Kinder und Corona

Ein-Kontakt-Regel: „Geht so nicht“ kritisiert eine Mutter

Kinder sollen möglicherweise in der Freizeit bald nur noch einen Freund oder eine Freundin treffen dürfen - wegen Corona. (Symbolbild)

Kinder sollen möglicherweise in der Freizeit bald nur noch einen Freund oder eine Freundin treffen dürfen - wegen Corona. (Symbolbild)

Foto: Marco Kneise / Thüringer Allgemeine

An Rhein und Ruhr.  Angela Merkel will Treffen zwischen Kindern auf einen festen Freund beschränken. Eine Mutter beschreibt, welche unlösbaren Probleme entstünden.

Es ist ein Vorschlag, der auf Unverständnis stößt: „Meine Tochter hat seit der Grundschule zwei beste Freundinnen“, erzählt Manuela*. „Sie könnte sich niemals für eine der beiden entscheiden.“ Vor allem für jüngere Kinder sei eine solche Wahl nicht zumutbar, sagt Manuela. Ihre Überlegungen sind mehr als nur theoretischer Natur: Zur Eindämmung des Coronavirus hatte Kanzlerin Angela Merkel Anfang vergangener Woche striktere Kontaktbeschränkungen ins Gespräch gebracht. Private Zusammenkünfte sollen demnach auf einen festen Haushalt beschränkt werden.

Für Kinder hieße das: Sie dürften sich nur noch mit ein und demselben Freund treffen. Noch ist nichts beschlossen, bis zum Bund-Länder-Gipfel am 25. November bleibt es vorerst bei einer Empfehlung. Und doch sorgt die „Ein-Kontakt-Regel“ schon jetzt bei vielen Eltern für Verunsicherung. Ihre Tochter ist neun Jahre alt, geht seit diesem Jahr in die fünfte Klasse. „Wenn es tatsächlich zu einer solchen Regelung kommt, müsste ich ihr die Entscheidung abnehmen.“ Aber anhand welcher Kriterien soll die Mutter auswählen? Und wie würde die andere Freundin auf die Zurückweisung reagieren?

Mutter warnt: Einigen Kindern droht Ausgrenzung

Manuela treibt noch eine weitere Sorge um: „Es gibt auch Kinder, die nur einen besten Freund haben.“ Falls sich dieser dann für einen anderen Mitschüler entscheidet, stünde das Kind völlig alleine da. „Das wäre dann wie im Sportunterricht: Die Kinder wählen nach und nach die Teams und am Ende bleibt ein Kind übrig.“ Ein Szenario, das insbesondere Schülerinnen und Schülern drohen würde, die ohnehin schon einen schweren Stand in der Klasse haben. „Das darf nicht sein“, so Manuela. Bevor einzelne Kinder ausgegrenzt werden, würde sie den privaten Kontakt lieber komplett verbieten.

Auch innerhalb der Familien könne es zu Diskussionen kommen, warnt die Mutter. Zwar sei ihre Tochter ein Einzelkind. „Aber was ist mit Eltern, die mehrere Kinder haben?“, fragt Manuela. „Kann sich dann jedes Kind einen festen Freund aussuchen oder müssten die Eltern entscheiden, welches der Kinder seinen Freund treffen darf und welches nicht?“ Nur in den seltensten Fällen würden Freunde von Geschwisterkindern aus ein und demselben Haushalt kommen. Einem Kind den Kontakt zu erlauben und dem anderen zu verbieten – „das wäre echt hart“, sagt Manuela. „Das geht so nicht.“

Familienministerin Giffey verteidigt Ein-Kontakt-Regel

Kritik kam auch von Kinderschutzverbänden und Jugendpsychiatern. Der Vorstoß aus dem Bundeskanzleramt sei „völlig unverhältnismäßig und kinderfeindlich“, sagte Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Soziale Interaktion ist sehr wichtig, gerade für Jugendliche ist sie das zentrale Entwicklungsmoment.“ Auch mehrere Ministerpräsidenten sollen sich bereits gegen den Vorschlag aus dem Kanzleramt ausgesprochen haben.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) verteidigte die Ein-Kontakt-Regel hingegen. Schließlich könnten die Kinder ihre Freunde auch in der Schule oder Kita treffen. Außerdem würden sich viele Schüler bereits im Grundschulalter über digitale Kanäle austauschen, um Hausaufgaben zu machen oder miteinander zu spielen. Ein Argument, das Manuela nicht zählen lassen will. Gerade bei jüngeren Kindern sei der direkte persönliche Kontakt mit Freunden sehr wichtig. „Meine Tochter spielt immer noch Rollenspiele. Das geht nicht übers Handy.“

„Nur mit Empfehlungen scheint es leider nicht zu klappen“

Trotzdem wolle die Mutter nicht zu hart mit der Bundesregierung ins Gericht gehen. Es sei sicherlich schwierig für die Politiker, in der Kürze der Zeit sinnvolle Lösungen zu finden. „Nur mit Empfehlungen scheint es ja leider bei einigen nicht zu klappen.“ Sie erinnere sich noch gut an den Beginn der Pandemie, als sie ihrer Tochter jeden Kontakt untersagte und vor dem Fenster Kinder über die Straße rannten. „Meine Tochter hat geweint und gefragt: ‚Warum dürfen die anderen Kinder draußen spielen und ich nicht?‘“, erzählt Manuela. „Und das soll ich dann meinem Kind erklären.“

Die Mutter plädiert deshalb für klare Vorschriften, an die sich alle halten müssen – notfalls auch verschärfte Kontaktbeschränkungen. Aber die Ein-Kontakt-Regel greife zu kurz und lasse zu viele Fragen unbeantwortet. „Das ist genauso wie mit den vorgezogenen Weihnachtsferien. „Wir nehmen den Schulen zwei Tage weg, aber haben noch gar nicht geklärt, wann der Unterricht nachgeholt werden soll.“

Dass sich ihre Tochter womöglich bald nur noch mit einer Freundin treffen darf, sei der falsche Ansatz. Zumal sie ja am Vormittag, wie die meisten Kinder und Jugendlichen, mit Dutzenden Altersgenossen in einer Klasse sitzt. Auch Videoanrufe übers Smartphone oder Tablet seien ein schwacher Trost. „Sie ist halt noch ein Kind“, sagt Manuela. Und Kinder sollten sich nicht zwischen ihren besten Freunden entscheiden müssen, fordert die Mutter.

>>> Laschet plädiert für strengere Regeln bei privaten Treffen

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hat sich im Vorfeld des Corona-Gipfels für eine Verschärfung der Kontaktbeschränkungen ausgesprochen. Private Treffen sind laut Corona-Schutzverordnung des Landes NRW aktuell auf zwei Haushalte und maximal zehn Personen begrenzt. Laschet forderte am Freitag, die Anzahl der Teilnehmer auf maximal zwei Personen pro Haushalt zu reduzieren.

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