt Thomas Tesche, immer wieder auszuprobieren, welche Register man kombinieren kann, wie sie zusammenspielen und zusammenklingen. Und immer versuchen, das Klangbild so hinzubekommen, dass es authentisch ist, dass es so klingt wie sich der Komponist das seinerzeit gedacht hat.

Hier gibt es mehr Infos zum Tag der Orgel

Oh ja, und wie sagte weiland doch ein Herr namens Honoré de Balzac: „Die Orgel ist ohne Zweifel das größte, das kühnste und das herrlichste aller von menschlichem Geist erschaffenen Instrumente. Sie ist ein ganzes Orchester, von dem eine geschickte Hand alles verlangen, auf dem sie alles ausführen kann“.

Am Tag der Orgel, Sonntag, 12. September, 18 Uhr, wird Thomas Tesche alle Register ziehen – sogar Rankett 16’. – Orgelkonzert in der Versöhnungskirche Kleve (Hagsche Straße 91): „Präludium und...“ Mit Werken von Johann Sebastian Bach, César Franck, Gaston Litaize und Otfried Büsing. Eintritt frei, Kollekte am Ausgang. Aktuelle Coronainfos (Zugangsbedingungen) unter: www.kleve-ekir.de

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Niederrhein

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben